Was Atomstrom wert ist

Manches, das gilt wit­zi­ger­weise sehr häu­fig gerade für Presseerklärungen, ver­steht man nur, wenn man noch mal fragt. Dazu hatte ich heute keine Zeit. Ich ver­sucht trotz­dem mal, die Geschichte zu erzählen.

Alle Parteien im Schleswig-​​Holsteinischen Landtag wol­len aus der Atomenergie aus­stei­gen. Und zwar zack. Weil man Unfälle oder Unglücke im Zusammenhang mit Atommeilern nicht beherr­schen kann, sie also stets eine Gefahr für die Menschheit sind. Ein kla­res Ziel, eine klare Forderung, eine klare Begründung. Politik halt.

Politik, so sagt die wohl ein­gän­gigste Definition, ist „jeg­li­che Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen“. Es gibt noch dut­zende wei­tere Begriffe von Politik, die alle eins gemein­sam haben: Politik ist nicht „Gewinnmaximierung und Erhöhung der Eigenkapitalrendite“. Das ist Shareholder-​​Value. Das ist allein was für Unternehmen, die Werte allein finan­zi­ell betrach­ten. Das kann man nicht auf Politik über­tra­gen. Dort geht es um gesell­schaft­li­che Werte, um Inhalte, um Interessen. Daraus folgt für mich — gerade weil ich über­zeug­ter und wenig kom­pro­miss­be­rei­ter Anhänger der Schuldenbremse bin — dass das Vermeiden von Mehrausgaben, das Erzielen von Mehreinnahmen oder das Steigern der Effizienz nicht Ausdruck von poli­ti­schem Willen ist, son­dern ein Argument im Rahmen des Abwägungsprozesses über die Werte der Policy, ein Teil des Prozess, in dem ver­han­delt wird, wer begüns­tigt wird und wer eine Last zu tra­gen hat.

Ich hatte, wie gesagt, nicht die Zeit, genauer zu recher­chie­ren und zitiere des­halb hin­sicht­lich des Sachverhaltes im Wesentlichen aus Presserklärungen der SPD und der Grünen. Der Ablauf scheint aber unstrit­tig zu sein; in den Presserklärungen, die ich alle­samt ver­linke, wider­spricht inso­weit nie­mand niemandem:

Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion Bündnis 90/​Die Grünen, Monika Heinold, schrieb, dass Landtagspräsident Torsten Geerdts (CDU) im Zuge der Diskussionen über einen Ausstieg aus der Atomkraft ange­regt habe, dass sich der Finanzausschuss des Landtages damit befas­sen solle, ob der Landtag künf­tig bei sei­nem Strombezug auf Atomstrom ver­zich­ten könne.

Nun hat, so berich­tet der ener­gie­po­li­ti­sche Sprecher der SPD-​​Landtagsfraktion, Olaf Schulze, die für die Bewirtschaftung der Landesliegenschaften ver­ant­wort­li­che GMSH in der Osterpause das gesamte Stromnetz für die Landesgebäude, zu denen auch der Landtag gehört, neu aus­ge­schrie­ben. Sie habe jedoch keine Vorgabe gemacht, dass anstelle von Atomstrom Öko­strom ange­bo­ten wer­den solle. Der Direktor des Schleswig-​​Holsteinischen Landtages teilte den Parlamentarischen Geschäftsführern der Fraktionen und dem Vorsitzenden des Finanzausschusses am 2. Mai schrift­lich mit, dass eine Anpassung der lau­fen­den Ausschreibung der GMSH bis zum 6. Mai mög­lich ist.

Bislang ist alles noch okay: Der Landtagspräsident argu­men­tiert poli­tisch. Die Verwaltung teile Fakten mit und weist auf die Rahmenbedingungen hin, in den Politik ent­schei­den kann. Die GMSH, die auf ihrer Webseite unter ande­rem schreibt, dass sie zu einer Effizienzsteigerung in allen Bereichen der Gebäudebewirtschaftung bei­tra­gen wolle und so ihren Beitrag zur Entlastung der öffent­li­chen Haushalte leiste, hat — was mir ihr als Dienstleister nicht vor­wer­fen mag — allein den Shareholder-​​Value im Blick gehabt.

Nun for­der­ten SPD, Grüne, Linke und SSW zu Beginn der heu­ti­gen (5. Mai) Sitzung des Finanzausschusses, das Thema auf die Tagesordnung zu neh­men. Und? CDU und FDP lehn­ten das ab!

Betrachte ich die Argumentationslinien der Fraktionen in der Sache (die wech­sel­sei­ti­gen Vorwürfe lasse ich außen vor), dann tut sich ein Abgrund auf:

  • Die SPD (Olaf Schulze) argu­men­tiert, man müsse „mit gutem Beispiel vor­an­ge­hen“.
  • Die Grünen (Monika Heinold) wol­len nicht, dass „Ankündigungen,­ einen Umstieg in der Energiepolitik zu wagen, nur Lippenbekenntnisse sind“.
  • Der SSW (Lars Harms) fin­det, der „Landtag muss beim Bezug von Öko­strom Vorbild sein“.
  • Die Linken (Uli Schippels) mei­nen, „heute hätte der Landtag ein Zeichen für die not­wen­dige Energiewende set­zen kön­nen“.
  • Die CDU (Tobias Koch) ent­geg­net, „auf münd­li­chen Zuruf finanz­wirk­same Entscheidungen tref­fen zu wol­len, spricht nicht für soli­des Haushaltsgebahren“.
  • Die FDP (Katharina Loedige) ergänzt, „nach dem jet­zi­gen Ausschreibungstext kön­nen sich alle Anbieter an der Ausschreibung betei­li­gen, also auch Öko­strom­an­bie­ter“.
  • Beide beken­nen sich anschlie­ßend ver­bal zum Ausstieg aus der Kernenergie und Umstieg auf eine rege­ne­ra­tive Energieversorgung.

So kann Politik nicht funk­tio­nie­ren! Es geht mir nicht um rich­tig oder falsch, nicht um pro oder con­tra Atomstrom.
Ich glaube jedoch, dass man poli­tisch gut oder schlecht argu­men­tie­ren kann. Und dass die Mensch es mer­ken und Aufrichtigkeit und Gradlinigkeit -, egal, ob sie die poli­ti­sche Linie nun tei­len oder nicht — beloh­nen. Aber sich von schlech­ter Politikausübung distanzieren.

Die Reduktion von poli­ti­schen Willen auf die Prüfung, ob „soli­des Haushaltsgebahren“ zu ver­zeich­nen ist (Wie geht das? Wirtschaftlichkeitsberechnungen von fünf ver­schie­de­nen ver­ei­dig­ten Wirtschaftsprüfern; vier Monate Antragsfrist; drei abzu­ge­bende Durchschläge mit je zwei beglau­big­ten Unterschriften auf dem ein­zig rich­ti­gen Vordruck?) in mei­nen Augen unter­ir­disch. Und der Hinweis, es könne sich ja jeder bewer­ben, ist end­lich auch nichts ande­res als die erb­sen­zäh­le­ri­sche Bewerbung um einen Platz an der Sonne in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Opposition.

Update: In der erste Fassung waren alle Verlinkungen ver­lo­ren gegangen

Über Swen Wacker

Swen Wacker, 49, im Herzen Kieler, wohnt in Lüneburg, arbeitet in Hamburg.
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