Landtagswahl 2012: Die Parteien im Verständlichkeitstest — Update

Wer Politiker wirk­lich ver­ste­hen will, braucht einen Universitätsabschluss“. Zu die­sem Schluss kommt eine Kieler Werbe– und Marketingagentur, die mit einer spe­zi­ell ent­wi­ckel­ten Software die Kommunikation der Parteien in Schleswig-​​Holstein unter die Lupe nahm.

Die Hauptprobleme sind zu lange und ver­schach­telte Sätze, abs­trakte Wörter, Fachbegriffe und Fremdwörter“. Die Verständlichkeit von Texten wird mit dem Hohenheimer Index in Zahlen aus­ge­drückt: 0 steht für „über­haupt nicht ver­ständ­lich“, 20 heißt „sehr ver­ständ­lich“. Eine wis­sen­schaft­li­che Dissertation liegt durch­schnitt­lich bei 4,3. Eine weit­hin ver­pönte Boulevard-​​Zeitung erreicht in ihren Politik-​​Beiträgen einen Verständlichkeits-​​Wert von 16,8. Auf der Webseite textmonitor.de kann man die Methode in Aktion sehen.

Komplizierte Wahlprogramme

Vera Baastrup, Mitarbeiterin der Kieler Werbe– und Marketingagentur New Communication fin­det: „Die Wahlprogramme sind viel zu kom­pli­ziert. Sie haben teil­weise das Schwierigkeitsniveau einer Doktorarbeit.“ Das Ergebnis der Analyse:

FDP:      3,09 Punkte

CDU:      4,29 Punkte

SSW:      5,11 Punkte

Piraten   5,16 Punkte

SPD       5,57 Punkte

Grüne     6,11 Punkte

Linke     6,34 Punkte

Die „ver­ständ­lichste“ Partei, die Linke, spricht mit ihrem Wert immer noch ein Akademiker-​​Publikum an.

Bandwurmsätze und Fach-​​Chinesisch

Baastrup zählt Stolperfallen auf:

Lange Sätze. Sie behin­dern die Verständlichkeit. „Die abso­lute Obergrenze sollte bei 20 Wörtern pro Satz lie­gen.“ Die FDP türmt in ihrem Wahlprogramm ein Satzungetüm von 64 Wörtern auf: „Spätestens nach dem drit­ten Komma hat der Leser die Informationen vom Satzanfang ver­ges­sen“.

Lange und schwie­rige Wörter, Anglizismen und Fachausdrücke. „Landesinformationsfreiheitsgesetz“ (CDU), „Haushaltsbegleitgesetzgebung“ (Linke), „Oberflächenwasserentnahmegesetz“, „Basel III“ (FDP), „Repowering“ und „Gender Mainstreaming“ (SSW): „Den unbe­darf­ten Bürger trei­ben der­art kom­pli­zierte Vokabeln schnell zur Kapitulation“, so Baastrup.

Kurzprogramme und aktu­elle Meldungen verständlicher

Einen Lichtblick sind die Kurzprogramme, die von CDU, FDP, Grünen, Piraten und Linken ange­bo­ten wer­den: „über­sicht­li­cher“ und „ver­ständ­li­cher“ lau­tet das Urteil. Ganz vorn ist die Linke. Die Kurzfassung ihres Wahlprogramms ist mit 17,24 Punkten gera­dezu vor­bild­lich in Sachen Verständlichkeit. Das Schlusslicht ist die FDP. Mit 7,43 Punkten macht sie mit ihrem Kurzprogramm aber immer­hin noch einen deut­li­chen Sprung nach oben auf der Verständlichkeits-​​Skala.

Auch bei den auf den Webseiten der Parteien ver­öf­fent­li­chen Meldungen sind die Ergebnisse nach dem Urteil der Forscher erfreu­li­cher. Wieder vorn dabei: Grüne und Linke. Bis auf kleine Ausreißer bei der Linken liegt kein Ergebnis unter 9 Punkten. „Leider sind die übli­chen Verständlichkeits-​​Hürden jedoch auch bei kur­zen Meldungen keine Seltenheit“, urteilt Baastrup. „In der hei­ßen Wahlkampf-​​Phase ver­schen­ken viele Parteien die Chance, auf Augenhöhe zu kom­mu­ni­zie­ren. Wer nicht ver­stan­den wird, kann nicht über­zeu­gen.

Innovativ: die Grünen

Ein Lob der Werber geht an die Grünen: In Sachen Kommunikation auf Augenhöhe fal­len sie ihrer Meinung nach in ihren aktu­el­len Meldungen posi­tiv auf. „Wie keine andere Partei bemü­hen sie sich, ihren Lesern die Inhalte ihres Programms ver­ständ­lich näher­zu­brin­gen“. „Am bemer­kens­wer­tes­ten“ seien sechs kleine Filme, in denen Spitzenkandidat Robert Habeck aus­ge­wählte Punkte des Programms erkläre. „Auch wenn in der schrift­li­chen Fassung der Wahlprogramme noch deut­lich Luft nach oben ist, merkt man, dass sich hier jemand ernst­haft mit dem Thema Verständlichkeit aus­ein­an­der­ge­setzt hat“, lobt Baastrup.

Verständlichkeit in Echtzeit verfolgen

Wer mag, kann die sehr detail­lier­ten Ergebnisse der Verständlichkeits-​​Analyse auf www.textmonitor.de in Echtzeit ver­fol­gen. Dort lesen die Verständlichkeits-​​Forscher bis zur Wahl am 6. Mai regel­mä­ßig wei­tere Meldungen der Parteien ein.

 

Dieser Text basiert wesent­lich auf einer ges­tern (17. April 2012) ver­öf­fent­lich­ten Pressemeldung der Kieler Werbe– und Marketingagentur New Communication. Die ein­ge­setzte Textverständlichkeits-​​Software ist TextLab. New Communication hat mir auf Nachfrage ver­si­chert, dass sie – mit Blick auf den Wahlkampf – mit den oben erwähn­ten Landesverbänden der Parteien nicht in geschäft­li­chen Beziehungen steht.

Update: 19.04.12, 00:07 Uhr Ich habe die ursprüng­lich im Text erwähn­ten Bezüge zur Universität Hohenheim auf­grund des Kommentars eines Mitarbeiters der Universität entfernt.

Über Swen Wacker

Swen Wacker, 49, im Herzen Kieler, wohnt in Lüneburg, arbeitet in Hamburg.
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12 Antworten auf Landtagswahl 2012: Die Parteien im Verständlichkeitstest — Update

  1. Kai Dolgner sagt:

    Das Ergebnis bei den Piraten hat mich schon ein bissl über­rascht. Was ler­nen wir dar­aus: Schwarmintelligenz macht Wahlprogramme wohl auch nicht verständlicher ;-).

    Kai

  2. Erstaunlich wie ver­küm­mert Sprachkompetenz in Deutschland ist — ich hätte gedacht, das ist ein Randgruppenproblem; obwohl es durch­aus allein wegen Menschen mit Migrationshintergrund, Legasthenie oder ande­ren Benachteiligten loh­nens­wert und ehren­voll ist, sich ver­ständ­lich aus­zu­drü­cken (vor allem wenn man ein Land füh­ren will), bin ich davon über­rascht, wie wenig fähig offen­bar der deut­sche Durchschnittsbürger ist, Kommentarbeiträgen wie die­sem von mir hier ver­fass­ten zu fol­gen und die­sen nicht nur in sei­ner Gänze zu ver­ste­hen, son­dern ihn auch noch zu behal­ten und im bes­ten Falle zu einem spä­te­ren Zeitpunkt — wenigs­tens sei­nem Sinn nach — wie­der­zu­ge­ben, ohne meine Aussagen zu ent­stel­len, zu ver­dre­hen oder gar in ihr Gegenteil umzu­keh­ren (ins­be­son­dere wenn man bedenkt, dass ich nicht ein ein­zi­ges Mal auf die neue bar­rie­re­freie Informationstechnik-​​Verordnung (BITV 2.0) ver­wie­sen habe, die sich unter ande­rem auch mit dem Aspekt der ange­mes­se­nen Ausdrucksweise beschäf­tigt) . ;-)
    Wenn unsere Schulen nicht — wie­der — bes­ser wer­den, kann man Kafkas Gesamtwerk auch ver­bren­nen — und über­haupt die Hälfte der Autoren, um derent­wil­len man uns mal das Land der Dichter und Denker nannte. Einschließlich Kant, Hegel und Marx…

    • H-H. Paustian sagt:

      Sehr geehr­ter Herr Haunschild,
      wer glaubt, ver­küm­merte Sprachkompetenz sei ein Randgruppenproblem,
      dem könnte man Realitätsferne nach­sa­gen oder schlim­mer noch,
      Borniertheit. Zweiteres möchte ich Ihnen kei­nes­falls unter­stel­len.
      Wer jedoch von der sprach­li­chen Unfähigkeit des Deutschen Durchschnittsbürgers schreibt, der legt nahe, er selbst sei über­durch­schnitt­lich mit sprach­li­cher Kompetenz aus­ge­stat­tet. Ich bitte Sie daher zu beden­ken, dass die soge­nannte Sprachkompetenz auch kom­mu­ni­ka­tive Kompetenz beinhal­tet. Und dies bedeu­tet nichts ande­res, als sich im sozia­len Kontext adäquat aus­zu­drü­cken. Kommunikative Kompetenz ist gege­ben, wenn man sich auf die sprach­li­chen Fähigkeiten sei­nes Gespächspartners ein­stellt und sich ent­spre­chend ver­ständ­lich aus­drückt. Dichten und Denken allein macht weder satt noch ist per se dumm, wer Kafka nicht gele­sen hat. Ein Narr allein ist viel­leicht, wer Kafkas Werk ver­bren­nen will.

      Herzlichst
      H.H. Paustian

      • Hallo haha

        Leg ich mich aus,
        so leg ich mich her­ein.
        ich kann nciht selbst
        mein Interprete sein.

        Nur so viel als klei­ner Tipp: der Smiley ist nicht zufäl­lig in mei­nem Posting und andere Diskussionsteilnehmer haben auch durch­aus plau­si­ble Deutungsmöglichkeiten benannt.

        Noch ein Tipp: Da die­ser Text von mir „nur” ein Kommentar auf einen Blogeintrag ist, soll­test Du viel­leicht keine allzu hohen Erwartungen an Komposition und Ausformulierung stellen.

        Marc

  3. Ulf Evers sagt:

    Arno Schmidt ging davon aus, dass der Anteil der­je­ni­gen, die den Bestand der Kunstwerke der Menschheit berei­chern, der drit­ten Wurzel der Bevölkerung ent­spricht. Auf die Bundesrepublik bezo­gen kämen jetzt also unge­fähr 430 Dichter und Denker her­aus, um von denen wie­derum die „Wahrhaften” zu ermit­teln, emp­fahl er noch­mals die dritte Wurzel zu zie­hen… Auch wenn man diese Sicht viel­leicht als zu pes­si­mis­tisch emp­fin­det, bleibt der Anteil der­je­ni­gen, die wir heute als Dichter und Denker emp­fin­den, an der zu ihrer Zeit leben­den Bevölkerung ver­schwin­dend gering.
    Der Anteil der Soldaten und Mörder an der Gesamtbevölkerung ist zu jeder Zeit grö­ßer gewe­sen.
    Auch aus die­sem Grunde halte ich es für ver­we­gen, Kafkas Gesamtwerk zu ver­bren­nen, weil es nur noch wenige verstehen.

    Aber abge­se­hen davon unter­schei­den sich Wahlprogramme und die Werke der soge­nann­ten Dichter und Denker in einem ganz wesent­li­chen Punkt & sind daher nicht zu ver­glei­chen: ein D&D möchte ver­stan­den wer­den, ein Wahlprogramm soll i.d.R. auch nach der Wahl nicht die Möglichkeit ver­bauen, sich eine ange­mes­sene Beteiligung an der Macht zu sichern. Vielleicht erreicht aus die­sem Grunde das Programm der F.D.P. die nied­rigs­ten Werte, weil auch hin­ter­her alles mög­lich sein soll, und das Programm der Linken die höchs­ten Werte, weil sie schrei­ben kön­nen was sie wol­len, es ist bereits jetzt klar, dass kei­ner mit ihnen „spie­len” möchte.

  4. Es ist alle­mal belus­ti­gend, wenn ich lese, wie die bei­den Vorkommentatoren das Thema auf die Schippe neh­men. Für mich stellt sich trotz der nicht neuen Erkenntnis immer wie­der die glei­che Frage:
    Welchen Eindruck will die Politik erzeu­gen mit ihrer unver­ständ­li­chen Ausdrucksweise? Ist es die geschickte Verschleierung des eige­nen Unvermögens, um wei­ter­hin von Steuergeldern zu pro­fi­tie­ren, oder eher die Angst, dass Bürger, die ver­ste­hen, sich even­tu­ell weh­ren?
    Zu Zeiten als Politik noch ver­steh­bar war (die Zeiten hat es tat­säch­lich gege­ben), gab es aber auch noch eine soziale Marktwirtschaft. In der sozia­len Markwirtschaft war die Verteilung des Kapitals zur Leistung des Einzelnen aber noch so, dass man in der Lage war, pro­blem­los in der Gesellschaft zu ste­hen.
    Dass man heute in der Politik sol­che und noch viele andere Misstände ver­schlei­ert, kann ich durch­aus nach­voll­zie­hen. So lange die Politiker nur noch das Ziel der Macht im Auge haben, um das Staaatsvermögen zu beherr­schen, aber in keins­ter Weise den Bürger ver­tre­ten (höchs­tens mal mit aus­tausch­ba­ren Lügen im Wahlkampf) haben sie gar kein Interesse, dass eine Mehrheit sie ver­steht.
    Ich finde die Erhebung infor­ma­tiv und sie stützt eine seit­her gefühlte und eher emo­tio­nale Meinung mit Sachfakten. Dass in den Rand– und Schlussbemerkungen des Autors jede Partei ihr Fett weg­be­kommt, außer der SPD, ist sicher Zufall!

    • Swen Wacker sagt:

      > Dass in den Rand– und Schlussbemerkungen des Autors jede Partei ihr Fett weg­be­kommt, außer der SPD, ist sicher Zufall!

      Ja. Das sehe ich auch so. Denn lobend erwähnt wird sie (im Gegensatz zu ande­ren) auch nicht. Es liegt in der unver­meid­li­chen Natur der Sache, dass Bewertungen dazu füh­ren, dass man­che gelobt, mache kri­ti­siert und man­che beschwie­gen wer­den. Daraus einen Strick zu dre­hen klappt nur dann, wenn ich bele­gen könnte, dass die Auswahl) in wel­che Richtung auch immer) mani­pu­la­tiv erfolgte. Das habe ich nicht festgestellt.

  5. Tirofe sagt:

    Interessant ist ja, mit wel­chen Quellen bei den Piraten gear­bei­tet wurde: Nämlich mit Quellen aus ande­ren Landesverbänden der Piratenpartei und deren Wiki.

  6. Hallo zusam­men!
    Toll, dass hier so eine leb­hafte Diskussion über unser Projekt ent­steht.
    Selbstverständlich wurde die SPD nicht bevor­zugt. Genau wie die ande­ren Parteien haben wir auch hier jede Menge Verständlichkeits-​​Verstöße gefun­den, wie man auf http://www.textmonitor.de ja auch sieht. Leider gibt es bis jetzt kein Kurzprogramm der SPD. Daher sind sie in die­sem Bereich nicht ver­gleich­bar. Aber viel­leicht kommt ja noch was =).
    Und geht’s aller­dings auch weni­ger darum, ein­zelne Parteien an den Pranger zu stel­len. Vielmehr möch­ten wir auf das Thema Textverständlichkeit auf­merk­sam machen. Das ist nicht nur ein Politiker-​​Problem, son­dern zieht sich durch viele „Branchen”. Man denke nur mal an Vertragsbedingungen, Beipackzettel, Bedienungsanleitungen usw. Die Landtagswahl ist natür­lich ein extrem dank­ba­res Thema. Mit schlech­ten Ergebnissen war zu rech­nen. Aber viel­leicht nimmt’s sich der eine oder andere Politiker ja zu Herzen …

    • Ihr Hinweis auf die Landtagswahl SH ist eigent­lich das, was mich am meis­ten beein­druckt. Wenn ich ein­mal sehe wel­che Inhalte die SPD und vor allem in wel­chem Imfang und mit wel­cher Bürgerbeteiligung, bis jetzt vor­an­treibt, stelle ich mir ein­fach die Frage wie das zu den dar­ge­stell­ten Ergebnissen führt. Die Themenvielfalt die die SPD täg­lich ins Land getra­gen hat, spie­gelt sich darin nicht wider.

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