Läufer sind einfach starke Typen

Es gibt Leute, die kennt man ein gefühl­tes Leben lang. Michael Legband habe ich Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre ken­nen­ge­lernt, als ich im Büro des dama­li­gen Ministerpräsidenten tätig war und er als Journalist für RTL, ZDF, DIE WELT oder die Nachrichtenagentur Associated Press (ap) die Landespolitik begleitete.

Michael sah schon damals – ich hoffe, meine Erinnerung trügt mich jetzt nicht völ­lig – so aus wie heute. Was nicht nur ein Lob ist son­dern auch den Umstand beinhal­tet, dass er damals wie heute nicht wie ein Hochleistungssportler daherkommt.

Dabei hat der gebür­tige Itzehoer am 1. September 1970 Sportgeschichte geschrie­ben. Michael Legband unter­bot mit 14:59,8 Minuten über 5.000 Meter als ers­ter deut­scher Jugendlicher die Schallmauer von 15 Minuten. Diese Leistung erzielte der sei­ner­zeit für Gut-​​Heil Itzehoe (heute: Sport-​​Club Itzehoe) star­tende Mittel– und Langstreckenläufer im Rahmen eines Abendsportfestes in Itzehoe. Damals war das Wetter auch nicht bes­ser als heute. In sei­nem Wettkampftagebuch notierte er: „gegen star­ken Wind und Regen“.

Wenn man mit ihm über diese Zeit redet, dann wer­den nicht nur bis zu 180 wöchent­li­che Laufkilometer, täg­li­che zwei Trainingseinheiten und dunkle Erinnerungen an kör­per­li­che Erschöpfung wie­der wach – son­dern auch andere, gute Seiten: „Das war groß­ar­tig, was die Vereins– und Verbandsführung uns Nachwuchssportlern damals gebo­ten haben.“ Man kam aus Itzehoe raus, lernte Deutschland und ein klein wenig sogar Europa kennen.

Deutschland ken­nen­ler­nen, das hieß in ers­ter Linie: Wettkämpfe besu­chen. Die läu­fe­ri­sche Klasse war vor­han­den. Noch heute Landesrekord sind die 15:27,6 Minuten in der 4 x 1.500 Staffel, die er mit 3 Itzehoer Kollegen als Jugendlicher bei den Männerwettbewerben der Deutschen Staffelmeisterschaften in Stuttgart lief. Sein 1971 gelau­fe­ner Rekord über 3.000 Meter (8:19,8 Minuten) steht heute noch. Formaler Höhepunkt war dann der Start im eng­li­schen Leicester als Mitglied der Junioren-​​Nationalmannschaft des Deutschen Leichtathletikverbands (DLV). Dann kam, was kom­men kann: Achillessehnenprobleme set­zen der Sportlerlaufbahn ein frü­hes Ende. Kontakte zu eins­ti­gen Wettkampfgegnern blie­ben bis aber heute beste­hen – zu Prof. Thomas Wessinghage, dem spä­te­ren Europameister und Olympiateilnehmer, oder Wolfgang Delfs, heute Präsident des Schleswig-​​Holsteinischen Leichtathletikverbands (SHLV).

Der gelernte Bürokaufmann machte beruf­lich einen Dreisprung. Erst wech­selte er zum Journalismus. Dann tauschte er die Seite und wurde Pressesprecher der IHK Schleswig-​​Holstein. Als Pressesprecher darf man sich eine Allüre, die man ab und an bei Journalisten begeg­net, noch weni­ger anmer­ken las­sen: das Besserwissen. Karl Kraus spöt­telte: „Ein Journalist ist einer, der nach­her alles vor­her gewusst hat.“ Pressesprecher sagen dann: „Und das hätte er von mir wis­sen kön­nen, hätte er nur nach­ge­fragt.“

Michael Legband, ich habe ihn in bei­den Rollen erlebt, macht das anders. Er fragt zurück­hal­tend und galant, also so, wie sein Markenzeichen, die stets getra­ge­nen Fliege, aus­sieht. Und eh man sich ver­sieht, erzählte man ihm Sachen, die man nicht erzäh­len wollte. Als Presssprecher erzählt er zurück­hal­tend und galant. Und eh man sich ver­sieht, schreibt man die Sachen auf, die man auf­schrie­ben sollte. Der Sportler in ihm lässt kei­nen Zweifel auf­kom­men: Das hat Methode, das zu errei­chen war das Ziel von Anfang an. Dabei hilft ihm sicher auch die gesunde Ichbezogenheit, die den Sportler aus­zeich­net: „Wenn der andere schnel­ler ist als ich, dann hat nicht er son­dern ich ein Problem. Ich war lang­sam, ich muss an mir arbei­ten.“ Mit die­sem Willen hat er Reportagen ver­fasst, Bücher geschrie­ben, Artikel über die Landesgeschichte Schleswig-​​Holsteins geschrie­ben und große Lebenskrisen gemeistert.

Taktisch gewieft, ist er kein har­ter Brocken. Er zeigt seine Gefühle ohne sie auf­zu­drän­gen. Und er lebt sie aus: Für die Olympischen Spiele nimmt er sich extra Urlaub, damit er vor dem Fernsehgerät nichts ver­säumt und bei Laufwettbewerben sei­nen Emotionen freien Lauf las­sen kann: „Da bin ich herr­lich sen­ti­men­tal und die Tränen flie­ßen“.

„Läufer sind ein­fach starke Typen – auch im Alter!“. Michael Legband wird am heute, am 28. April, 60 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch, lie­ber Michael.

Über Swen Wacker

Swen Wacker, 49, im Herzen Kieler, wohnt in Lüneburg, arbeitet in Hamburg.
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