Das Werk der Politik und der Beitrag der Medien

Von | 25. September 2013

Die soge­nannte Poli­tik– oder Par­tei­en­ver­dros­sen­heit soll der Grund sein dafür, dass immer weni­ger von ihrem Wahl­recht Gebrauch gemacht haben. Wer sich in den Kom­men­ta­ren auf den Web­sites der Tages­zei­tun­gen oder zum Bei­spiel auf den Poli­ti­ker­sei­ten bei Face­book anschaut, sieht wel­ches Bild viele Men­schen von „der Poli­tik” haben: Alle Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker seien unter­schieds­los ego­mane Ver­bre­cher, die von bösen Lob­bys gelenkt wer­den und sich aus­schließ­lich selbst bereicherten.

Nun habe ich haupt­säch­lich Erfah­run­gen mit einer Par­tei und da habe ich einen ganz ande­ren Ein­druck. Die Leute sind genauso schlau oder dumm, ego­man oder schüch­tern, ehr­lich oder nicht, wie die Men­schen ohne Par­tei­buch, die ich kenne. Und meine eher stich­pro­ben­haf­ten Bekannt­schaf­ten aus ande­ren Par­teien, deu­ten auf eine ähn­li­che Ver­tei­lung dort hin. Alle ver­su­chen irgend­wie „gute Poli­tik” zu machen. Was sie dann im ein­zel­nen ver­tre­ten, kann man für falsch hal­ten — aber genau dafür gibt es die ver­schie­de­nen Parteien.

„Was wir über unsere Gesell­schaft, ja über die Welt, in der wir leben, wis­sen, wis­sen wir durch die Mas­sen­me­dien”, hat der Sozio­loge Niklas Luh­mann ein­mal geschrie­ben. Was mich an der Bericht­er­stat­tung stört, ist dass viele Medien in einer Art und Weise berich­ten, die die meis­ten Men­schen nicht ver­ste­hen. Und das liegt an der Spra­che: Sobald es zum Bei­spiel eine poli­ti­sche Frage gibt, bei der sich nicht sofort alle einig sind, herrscht „Zoff in der Koali­tion” oder „Streit in Par­tei XY”. Für die meis­ten Men­schen heute, klingt das, als ob diese Leute in der Poli­tik nicht nor­mal mit­ein­an­der reden kön­nen. Poli­ti­ker „ätzen” und jede inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung wird als per­sön­li­cher Streit auf unters­tem Niveau dar­ge­stellt. Das ist natür­lich ein­fa­cher — auch ein­fach er zu ver­ste­hen — als die inhalt­li­chen Fra­gen, um die es ging. Dabei ist das Plu­ra­lis­mus und poli­ti­sche Willensbildung.

Dazu kommt, dass Par­teien — ja das gesamte poli­ti­sche Sys­tem — voll­kom­men mono­li­thisch wahr­ge­nom­men wird. Viele Men­schen haben ein­fach über­haupt keine Ahnung von unse­rem poli­ti­schen Sys­tem, und da muss ich mich bis vor eini­gen Jah­ren expli­zit mit ein­schlie­ßen. „Par­tei XY” ist dann irgend­wie über­all das Glei­che: Egal, ob Orts­ver­band, Land­tags­frak­tion, Bun­des­vor­stand oder Partei-Querulant. Und im Gegen­satz zu Unter­neh­men, die die meis­ten Men­schen als Mit­ar­bei­ter oder Kun­den ken­nen, sen­den Par­teien stän­dig unein­deu­tige und oft wider­sprüch­li­che Signale aus. Das wirkt dann wie Chaos und wird nicht als Plu­ra­lis­mus und Wett­be­werb der Ideen oder mei­net­we­gen als Macht­kampf wahr­ge­nom­men. Trotz­dem set­zen die meis­ten Medien diese Vor­kennt­nisse voraus.

Medien ver­wech­seln Häme mit kri­ti­schem Journalismus

In den letz­ten Tagen vor der Wahl habe ich mich stän­dig vor allem über Bericht­er­stat­tung geärgert, die immer wie­der die gän­gi­gen Vor­ur­teile über Poli­tik wie­der­holt — selbst wenn es nur die Ein­lei­tung zu einem ganz ande­ren Thema wäre. Was soll zum Bei­spiel die­ser Quatsch mit „es gibt keine Unter­schiede mehr zwi­schen den Par­teien”? Natür­lich gibt es in freiheitlich-demokratischen Par­teien auch Über­schnei­dun­gen. Im Wahl-o-Maten kann man das schön sehen. Radi­kal andere Welt­bil­der wer­den nun ein­mal nur von radi­ka­len Par­teien ver­tre­ten — aber auch die standen zur Wahl: rechts, links, öko, baye­risch… Such Dir etwas aus. 34 Par­teien standen zur Wahl. Und deren Mit­glie­der und Anhän­ger jeweils haben ganz sicher nicht den Ein­druck, dass sie sich nicht von den ande­ren Par­teien unter­schei­den wür­den. Der schwei­zer Jour­na­list Cas­per Selg sagte neu­lich im Deutsch­land­ra­dio Kul­tur: „Ich meine, die Bericht­er­stat­tung hier­zu­lande legt die Latte zu hoch. Die Poli­tik kann da meist nur unten durch. Und das ist im Effekt schäd­lich. Es wird da auch immer wie­der mal Häme ver­wech­selt mit kri­ti­schem Jour­na­lis­mus. Die Poli­tik­ver­dros­sen­heit, von der viele reden, könnte auch eine Bericht­er­stat­tungs­ver­dros­sen­heit sein.”

Ich ver­lange nicht, dass Medien weni­ger kri­tisch sein sol­len. Und ich will damit auch nicht sagen, dass die Medien das ein­zige Pro­blem sind und in der Poli­tik gar nichts falsch liefe und so man­che Pres­se­mit­tei­lung ent­hält selbst bereits diese sprach­li­chen Super­la­tive. Wenn ich aber von den Medien spre­che, denke ich, dass sie mehr und immer wie­der Grund­la­gen erklä­ren müs­sen (das Inter­net bie­tet da Mög­lich­kei­ten) und dass sie die Spra­che an die aktu­el­len Sprach­ge­wohn­hei­ten anpas­sen müs­sen. Sen­der wie Pro­Sie­ben und RTL stren­gen sich zur Zeit extrem an, ihre Zuschauer zur Wahl zu moti­vie­ren. Der­weil bekom­men bei den den öffentlich-rechtlichen Sen­der auf­fäl­lig oft Leute eine Platt­form, die so reich und pri­vi­le­giert sind, dass für sie eine Wahl tat­säch­lich kaum einen Unter­schied macht.

Wenn Medien davon leben, über Poli­tik zu berich­ten, haben sie ein Pro­blem, wenn sich die Men­schen von der Poli­tik abwen­den. Da soll­ten Medien und Poli­tik gemein­sam dran arbei­ten. Es würde sich für alle lohnen!

Dieser Artikel ist zuerst auf kaffeeringe.de erschienen.

7 Gedanken zu “Das Werk der Politik und der Beitrag der Medien”:

  1. Georg

    Da macht es sich jemand ziemlich einfach. Die Politik und die Medien fördern die Verblödung der Menschen (einfach mal Nachmittags Glotze kucken) und wundern sind dann, dass sich keiner mehr für Politik interessiert. Wenn es wirklich auf Politik ankommen, warum lassen Politiker dann diese bescheuerten Home-Stories zu? Warum wehrt sich keiner gegen die Vereinfacher von der Bild-Zeitung? Warum traut sich keiner mehr, einen Standpunkt zu haben (ausser Stegner vielleicht)? Warum traut sich keiner an komplexe Probleme?

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  2. Henry

    Auch meine Wahrnehmung ist, dass bei vielen Berichterstattungen auf eine möglichst spektakuläre Überschrift geguckt wird. Wurde diskutiert und ein Kompromiss gefunden dann heißt es „Merkel knickt bei Frage XYZ ein“ oder automatisch wird gerade bei den Grünen von „Wahldebakel“ gesprochen oder von „Quälenden Aussichten für die SPD“ (KN heute). Alles im redaktionellen Teil von Zeitungen und nicht im Kommentarteil. Es werfe derjenige den ersten Wahlzettel, der vollständig davor gefeit ist hierbei eine vorgefetigte Meinung zu bekommen…

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