Inklusionskonzept – Inhalte und Kritik

Von | 26. September 2014

In Schleswig-​​Holstein wird seit 25 Jahren inklu­siv unter­rich­tet, mit steigender Tendenz. Denn laut Artikel 24 der 2008 in Kraft getretenen UN-​​Behindertenrechtskonvention sollen alle Menschen mit und ohne Behinderung gleichberechtigt Zugang zur Bildung erhalten. Inklusion wurde deshalb 2012 als zentrales Ziel in den Koalitionsvertrag der rot-grün-blauen Regierung von Schleswig-Holstein aufgenommen. Anfang des Monats stellte das Ministerium für Bildung und Wissenschaft sein Inklusionskonzept vor. Es umfasst zehn Eckpunkte und wird von Teilen der Opposition und einigen Verbänden heftig kritisiert.

Um der Forderung der UN-​​Behindertenrechtskonvention Artikel 24 nach­zu­kom­men, sind viele Schritte erforderlich. Festgelegt wurde, dass „Menschen mit Behinderungen gleich­be­rech­tigt mit ande­ren in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem inte­gra­ti­ven [inklu­si­ven], hoch­wer­ti­gen und unent­gelt­li­chen Unterricht an Grundschulen und wei­ter­füh­ren­den Schulen haben“. Statistische Eckdaten zu den Förderbedarfen und den Inklusionsraten in den Kreisen sind in unserem Beitrag Wo die wilden Kerle lernen nachzulesen.

Schulische Assistenzen

Um eine heterogene Schülergruppe angemessen betreuen zu können, will das Ministerium die Schulen durch Assistenten verstärken. Der Ausbau dieser schu­li­schen Assistenzen soll in den Grundschulen begin­nen. Ab 2015 werden dafür 13,2 Millionen Euro bereit gestellt. Davon sollen rund 314 schu­li­sche Assistenzstellen besetzt wer­den. Mittelfristig will die Regierung auch die übri­gen Schularten in glei­cher Weise unter­stützen. „Die in die Schulen dann fest ein­zu­bin­den­den Assistenzkräfte sol­len über eine Qualifikation ver­fü­gen, die sie befä­higt, sich wirk­sam an der inner­schu­li­schen Förderung jun­ger Menschen zu betei­li­gen.”, ist in dem Bericht der Landesregierung zu Inklusion an Schulen (Drucksache 18/2056) zu lesen. Ihre Aufgaben umfassen die Mitarbeit im Unterricht und im Ganztag sowie die Planung und Durchführung von Projekten. Anbindung an einen Träger und ein modu­la­ri­sier­tes Fortbildungssystem sol­len sie für ihre Arbeit befähigen.

Kritisch gese­hen wird von der bil­dungs­po­li­ti­schen Sprecherin der FDP-​​Landtagsfraktion, Anita Klahn, dass die genaue Aufgabenbeschreibung, Qualifikation und Bezahlung der künf­ti­gen Schulassistenten im Konzept fehlt und dass frag­wür­dig ist, nach wel­chen Kriterien die ange­kün­dig­ten 314 Stellen auf die 397 Grundschulen im Land auf­ge­teilt wer­den. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert, diese Stellen mit ausgebildeten Erziehern zu besetzen, weil die Assistenzkräfte, anders als die bisher eingesetzten Schulbegleiter nicht nur für die individuelle Betreuung ein­zel­ner Kinder zuständig wären. 2012 gab es lan­des­weit rund 1100 Anspruchsberechtigte für Schulbegleitung.

Verteilung der Sonderpädagogen auf Schulen

Eine trans­pa­ren­tere Verteilung von Sonderpädagogen auf die Schulen sowie mehr Kontinuität durch weni­ger Wechsel der Sonderpädagogen an den Schulen sind im Konzept vor­ge­se­hen. Um das gewähr­leis­ten zu kön­nen, sol­len im Laufe des aktu­el­len Schuljahres lan­des­weit geltende Parameter ent­wi­ckelt wer­den. Nach denen verteilen die Schulämter Planstellen auf die Förderzentren, die diese an Schulen weiterreichen. Im Schuljahr 2015/​16 wird dieses Verfahren erstmals erprobt und künftig von regio­nalen Steuergruppen regel­mä­ßig eva­lu­iert. Besonders für Kinder mit einem Förderbedarf ist per­so­nelle Kontinuität sehr wich­tig. Dieser Aspekt soll in Zukunft mehr Berücksichtigung finden.

Die Opposition sieht die klein­tei­li­gen Strukturen als Problem und in den Ausführungen des Konzepts keine Antwort dar­auf, „wie die Versorgung der Schulen mit Sonderpädagogen bes­ser gere­gelt wer­den kann, damit die not­wen­dige indi­vi­du­elle Förderung pass­ge­nau erfol­gen kann”.

Verbesserung der Lehrkräfteausbildung

Sowohl Lehrkräfte für Sonderpädagogik als auch die Lehrkräfte aller ande­ren Schullaufbahnen sol­len in Zukunft bes­ser aus­ge­bil­det wer­den. Für die Sonderpädagogen bedeu­tet das in Zukunft, dass sie eine erwei­terte Ausbildung für den Fachunterricht absol­vie­ren, wodurch sie „künf­tig im Umfang bis zur Hälfte ihrer regel­mä­ßi­gen Arbeitszeit auf Planstellen der all­ge­mein­bil­den­den Schulen ein­ge­setzt wer­den” kön­nen. Diese Umstrukturierung in der Ausbildung der Sonderpädagogen hat zur Folge, dass ab 2022 Lehrkräfte mit zwei son­der­päd­ago­gi­schen Fachrichtungen und einer ent­spre­chen­den Ausbildung für den Fachunterricht in den Schuldienst ein­tre­ten können.

Lehrkräfte für eine Regelschullaufbahn sol­len künf­tig „im Studium und im Vorbereitungsdienst die päd­ago­gi­schen und didak­ti­schen Basisqualifikationen für den Umgang mit Heterogenität und Inklusion erwer­ben und mit den Grundlagen der Förderdiagnostik ver­traut gemacht wer­den”. Das gilt für die an der Universität Flensburg ange­bo­te­nen Masterstudiengänge für die Lehrämter Grundschule und Gemeinschaftsschule seit dem Wintersemester 2013/​14. Diese Lehrkräfte wären ab 2020 für den Schuldienst ein­satz­fä­hig.
Kritiker weisen daraufhin, dass sich die Verbesserung der Ausbildung erst in eini­gen Jahren bemerk­bar machen wird. Fraglich sei, ob die neu­ge­ord­nete Ausbildung der Sonderpädagogen tat­säch­lich ein Fortschritt ist.

Stärkung der Fortbildung der Regelschullehrkräfte

Durch Initiativen und Projekte des Bildungsministeriums in Zusammenarbeit mit dem Institut für Qualitätsentwickung an Schulen (IQSH) wer­den ver­stärkt Veranstaltungsreihen und Fortbildungen für Tandems aus Regelschullehrkräften und Sonderpädagogen ange­bo­ten. Sie sollen die Schulen bei der Entwicklung mul­ti­pro­fes­sio­nel­ler Teams unter­stüt­zen. Eine beson­dere Rolle kommt dabei der Beratungsstelle Inklusive Schule (BIS) zu, denn sie infor­miert und berät Eltern, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie andere Interessierte hin­sicht­lich rele­van­ter Fragen inklu­si­ver Arbeit an den Schulen Schleswig-​​Holsteins.

Schulsozialarbeit

Die Absicherung der Schulsozialarbeit durch das Land soll ab 2015 mit vor­aus­sicht­lich 17,7 Millionen pro Jahr gewähr­leis­tet wer­den, wel­che über die Kreise und kreis­freien Städte den Schulträgern zuflie­ßen. Diese sol­len die Voraussetzungen für lang­fris­tige Beschäftigungsverhältnisse ver­bes­sern. Außerdem soll „ein lan­des­wei­tes Rahmenkonzept für diese Form der Unterstützung von Schulen bei der Erfüllung ihres päd­ago­gi­schen Auftrags ent­wi­ckelt wer­den. Auf die­ser Grundlage sind dar­über hin­aus auch die Aufgaben ande­rer Akteure im Unterstützungsbereich ‒ ins­be­son­dere die Rolle des Schulpsychologischen Dienstes und der schu­li­schen Erziehungshilfe, wie sie von den Förderzentren aus geleis­tet wird ‒ kla­rer zu fassen.”

Förderzentren erhal­ten

Der Erhalt der Förderzentren für Schüler mit Förderbedarfen, bei denen inklu­sive Beschulung nicht för­der­lich ist, wird als wich­ti­ger Punkt gese­hen. Eine inklu­sive Beschulung kann bei­spiels­weise bei Schülern mit schwe­ren geis­ti­gen oder kör­per­li­chen Behinderungen kein ver­nünf­ti­ger Schritt sein, da sie häu­fig einen hohen Assistenzbedarf haben. Förderzentren die­nen außer­dem als Unterstützungssystem für Inklusion an Regelschulen.

Vor allem von Landesbeirat der Grundschulen und Förderzentren wer­den die Aussagen über den Erhalt der Förderzentren kri­tisch gese­hen, weil sie kei­nen Aufschluss dar­über gehen, in wel­chem Umfang diese beste­hen blei­ben. Sie sehen es für die Eltern als wich­tig an, selbst ent­schei­den zu kön­nen, ob sie ihr Kind inklu­siv oder in einem Förderzentrum unter­rich­tet sehen wol­len. Die Elternvertreter befürch­ten, dass die Inklusion zu Lasten der Ausstattung und per­so­nelle Versorgung der Förderzentren geht.

Schaffung von Zentren für inklu­sive Bildung (ZIB)

Damit ist die Umwandlung grö­ße­rer Förderzentren in Zentren für inklu­sive Bildung gemeint. Sie sollen die ver­schie­de­nen Professionen, die an der Inklusion betei­ligt sind, steu­ern und Qualitätsentwicklung betrei­ben. Diese wer­den lang­fris­tig zu Schulen ohne Schüler im eige­nen Haus wer­den. Ihre Aufgabe wird sein, „im Interesse der Schulen und zu deren Entlastung die Kooperation mit ande­ren Leistungs- und Kostenträgern ‒ ins­be­son­dere der Kinder- und Jugend- bzw. Sozialhilfe ‒ sowie mit ande­ren Professionen wie der Schulischen Assistenz und der Schulsozialarbeit zu initi­ie­ren und zu steu­ern.” Im lau­fen­den Schuljahr sol­len die detail­lier­ten Aufgabenbeschreibungen für diese Zentren erar­bei­tet werden.

Über­gang Schule Beruf

Im Rahmen des Handlungskonzeptes PLuS (Praxis Lebensplanung und Schule ab August 2014) soll ein beson­de­rer Schwerpunkt auf die Berufsorientierungsangebote für inklu­siv beschulte Schüler gesetzt wer­den, ebenso Angebote für den Über­gang von der Schule in den Beruf. „Für Jugendliche mit den Förderschwerpunkten autis­ti­sches Verhalten, Sehen, Hören, kör­per­li­che und moto­ri­sche sowie geis­tige Entwicklung wer­den in Schleswig-​​Holstein die Programme „Initiative Inklusion“ und „Über­gang Schule-​​Beruf“ (ÜSB) fort­ge­setzt. Sie bezie­hen wäh­rend der letz­ten bei­den Schuljahre die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Integrationsfachdienste in die Berufsorientierung ein und erschlie­ßen auf diese Weise den jun­gen Menschen schon früh eine Perspektive für den all­ge­mei­nen Ausbildungs– und Arbeitsmarkt. Ab dem Schuljahr 2014/​15 kön­nen Schülerinnen und Schüler mit Förderschwerpunkt geis­tige Entwicklung, die neun Jahre lang inklu­siv beschult wur­den, mit Unterstützung des Landesprogramms „Über­gang Schule Beruf“ an den Regionalen Berufsbildungszentren oder den berufs­bil­den­den Schulen im Rahmen eines für sie geeig­ne­ten Bildungsganges auf eine beruf­li­che Tätigkeit vor­be­rei­tet wer­den. Schrittweise sol­len für diese Gruppe dadurch Alternativen zur Werkstufe der Förderzentren entwi­ckelt werden.”

Ausbau des Schulpsychologischen Dienstes

Bis Ende 2015 soll eine Aufstockung der Stellen im Schulpsychologischen Dienst auf 32 erfol­gen. Der Schulpsychologische Dienst soll künf­tig in der Supervision, Beratung und Begleitung der schu­li­schen Akteure tätig wer­den und an die Zentren für inklu­sive Bildung ange­bun­den sein.

Diese Stellen für den Schulpsychologischen Dienst sollen jedoch, laut den kri­ti­schen Pressemitteilungen der Piraten und der CDU, zu Lasten der Lehrerplanstellen gehen und sind des­halb nicht als Fortschritt zu werten.

Die Leerstellen im Konzept

Das Konzept sieht die Entwicklung einer son­der­päd­ago­gi­schen Grundversorgung vor, die sich an den Bedürfnissen des Kindes orientiert und nicht an der Anzahl der inklu­siv beschul­ten Schülerinnen und Schüler. Dieser Schritt wird als Perspektive für die Zukunft gesehen.

Besonders die vagen Aussagen in vie­len Bereichen des Konzepts wur­den von der Opposition und den Verbänden stark kri­ti­siert. Es sei eher ein Ideenpapier: „Was wir nach lan­gem und inten­si­vem Lesen im Inklusionskonzept gar nicht gefun­den haben, ist ein Hinweis auf die drin­gend erfor­der­li­chen zusätz­li­chen Lehrerstellen, damit das Konzept eini­ger­ma­ßen erfolg­reich umge­setzt wer­den kann. Das sind nach unse­ren Berechnungen min­des­tens 1000 neue Lehrerstellen”, bemän­gelte der GEW-​​Landesvorsitzende.

Die schul­po­li­ti­sche Sprecherin der Grünen, Anke Erdmann, lis­tete in ihrer Rede eine lange Reihe von Punkten auf, die noch zu konkrtisie­ren wären: „Die Ausgestaltung der Schulassistenz, die Zusammenführung der Assistenzen mit den Schulbegleitungen – am bes­ten zu Poollösungen, die Erhebung und Förderung wäh­rend der fle­xi­blen Eingangsphase der Grundschule, der Umgang mit den soge­nann­ten „ver­hal­ten­so­ri­gi­nel­len“ Kindern und Jugendlichen, die stär­kere Einbeziehung von Gymnasien, aber auch deren Unterstützung z.B. bei der Erziehungshilfe, die Entwicklung ver­läss­li­cher Förderschulen Geistige Entwicklung, die Ausgestaltung von Inklusion im Ganztag, damit Inklusion nicht mit­tags endet, die Ansiedlung von Förderlehrkräften an den Förderzentren oder den Regelschulen – diese und andere Fragen sind noch offen. Kein Wunder, die Aspekte, die Förderschwerpunkte, die Strukturen vor Ort sind so vielfältig.”

Es bleibt eben­falls abzu­war­ten, wel­che Impulse die neue Bildungsministerin Britta Ernst in das Konzept ein­flie­ßen lässt, laut eige­nen Aussagen ist ihr das Thema jedoch ein Anliegen: „Ich werde in der Bildungspolitik die begon­nene Arbeit auf der Grundlage des Koalitionsvertrages fort­set­zen. Die Verbesserung der Unterrichtsversorgung und wei­tere Schritte bei der Inklusion stehen ganz oben auf der Tagesordnung.“

Von:

Melanie Richter lebt seit mehr als 20 Jahren in Kiel, ist parteilos, seit 2010 Mitglied im Verein für Neue Medien Kiel e.V. und arbeitet in einer Kieler Gemeinschaftsschule.

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