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Das neue Schuljahr beginnt

Am Montag ist das neue Schuljahr in Schleswig-​​​​Holstein gestar­tet und es gibt eine ganze Reihe inter­es­san­ter Fakten und Zahlen dazu, die kürz­lich vom Ministerium für Bildung und Wissenschaft ver­öf­fent­licht wur­den. In den kom­men­den Tagen fin­den die Einschulungen für die neuen Erstklässler statt, deren Zahl im Vergleich zum Vorjahr, in dem etwa 22.500 neue Schüler ein­ge­schult wur­den, fast kon­stant geblie­ben ist. In ihrer Gesamtzahl ist jedoch die Anzahl aller Schüler um etwa zwei Prozent auf 385.200 Schüler in allen öffent­li­chen all­ge­mein bil­den­den Schulen im Land gesun­ken. Nur an den berufs­bil­den­den Schulen ist ein leich­ter Anstieg zu ver­zeich­nen. In dem fol­gen­den Schaubild sind die Verteilungen der Schüler auf die ver­schie­de­nen all­ge­mein­bil­den­den Schulzweige und Förderzentren dargestellt.

Ist Durchlässigkeit im Schulsystem ein Garant für gelingendes Lernen?

Die Veröffentlichung der aktu­el­len Studie der Bertelsmann-​​​​Stiftung über die Durchlässigkeit der Schulsysteme in Deutschland hat zwi­schen den Parteien für Diskussionen gesorgt. Die Studie hat unter­sucht, wie viele Schülerinnen und Schüler in den ein­zel­nen Bundesländern zwi­schen der fünf­ten und zehn­ten Klasse die Schulform wech­seln und wie viele davon auf– und abstei­gen. Grundsätzlich steht Schleswig-​​​​Holstein da mit 2,1 Prozent Schulformwechslern auf dem vier­ten Platz und gehört damit zu dem Bundesländern, in denen rela­tiv gese­hen eher wenige Schüler die Schulform wech­seln. Die Bundesländer in denen sehr häu­fig gewech­selt wird, sind Bayern (4,3 Prozent), Berlin (4,9 Prozent) und Bremen (6,1 Prozent). 

Viel Lärm um 300 Lehrerstellen

Bereits vor eini­ger Zeit hatte Landesblogger Swen Wacker in sei­nem Artikel „Mehr Lehrerstellen: schlägt die FDP die CDU im Hase-​​​​und-​​​​Igel-​​​​Spiel?” über die Pläne der FDP berich­tet, 300 Lehrerstellen weni­ger als geplant zu strei­chen. Doch das Tauziehen um die Umsetzung geht wei­ter und die Parteien in Schleswig-​​​​Holstein haben ihre jewei­li­gen Meinungen dar­über, ob eine soge­nannte Mehrinvestition in die Bildung nötig ist oder nicht und in wel­cher Form sie statt­fin­den kann. In einer Pressemitteilung vom 1. Dezember recht­fer­tigte sich Bildungsminister Ekkehard Klug gegen­über den Vorwürfen der Elternverbände zu Kürzungen im Bereich der Bildungsaufwendungen mit den fol­gen­den Worten: „Derartige Behauptungen gehen völ­lig an der Realität vor­bei. 10.000 Unterrichtsstunden mehr in die­sem Schuljahr an den schleswig-​​​​holsteinischen Schulen spre­chen eine deut­li­che Sprache”, sagte der Minister. Im Übri­gen seien die Lehrerstellen im Land auf Rekordhöhe gewach­sen, wäh­rend die Schülerzahlen seit Jahren rück­läu­fig seien: „In allen Schularten wird mehr Unterricht erteilt.” Die Menge des erteil­ten Unterrichts ist dabei jedoch nur eine Komponente des Ganzen, denn nicht nur dafür wer­den Lehrerstunden gebraucht. In Schleswig-​​​​Holstein fin­det nach wie vor eine Entwicklung im schu­li­schen Bereich statt, die auf­grund ihrer tief­grei­fen­den Veränderungen über­aus zeit­auf­wän­dig ist, wenn sie effek­tiv umge­setzt wer­den will: das Konzept der Gemeinschaftsschulen, die seit 2007 im Entstehen begrif­fen sind. Dort wird auf das län­gere gemein­same Lernen gesetzt und vor­wie­gend bin­nen­dif­fe­ren­ziert gear­bei­tet, da in den Klassen Kinder und Jugendliche mit Haupt-​​​​, Real– und Gymnasialempfehlung gemein­sam ler­nen. Das erfor­dert ent­spre­chende schul­in­terne Absprachen und Förderkonzepte, damit sowohl die schwä­che­ren Schüler geför­dert, als auch die stär­ke­ren Schüler gefor­dert wer­den. Ein wich­ti­ger Bestandteil der Schulen ist des­halb das Vorhandensein von Differenzierungsstunden, damit klei­nere Lerngruppen gebil­det wer­den kön­nen oder der Unterricht in Teilen von zwei Lehrkräften durch „Teamteaching” erteilt wer­den kön­nen, um sich den Bedürfnissen der Schüler ent­spre­chend wid­men zu kön­nen. Diese Differenzierungsstunden wur­den in der aktu­el­len Legislaturperiode um die Hälfte gekürzt und stan­den den Gemeinschaftsschulen daher nicht mehr zur Verfügung. Nun spricht die glei­che Regierung, die die Kürzung vor­ge­nom­men hat, öffent­lich von einer Anhebung der Stunden und will sich Jost de Jagers Aussagen nach in Kürze dar­über ver­stän­di­gen: „In der nächs­ten Sitzung des Koalitionsausschusses mit der FDP werde ich das zur Sprache brin­gen, um die Zahl der Differenzierungsstunden wie­der anzu­he­ben.” Trotz der Tatsache, dass die Unterrichtsversorgung zwar abge­deckt ist, also jeder Schüler laut Stundenplan mit den ihm zuste­hen­den Stunden ver­sorgt wird, ist noch lange nicht gewähr­leis­tet, dass diese Stunden auch so effek­tiv ein­ge­setzt wer­den kön­nen, wie das nach der Idee der Gemeinschaftsschulen nötig wäre. Denn Schulen im Wandel brau­chen neben den Ressourcen für die Umsetzung neuer Konzepte auch Zeit und Ressourcen für eine effi­zi­ente Qualitätsentwicklung — vor allem, wenn sich die Rahmenbedingungen so häu­fig ändern, wie das in unse­rem Bundesland der Fall ist. So wurde allein in die­sem Jahr in Sachen G8-​​​​G9-​​​​GY zurück­ge­ru­dert und die Lehrerausbildung gra­vie­rend geän­dert, was vor allem für die Gemeinschaftsschulen eine Neuorientierung erfor­dert, die nicht mit mini­ma­len Zeitbudgets umge­setzt wer­den kann. Doch das wird von der regie­ren­den Koalition offen­sicht­lich nicht ent­spre­chend berück­sich­tigt. In einer Pressemitteilung erklärt die bil­dungs­po­li­ti­sche Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/​​Die Grünen, Anke Erdmann: „Für Schwarz-​​​​Gelb ist die Anzahl der Lehrerstellen schein­bar ein Pokerspiel. Wolfgang Kubicki möchte Probleme lösen, die die Schulen ohne ihn gar nicht hät­ten.” In Bundesländern wie Baden-​​​​Württemberg wer­den bei­spiels­weise an Schulen im Umgestaltungsprozess zusätz­li­che Stellen aus­ge­schrie­ben, die mit Lehrkräften besetzt wer­den, die sich für die Umsetzung von Qualitätsentwicklungsarbeit an der Schule fort­ge­bil­det haben. Des Weiteren wer­den dort den Schulleitungsteams zusätz­li­che Stunden zuge­wie­sen, die sie für admi­nis­tra­tive und inno­va­tive Tätigkeiten nut­zen kön­nen. Um das Lehrerkollegium nicht neben der eige­nen Unterrichtstätigkeit und der Weiterentwicklung ihrer unter­richt­li­chen Methoden zu belas­ten, ste­hen Schulen je nach Größe eine bestimmte Menge an Stunden zu, die vor­wie­gend für den Vertretungsunterricht erkrank­ter Kollegen ein­ge­setzt wer­den kön­nen. So ist eine Minimierung der Unterrichtsausfälle mög­lich. Vor allem Ganztagsschulen kön­nen die Verlässlichkeit garan­tie­ren, die sie den Eltern im Stadtteil bewusst gewählt haben. Und wenn kein Vertretungsunterricht nötig ist, kön­nen diese Kollegen als Zweitbesetzung mit in den Unterricht eines Kollegen gehen oder eine Kleingruppe nach Bedarf för­dern. Es wäre also mehr als wün­schens­wert, dass die Politiker in Schleswig-​​​​Holstein erken­nen, dass 300 Lehrerstellen allen­falls ein ers­ter rich­ti­ger Schritt sind, wenn die Bildung im eige­nen Land von Schulen ver­schie­de­ner Ausrichtungen qua­li­ta­tiv wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den will. Von Seiten der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) wurde die Diskussion durch­aus posi­tiv bewer­tet. „Egal ob Opportunismus, Untergangsangst oder Einsicht: Ein guter Vorschlag wird nicht dadurch falsch, dass er von der FDP kommt. Deshalb soll­ten die Regierungsparteien sofort einen Nachtragshaushalt beschlie­ßen, in dem sie die Streichung von 300 Lehrerstellen rück­gän­gig machen. Das hilft den Schulen mehr als jedes wahl­tak­ti­sche Geplänkel“, kom­men­tierte Matthias Heidn, Landesvorsitzender der Bildungsgewerkschaft GEW, heute (7. Dezember) eine Presseerklärung des FDP-​​​​Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Kubicki vom sel­ben Tag. Der Koalitionsausschuss indes steht vor einer knif­fe­li­gen Aufgabe. Im Haushalt des Ministerium für Bildung und Kultur fal­len auf Seite 238 zwei­mal je 300 Stellen weg. Die 300 Stellen, die die FDP jetzt gern nicht mehr gestri­chen sehen würde, fal­len am 31.07.2012 weg. Nur: dafür müsste der Haushalt geän­dert wer­den, also ein Nachtragshaushalt beschlos­sen wer­den. Deshalb muss Wolfgang Kubicki den Finanzminister ins Boot holen: „Seine Ankündigung, mit uns dar­über im Koalitionsausschuss spre­chen zu wol­len, freut mich – ich gehe aller­dings davon aus, dass wir gemein­sam auch den Finanzminister über­zeu­gen müs­sen.“  Das wird nicht ein­fach wer­den, nicht nur wegen der Frage nach der Gegenfinanzierung. Denn auch Jost de Jager will kei­nen Nachtragshaushalt. Einigte man sich nun auf eine Lösung, in dem erst 2013 (für die­ses Jahr gibt es noch kei­nen Haushaltsplan) 300 Stellen nicht gestri­chen wer­den, dann sähe sich die FDP dem Vorwurf aus­ge­setzt, als Tiger gesprun­gen und als Bettvorleger gelan­det zu sein.

Verabschiedung des neuen Schulgesetzes

„Wir ver­ord­nen nicht und wir ändern nicht die Strukturen. Wir schaf­fen Freiräume im Bildungssystem”, mit die­sen Worten beglei­tete Bildungsminister Dr. Ekkehardt Klug (FDP) die Verabschiedung des neuen Schulgesetzes. Im Vorfeld gab es viele Diskussionen dar­über und auch nach der Verabschiedungen gibt es zwei ganz unter­schied­li­che Haltungen zum Sinn oder Unsinn des Gesetzes. Auch wir vom Landesblog haben das sehr unter­schied­lich dis­ku­tiert. Längst ist es viel weni­ger eine päd­ago­gi­sche Frage, wel­ches Modell bes­ser für die Kinder und Jugendlichen ist, son­dern es ist klar eine wahl­kampf­re­le­vante Frage geworden.

An den Schulen – Teil 3: Bewertung der Situation

Nachdem ich im ers­ten Teil die­ser Serie zunächst die Ausgangssituation an den Schulen beschrie­ben habe, stellte Teil 2 dar, wie das Bildungsministerium auf diese Situation zu rea­gie­ren gedenkt. Dargelegt habe ich auch, wel­che Aspekte der Debatte nicht über das Schulgesetz gere­gelt wer­den. In die­sem drit­ten und letz­ten Serienteil ver­su­che ich nun eine Bewertung des vor­lie­gen­den Entwurfs und wei­te­rer Maßnahmen der Landesregierung sowie der Reaktionen ihres poli­ti­schen Mitbewerbs. Den Bereich der Förderung nicht­staat­li­cher Schulen habe ich das zwi­schen­zeit­lich bereits in einem geson­der­ten Artikel abge­han­delt. Die Bewertung der geplan­ten Ände­rung des Schulgesetzes wird selbst­ver­ständ­lich wesent­lich vom Blickwinkel auf die Bildung bestimmt. Liegt der Schwerpunkt auf mög­lichst hohen eige­nen Entscheidungskompetenzen der Schulen vor Ort, so wird die Bewertung eine andere sein, als wenn im Mittelpunkt eine ein­heit­li­che Regelung für sämt­li­che Schulen im Land steht. Schwierig ist die gesamte Debatte des­halb, weil sie im hohen Maße ideo­lo­gi­siert ist, Zwischentöne fast gar nicht zulässt und ein Eingehen auf Argumente der jewei­li­gen Gegenseite eini­ger­ma­ßen unüb­lich zu sein scheint. Es scheint nur noch um gut und böse, um rich­tig und falsch zu gehen – Kompromisse schei­nen fast ausgeschlossen.

Ein bisschen Frieden wäre klug

Das Etikett gibt oft­mals den Ausschlag für die Kaufentscheidung. So geht es auch vie­len Eltern, die für ihre Kinder nur die beste Schulbildung wol­len. Deshalb möch­ten die meis­ten Eltern ihre Sprösslinge auch gern auf ein Gymnasium schi­cken, weil sie dort die beste Bildung und damit die aus­sichts­reichs­ten Zukunftschancen ver­mu­ten. Natürlich haben die Gymnasien auch nur begrenzte Aufnahmekapazitäten und es sollte ein gewis­ses Niveau gehal­ten wer­den. Das ist schwer­lich mög­lich, wenn auch Eltern mit Kindern schlech­te­rer Schulartempfehlungen „es erst­mal auf dem Gymnasium ver­su­chen wol­len”. Mit der Schulreform des Jahres 2007 war durch das Angebot der Gemeinschaftsschule, in der die Kinder und Jugendlichen in neun Jahren das Abitur machen, eine ernst­zu­neh­mende Alternative ein­ge­führt gewor­den, vor allem wenn das eigene Kind viel­leicht doch nicht zu den abso­lu­ten Über­flie­gern gehört. Für die ganz Begabten, die ihre Empfehlung auf das Gymnasium bekom­men hat­ten, stand als Alternative immer noch G8 (Abitur an einem Gymnasium in acht Schuljahren) zur Auswahl.