Warum Medienkompetenzförderung nicht dort ankommt, wo sie gebraucht wird

Von | 4. Oktober 2010

Am 29. September fand im Kieler Landeshaus der ers­te Medienkompetenztag Schleswig-Holstein statt. Dort stand, neben einem pro­vo­ka­ti­ven und teil­wei­se irri­tie­ren­den Vortrag von Rolf Schulmeister über das Medienverhalten der heu­ti­gen Jugend, die Vorstellung ver­schie­de­ner Initiativen auf dem Programm. Diese prä­sen­tier­ten ihre Angebote und infor­mier­ten die anwe­sen­den Besucher. Besonders inter­es­sant war der GameTreff des Offenen Kanal Kiels, dort konn­ten die Besucher Videospiele ver­schie­de­ner Genres selbst aus­pro­bie­ren und sich ein genaue­res Bild von der Faszination machen, die die­se Spiele auf Kinder und Jugendliche haben. Daneben infor­mier­te das IQSH über media­le Angebote für den Unterricht. Ziel die­ses Tages und der noch fol­gen­den soll es sein, ein Netzwerk zu bil­den, damit all die guten Angebote ver­mehrt genutzt wer­den kön­nen. Am Ende des Nachmittags gab es noch eine Podiumsdiskussion mit den medi­en­po­li­ti­schen Sprechern der Landtagsfraktionen, in der es um deren Pläne für den Ausbau der Medienkompetenzvermittlung in Schleswig-Holstein ging.

Der Medienkompetenztag ver­stand sich als Auftaktveranstaltung für eine gan­ze Reihe sol­cher Veranstaltungen und will etwas im Land bewe­gen. Damit sich etwas bewe­gen kann, ist es jedoch nötig, dass sich die Antreibenden der Probleme und der ein­zu­schla­gen­den Richtung bewusst sind und die­se auch klar kom­mu­ni­zie­ren. Leider kam das beim Medienkompetenztag zu kurz. Zwar wur­den zahl­rei­che inter­es­san­te Projekte vor­ge­stellt und Möglichkeiten auf­ge­zeigt, die Eltern und Lehrkräfte für die Vermittlung von mehr Medienkompetenz nut­zen kön­nen, aber es wur­de zu wenig über die Realitäten an der Basis gespro­chen. Diese geben näm­lich durch­aus Anlass zur Besorgnis, weil viel zu wenig von dem auf der Veranstaltung gezeig­ten Know How dort ankommt. Das hat vie­ler­lei Gründe, die schwer­lich durch eine Mehr an ambi­tio­nier­ten Angeboten in den Griff bekom­men wer­den kön­nen, son­dern einen ganz ande­ren Ansatz erfor­dern.

Der Begriff der Medienkompetenz ist für vie­le Eltern und Lehrkräfte noch zu wenig greif­bar und wird häu­fig mit der medi­en­tech­ni­schen Kompetenz, also dem siche­ren Umgang mit der Hard- und Software an sich, ver­wech­selt. Auch die­se Fähigkeit ist ernst zu neh­men. Zwar ist die Verankerung sol­cher Inhalte in den aktu­el­len Lehrplänen schon vor­han­den, sie wird aber an vie­len Schulen wenig umge­setzt: Es fehlt an ent­spre­chend aus­ge­bil­de­ten Lehrkräften und adäqua­ter räum­li­cher Ausstattung. So kann es durch­aus vor­kom­men, dass Schülerinnen und Schüler, die sich in der neun­ten Klasse auf ihre Projektprüfung vor­be­rei­ten sol­len, auf­grund ungüns­ti­ger Lehrerkonstellationen noch kei­ne Erfahrungen in Bezug auf Recherchemöglichkeiten im Internet und ange­mes­se­ne Präsentationsverfahren sam­meln konn­ten, die­se aber im Rahmen der Prüfung unter Beweis gestellt wer­den sol­len. Das lie­ße sich durch eine früh­zei­ti­ge Integration von ver­pflich­ten­den IT-Grundlagen-Stunden in die schul­in­ter­ne Stundentafel behe­ben, wofür aber den meis­ten Schulen ein­fach die zuge­teil­ten Lehrerstunden feh­len.

Doch Medienkompetenz meint etwas ande­res, bezieht sich viel­mehr auf das Nutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen im Umgang mit neu­en Medien. Es geht hier um einen ver­ant­wor­tungs­vol­len Umgang mit die­sen Medien sowie die Fähigkeit, Inhalte gezielt aus­zu­wäh­len, sie zu reflek­tie­ren und ihr even­tu­el­les Gefahrenpotential abzu­wä­gen.

Natürlich sind in ers­ter Linie die Eltern in der Verantwortung, ihren Kindern die­se Kompetenzen zu ver­mit­teln. Doch die Realität zeigt, dass die Eltern der Gruppe der 6- bis 16-Jährigen häu­fig selbst mit neu­en Medien über­for­dert und oft nicht in der Lage sind, die­ser Forderung gerecht zu wer­den. Das trifft vor allem auf so genann­te bil­dungs­fer­ne­re Schichten zu, denn dort rezi­piert man Inhalte aus Fernsehen und Internet häu­fig unkri­tisch in Menge und Zeit. Aus die­sem Grund wäre es umso wich­ti­ger, dass die Schule die­se Lücke schließt und die nöti­gen Kompetenzen ver­mit­telt. Doch auch hier trifft man auf ähn­li­che Probleme: Wenn auch Lehrkräfte unbe­strit­ten über ein höhe­res Bildungsniveau als vie­le Eltern ver­fü­gen, ist ihre Affinität gegen­über neu­en Medien gleich­wohl eher als gering ein­zu­stu­fen. Das macht sie zu Multiplikatoren ohne nen­nens­wer­te Faktoren und bringt die Kindern und Jugendlichen nicht wei­ter.

Zusätzlich fehlt stän­dig Zeit, etwa durch die Mehrbelastung, vor allem in büro­kra­ti­schen Bereichen der Schule. Auch die häu­fig sehr hete­ro­ge­nen Lerngruppen, die ein ganz ande­res Unterrichten erfor­dern, machen es schwer, den vor­ge­ge­be­nen Stoff in der ver­an­schlag­ten Zeit zu ver­mit­teln. Darüber hin­aus bleibt neben der Arbeit in Planungs-, Steuerungs-, Arbeits- und Teamgruppen wenig Zeit für Fortbildungen, die nicht mehr oder weni­ger ver­pflich­tend sind, weil man sonst kei­ne Ahnung hat, wie die nächs­te zen­tra­li­sier­te Prüfung oder Abwicklung von Vergleichsarbeiten ablau­fen soll. Da ist die Motivation rela­tiv gering, sich außer­dem noch mit einem eher unge­lieb­ten Thema, das unge­heu­er kom­plex erscheint, zu befas­sen. Eigene Erfahrungen mit neu­en Medien haben die meis­ten Lehrkräfte kaum, die Faszination für das Spielen von Videospielen, Chatten mit Messengerprogrammen, Austauschen in sozia­len Netzwerken oder gar twit­tern übers Handy ent­zieht sich oft ihrer Vorstellungskraft.

Nun wäre eine Veranstaltung wie der Medienkompetenztag durch­aus eine gute Gelegenheit, die­se Probleme auf den Tisch zu brin­gen und zu dis­ku­tie­ren, wie man ihnen begeg­nen könn­te. Doch hät­te das wie­der ande­re Fässer geöff­net, die offen­sicht­lich tun­lichst geschlos­sen blei­ben soll­ten. So zum Beispiel die Aufgaben im Rahmen der Bildung, der Förderung von media­len Projekten und einer Neustrukturierung der Lehrerausbildung. Wenn ein weni­ger medi­en­af­fi­ner Mensch sich ent­schließt, Lehrer zu wer­den, ist es für ihn wäh­rend des Studiums und des  Referendariats durch­aus mög­lich, jenen Seminaren und Modulen des IQSH aus dem Weg zu gehen, die den Kontakt mit dem Computer erfor­dern. So kön­nen Referendare an den Schulen lan­den, die nicht in der Lage sind, einen simp­len Arbeitsbogen mit einem Schreibprogramm zu erstel­len, weil ihnen schlicht­weg die Kompetenzen feh­len. Wie deren Bezug zu neu­en Medien ist, kann man sich sicher­lich leb­haft vor­stel­len. Hier wäre eine Möglichkeit anzu­set­zen, denn media­le Erziehung hat in jedem Fach ihren Stellenwert und soll­te des­halb im Rahmen der Lehrerausbildung ver­pflich­tend sein.

Weiter geht es bei den Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte. Auch hier ist kei­ner ver­pflich­tet, ent­spre­chen­de Angebote zu bele­gen. Es tref­fen sich dort meis­tens die­je­ni­gen, die ohne­hin schon ein gewis­ses Maß an Kompetenzen mit­brin­gen und eher ent­täuscht zurück in die Schulen gehen, weil die Umsetzbarkeit aus zeit­li­chen und finan­zi­el­len Aspekten pro­ble­ma­tisch ist. Werden in Schulen aus Eigeninitiative Angeboten gemacht, die sich auf den media­len Umgang bezie­hen, ist die Beteiligung aus den Kollegien meist mager, weil es als Mehrbelastung und oft auch Zeitverschwendung emp­fun­den wird. Es muss also ernst­haft dar­über nach­ge­dacht wer­den, wie man den ver­meint­li­chen Multiplikatoren die Wichtigkeit des Themas nahe­bringt, denn nur dann wer­den sie eine oder meh­re­re der auf dem Medienkompetenztag vor­ge­stell­ten Angebote nut­zen.

Ein wei­te­rer Punkt ist die Einbindung in den Unterricht. Wie schon erwähnt, ist es bereits jetzt sehr schwie­rig, die im Lehrplan ver­an­ker­ten Themen im Schuljahr unter­zu­brin­gen. Der Ruf nach einem eige­nen Fach für die Vermittlung von IT Grundlagen und Medienkompetenz wird immer wie­der belä­chelt, könn­te aber dabei hel­fen, die Inhalte wirk­lich im Schulalltag anzu­spre­chen. Doch die Kontingentstundentafel sieht zwar für die Klassen 5 bis 9 ver­pflich­tend ins­ge­samt sechs Stunden Religion vor, aber kei­ne ein­zi­ge ver­pflich­ten­de Stunde für infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gi­sche oder medi­en­kom­pe­tenz­för­dern­de Bildung. Das soll­te den ver­ant­wort­li­chen Politikern zu den­ken geben. Einige Interessenten vor Ort hät­ten sich sicher­lich kla­re Worte dazu in der abschlie­ßen­den Podiumsdiskussion gewünscht. Stattdessen tausch­te man sich dar­über aus, was alles im Umgang mit Neuen Medien schief­ge­hen kann: Man erfuhr unter ande­rem, dass „Jugendliche mit ihren Webcams Bilder auf Partys machen und sie anschlie­ßend ins Internet stel­len”. Man war sich einig, dass man mit dem Gesetzesentwurf für den 14. Rundfunkänderungsstaatsvertrag einen klei­nen aber wich­ti­gen Schritt gegan­gen sei, das aber nicht aus­rei­che. Es stellt sich jedoch vor allem für die schon akti­ven Multiplikatoren an der Basis die Frage, wie lan­ge sie noch als Einzelkämpfer in Sachen Medienkompetenz unter­wegs sein wer­den und wann das Bewusstsein für die Wichtigkeit bei allen Beteiligten ange­kom­men sein wird.

Von:

Melanie Richter lebt seit mehr als 20 Jahren in Kiel, ist parteilos, seit 2010 Mitglied im Verein für Neue Medien Kiel e.V. und arbeitet in einer Kieler Gemeinschaftsschule.

6 Gedanken zu “Warum Medienkompetenzförderung nicht dort ankommt, wo sie gebraucht wird”:

  1. DasNordlicht

    Gut geschrie­be­ner Artikel der die Probleme benennt. Leider stel­le ich dies auch an unse­rer Schule fest, wobei wir gut aus­ge­stat­tet sind wird die IT ein­fach nicht im Unterricht genutzt. Hier ist ein hei­den Geld in Hardware inves­tiert wor­den die nun brach liegt.
    Ich ver­wei­se mal auf euren arti­kel bei uns auf der Seite in der Hoffnung das sich der eine oder ande­re Verantwortliche dort hin ver­ir­ren wird. Leider leben wir noch in einer Gesellschaft von Internetausdruckern, das auf­zu­wei­chen wird die Aufgabe der kom­men­den Jahre wer­den.
    Macht wei­ter so.

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  2. Pingback: Medienkompetenztag: Anspruch und Wirklichkeit | Tim Schlotfeldt » E-Learning

  3. Guido Neumann

    Wohl wis­send, dass es auf kom­ple­xe Herausforderungen sel­ten ein­fa­che Antworten gibt, emp­feh­le ich, nicht alles  — und schon gar nicht auf ein­mal — zum Problem zu machen. — Viele Menschen ver­wen­den Probleme näm­lich argu­men­ta­tiv eher dazu, Erforderliches nicht zu tun.

    Wer „Problem” mit „Herausforderung” sub­sti­tu­iert, ist schon einen Schritt wei­ter — und danach gibt es nur noch Aufgaben, die Lehrer (i. S. einer Führungskraft)

    - selbst erle­di­gen,
     — dele­gie­ren oder
     — unbe­ar­bei­tet igno­rie­ren

    kön­nen.

    Wie wäre es mit Lösungsansätzen, wie bspw.

    - Selbst-Lerngruppen mit Projekt-Charakter und Erfahrungsberichten,
     — Reverse-Mentoring („Schüler unter­reich­ten Lehrer”) oder
     — Vertrauen in Selbstorganisationsprozesse und „learning by doing”?

    Mir ist bewusst, dass allein die­se drei Ansätze oft am Selbstverständnis man­cher Lehrkraft und/​oder der jewei­li­gen Kultur in der Schule schei­tern kön­nen.
    Allerdings braucht nicht immer jede kom­ple­xe Aufgabenstellung einen noch kom­ple­xe­ren Lösungsansatz.

    Ein guter Pädagoge wird sich m. E. dem sokra­ti­schen Leitgedanken („Ich weiß, dass ich nichts weiß”) ver­pflich­tet füh­len, und sei­ne Schaffenskraft eher in die Förderung geeig­ne­ter (Netzwerk-)Strukturen inves­tie­ren.
    Hilfreich ist auch die Förderung gesun­den Selbstvertrauens als Kernkompetenz und Basis für jeg­li­che Herausforderung — bei allen Beteiligten.

    I´m not young enough to know ever­y­thing.
    (Oscar Wilde)

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  4. Karim

    Und hier fin­det man den Beleg für das Interesse der Bildungsadministration S-H zum Thema Medienkompetenz.

    Kinder und Jugendliche – NIX
    Schulklassen – NIX
    Auszubildende und Studierende im päd­ago­gi­schen Bereich – NIX
    Angebote für Eltern – NIX
    Angebote für Lehrkräfte – Einige (Immerhin)
    Senioren – EINS

    Das Angebot ist – nach dem ers­ten Brimborium um den ers­ten Medienkompetenztag 2010 – unver­än­dert. Wen wun­dert es…

    Immerhin hat man an eine Suchfunktion gedacht, die unter viel NIX dann auch NIX fin­det ;-)

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