Kampf der Titanen? Stegner vs. Kubicki

Von | 27. Oktober 2010

Dem heu­ti­gen Politiker wird ja eini­ges nach­ge­sagt: Er sei Unglaubwürdig. Langweilig. Charakterlos. Unfähig in sei­nem Fach. Es sei­en Graue Herren und Damen, denen die Vermittlung ihrer Politik zum Bürger nicht gelingt —  trotz hoch­be­zahl­ter Marketingstrategen, Redenschreiber und bes­ten Medienkontakten. Im Zusammenhang mit Stuttgart 21 äußer­te bei 3sat nano neu­lich ein Kommunikationswissenschaftler „die Bürger sei­en nicht Politikverdrossen,  son­dern Politikerver­dros­sen”. (Link zum Video)

Blickt man in den Schleswig-Holsteinischen Landtag, so kann man tat­säch­lich manch­mal die­sen Eindruck bekom­men. Zitternde Stimmchen am Rednerpult, Debatten, bei denen man ein­schla­fen möch­te, und Abgeordnete, bei denen kei­ner genau weiß, wer Die eigent­lich gewählt hat. Die Angst vor einer ernst­haf­ten Debatte oder dem Turkey-Shooting der Boulevardpresse scheint die meis­ten Politiker vor kla­ren Aussagen zurück­schre­cken zu las­sen. Lieber „eiert“ man ein wenig rum, dann kann einen auch am Ende kei­ner auf Gesagtes fest­na­geln.

Doch glück­li­cher­wei­se gibt es Ausnahmen. Diese cha­ris­ma­ti­schen Redner, die bis zum Platzen mit Selbstbewusstsein gefüllt und noch dazu bereit sind, jedem ihre Meinung um die Ohren zu hau­en. Zwei die­ser „Titanen” haben sich an die­sem Dienstag in Kiel getrof­fen, um in gemüt­li­cher Atmosphäre ein paar Sticheleien aus­zu­tau­schen. Der (noch) amtie­ren­de Fraktionsvorsitzende der SPD, Ralf Stegner lud sein FDP-Pendant Wolfgang Kubicki ins Restaurant Galileo ein, um vor reich­lich vor­han­de­nem Publikum gemein­sam zu bewei­sen, dass nicht jeder Politiker zwangs­be­dingt grau und lang­wei­lig sein muss. Und tat­säch­lich war Ego das letz­te, was an die­sem Abend gefehlt hat.

Stegner, der auch als „Roter Rambo“ vor­ge­stellt wur­de, hat­te ja schon zu Zeiten der Großen Koalition gezeigt, dass er lie­ber mit dem Kopf durch die Wand geht, anstatt sei­ne Politik ver­wäs­sern zu las­sen – was letz­ten Endes zum Bruch die­ser führ­te (Spiegel). Zumindest konn­te ihm damals nie­mand feh­len­de Standhaftigkeit vor­wer­fen. An die­sem Abend berei­te­te es ihm zudem immer wie­der sicht­li­che Freude, sei­nem FDP-Kollegen des­sen momen­tan sehr schlech­ten Umfragewerte und das wohl zukünf­ti­ge Oppositionsdasein unter die Nase zu rei­ben.

Stegners „Kontrahent“ Kubicki kann eben­falls auf eine Menge poli­ti­scher Irritationen, mar­kan­te Zitate und Auseinandersetzungen mit Kollegen zurück­bli­cken. Legendär sein ZEIT-Interview, in wel­chem er (unter ande­rem) preis­gab „in Berlin“ wür­de er „zum Trinker wer­den, viel­leicht auch zum Hurenbock“, wes­we­gen er nie­mals dort hin­zie­hen könn­te. Zudem hät­ten gro­ße Teile der Politiker „kei­nen Arsch in der Hose“ (Eine Einschätzung, die der Autor teilt). An die­sem Abend rech­ne­te er zudem ver­bal mit den Lübecker Nachrichten, ins­be­son­de­re mit deren Autor Wolfram Hammer ab: Die LN sei­en auch als „Lügen-Nachrichten“ bekannt, und Wolfram Hammer habe im Zusammenhang mit den Uni-Protesten im Sommer (Spiegel) die­sen Jahres bewusst Aussagen Kubickis falsch wie­der­ge­ge­ben (LN*).

Der Abend war durch die stän­di­gen Sticheleien und Anspielungen zwar sehr unter­halt­sam, doch auch poli­tisch wur­de eini­ges gebo­ten, wenn­gleich bei­de ihr Potenzial nicht voll­ends aus­schöp­fen konn­ten. Die Kontrahenten gaben meist kla­re Antworten auf ihre Absichten im Bezug auf wich­ti­ge poli­ti­sche Projekte, hier eine klei­ne Auflistung der wich­tigs­ten Aussagen: (Ein Link zum Video wird hier gesetzt, sobald die­ses online ist)

*Update (30.10): Videoplaylist bei you­tube unter die­sem Link*

Die Fehmarnbeltquerung — FDP: ja, unbe­dingt /​ SPD: ja, wenn sich nicht so vie­le beschwe­ren

Wahlgesetz /​ Neuwahl — FDP: Wahlgesetz muss schnell her, Neuwahl Anfang 2012 /​ SPD: Wahlgesetz muss schnell her, Neuwahl Ende 2011

Zuwanderung /​ Integration — FDP: Ja, beson­ders qua­li­fi­zier­te Arbeitskräfte /​ SPD: Ja, aber Flüchtlinge nicht ver­ges­sen

Nordstaat — FDP: Ja, aber sieht dort kei­ne Entwicklung /​ SPD: Ja, prin­zi­pi­ell wäre mehr mög­lich

Bildungsreform — FDP: Ist super, weil sie den Schulen mehr Freiheit gibt /​ SPD: Ist kata­stro­phal, weil sie alle ver­wirrt

Konsolidierung des Landeshaushalts — FDP: Problem, aber nötig /​ SPD: Bitte woan­ders spa­ren als bei den „Familien, Blinden, Transferleistungsempfängern”

Am Ende des Abends gin­gen bei­de Männer glück­lich nach Hause. Stegner, weil er in einem Raum vol­ler Sozialdemokraten den meis­ten Applaus für sei­ne Aussagen bekam; Kubicki, weil er die Öffentlichkeit liebt und zudem davon aus­geht, dass Stegner im nächs­ten Wahlkampf eh nicht als Spitzenkandidat antre­ten wird.

Und auch wenn man einen oder bei­de Männer als unsym­pa­thisch, arro­gant und ein­ge­bil­det emp­fin­den mag, haben sie doch den Effekt, die Bürger mit ihrem Charisma in die Wahllokale zu trei­ben. Und sei es nur, um den jeweils ande­ren zu wäh­len. ;)

*Der Autor ist sich nicht zu 100% sicher, dass sich Kubicki bei sei­ner Aussage auf die­sen Artikel berief, da Wolfram Hammer meh­re­re zu die­ser Thematik ver­fasst hat.

Von:

Ende 20, Politikwissenschaftler, Archäologe, Redakteur, Fotograf und Social Media Manager. Wohnt in Kiel, lebt im Internet, kommt aus Flensburg. Gehört keiner Partei an. Mag neben Politik und Medien alles was blinkt oder salzig schmeckt.

2 Gedanken zu “Kampf der Titanen? Stegner vs. Kubicki”:

  1. Marc Oliver Nissen

    Prinzipiell eine Betrachtungsweise des Autors, die in Ordnung geht. Die „Stegner trifft”
    Runde wur­de im Wahlkampfjahr 2009 von der Kampa des SPD Landesverbandes selbst ins Leben geru­fen, um einen Kontrapunkt zu der nicht immer ganz objek­ti­ven Schleswig-Holsteinischen Presse zu set­zen und um den Bürgerinnen und Bürgern selbst die Möglichkeit zu geben, sich ein nicht durch die Journalie vor­ge­fer­tig­tes Bild der Person Stegner zu machen. Da Stegner und Carstensen am Ende in den Personenumfragen gleich auf waren, ging das Prinzip auf. Wohlgemerkt — betrach­tet man die Personen allei­ne — und nicht die Ergebnisse der Parteien.
    Dieser Abend dien­te ja auch durch­aus dazu, sich auch mal wie­der sozi­al-libe­ra­ler Traditionen zu besin­nen und sich an Gemeinsamkeiten zu erin­nern. Dies ist mei­ner Meinung nach geglückt. Selbst bei solch star­ken Persönlichkeiten wie Kubicki und Stegner.
    Eine klei­ne Korrektur den­noch. Zum Thema Fehmarn-Belt Querung sag­te Stegner, dass die SPD eine wei­te­re Finanzierung und Entwicklung der Hinterlandanbindung durch den Bund for­de­re, außer­dem sol­le den Forderungen der Anwohner, Wirtschafts- und Umweltverbände mehr Gehör geschenkt wer­den.
    Hier war die Interpretation des Autors ein wenig zu frei.

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