Zum Stand des Breitbandausbaus in Schleswig-Holstein

Von | 26. Februar 2011

Noch bis 2005 konn­te ich von Breitbandinternet nur träu­men. Ich leb­te zwar nicht auf dem Land aber eben in einem Vorort Kiels und ADSL, mit Bandbreiten zwi­schen einem und sechs MBit/​s, war nur in eini­gen weni­gen Straßen zu haben. In mei­ner nicht.
Ende des Jahres 2005 zog ich in die Innenstadt, wo sich mir ein gänz­lich ande­res Bild bot: auch in den ältes­ten Häusern mit den aben­teu­er­lichs­ten Verkabelungen war “High-Speed Internet”, das sei­nem Namen alle Ehre mach­te, ver­füg­bar. Über die ver­gan­ge­nen Jahre konn­te ich die mir zur Verfügung gestell­te Bandbreite suk­zes­si­ve von 16 über 24 auf die aktu­el­len 50 MBit/​s stei­gern.
Auch mein ehe­ma­li­ges Zuhause hat inzwi­schen zumin­dest Anschluss gefun­den. ADSL-Anschlüsse mit 16 MBit/​s sind der Standard, manch einer kann inzwi­schen auch dort vom noch schnel­le­ren VDSL pro­fi­tie­ren. Aber wie sieht es mit dem Rest Schleswig-Holsteins aus?


Der Breitbandausbau in Schleswig-Holstein ist eine Erfolgsgeschichte. Das ver­kün­de­te (YouTube) Wirtschaftsminister Jost de Jager bei der gest­ri­gen Landtagssitzung. Er ver­wies auf den Bericht der Landesregierung (PDF) und zitier­te wah­re Fabelzahlen. Schon heu­te wür­den 98,1% der Schleswig-Holsteiner über einen Breitbandzugang mit min­des­tens 1 MBit/​s zum Internet ver­fü­gen. Das sei bun­des­weit, unter den Flächenländern, Platz zwei hin­ter dem deut­lich dich­ter besie­del­ten Nordrhein-Westfalen.
Johannes Callsen, eben­falls CDU, wuss­te zu ergän­zen, dass sich die­ser Wert mit den noch lau­fen­den Maßnahmen auf 99% stei­gern lie­ße, womit das Ziel flä­chen­de­cken­den Breitbandzugangs für Schleswig-Holstein erreicht wäre.
Mit einem Blick in die nicht all­zu fer­ne Zukunft erwähn­te Callsen die kom­men­de Generation des Mobilfunks, LTE (Long Term Evolution), die die rest­li­chen wei­ßen Flecken auf der Breitbandkarte Schleswig-Holsteins abde­cken soll. Eingehend auf eine Pressemitteilung des Parlamentariers Detlef Buder (SPD) ergänz­te er, dass trotz LTE natür­lich wei­ter­hin der Ausbau des Glasfasernetzes vor­an getrie­ben wer­den müs­se.

Zustimmung und Kritik aus der Opposition
Buder war es dann auch der qua­si gemein­sam mit Lars Harms (SSW) die wich­tigs­ten Kritikpunkte an dem aktu­el­len Stand der Dinge in Sachen Breitbandausbau in Schleswig-Holstein anbrach­te:
“[…] nach Angaben der Landesregierung [haben] min­des­tens 300 Gemeinden kei­ne oder eine nur unz­rei­chen­de Grundversorgung mit Breitband […]” (Buder) und “[…] ange­sichts der rasend schnel­len Entwicklung des Internets […] wis­sen wir bereits heu­te, dass die vor­han­de­ne Leistungskapazität nicht aus­reicht. […] wir unter­hal­ten uns heu­te dar­über, wie wir […] flä­chen­de­ckend die Technik von ges­tern anbie­ten kön­nen, anstatt dar­über zu reden, wie wir die Netze der Zukunft gestal­ten.” (Harms).

Breitband ist nicht gleich Breitband.
Bevor man anfängt sich dar­über zu strei­ten, ob nun knapp 100% oder viel­leicht doch viel weni­ger Schleswig-Holsteiner über einen Breitbandzugang zum Internet ver­fü­gen kön­nen, ist es sicher­lich sinn­voll zu klä­ren, wie schnell ein Internetzugang im Jahr 2011 eigent­lich sein muss, um das digi­ta­le Leben in vol­len Zügen genie­ßen zu kön­nen.
Anfang der Woche hat die Firma Microsoft das ers­te “Service Pack” zu sei­nem aktu­el­len Betriebssystem Windows 7 ver­öf­fent­licht. Will man sei­nen Heim-PC auf den neu­es­ten Stand brin­gen, so steht einem zunächst ein knapp 1GB gro­ßer Download bevor. Mit einem Anschluss, der einem 1MBit/​s bie­tet, kommt man auf eine Downloadzeit von knapp fünf Stunden*. Als Städter mit einem VDSL-Anschluss braucht man dafür kei­ne fünf Minuten.
In Zeiten da immer mehr Anbieter “video on demand” lie­fern, muss man sich mit einem 1MBit/s-Anschluss am bes­ten schon mal einen Abend im Voraus über­le­gen, wel­chen Film man am Samstag Abend schau­en möch­te — oder halt doch lie­ber wie­der in die Videothek fah­ren.
Noch schlech­ter sieht es aus, wenn sich meh­re­re Menschen einen Internetanschluss tei­len. Zum Beispiel in einer Familie. Wenn Töchterchen “videochat­tet” (was bei einem oder zwei MBit/​s schon eher eine Dia-Show als einem Videochat ähnelt) kann der Rest der Familie nach dem Klick auf einen Link erst mal etwas ande­rem wid­men, bis sich die Seite voll­stän­dig auf­ge­baut hat.

Aber für wie vie­le Menschen ist das denn nun wirk­lich der Alltag? Ein wirk­lich belast­ba­re Antwort auf die­se Frage wird sich nicht fin­den las­sen, da die wirk­lich ver­füg­ba­re Bandbreite, gera­de im länd­li­chen Bereich, häu­fig von den hübsch bun­ten Karten der Internetanbieter abweicht. Das “Breitband-Kompetenzzentrum Schleswig-Holstein” (BKZSH) lie­fert mit dem “Breitbandatlas Schleswig-Holstein” ein Bild der Realität, dass eher dem obi­gen Zitat von Herrn Buder ent­spricht. Hier lässt sich leicht erken­nen, dass das Gros der länd­li­chen Gebiete über nicht mehr als 2MBit/​s ver­fügt. Ein Großteil wie­der­um davon ver­fügt ledig­lich über “bis zu 1MBit/​s”. Dörfer wie Haßmoor oder Ehlersdorf der Gemeinde Bovenau ver­fü­gen der­zeit prak­tisch über gar kei­ne Anbindung ans Internet.
Hier soll dann LTE wei­ter­hel­fen.

Wie geht’s nun wei­ter?
LTE ist erst mal nichts ande­res als die kon­se­quen­te Weiterentwicklung (“Evolution”) des aktu­el­len Geschwindigkeitskönigs im Mobilfunk, UMTS. Theoretisch las­sen sich über LTE Downloadraten von 300MBit/​s und Uploadraten von 75MBit/​s errei­chen. Wer heu­te schon zum Beispiel Mobilfunkgeräte mit UMTS-Internetzugang nutzt weiß, dass die Bandbreiten im Mobilfunk enor­men Schwankungen unter­le­gen sind. Zum Einen hängt die tat­säch­lich erreich­ba­re Bandbreite von der Entfernung zur nächs­ten Funkzelle ab. Zum Anderen darf nicht außer Acht gelas­sen wer­den, dass sich alle Nutzer einer Zelle die zur Verfügung gestell­te Bandbreite tei­len müs­sen. Ein wei­te­rer ganz prak­ti­scher Nachteil an LTE wird die zu erwar­ten­de Preispolitik der Mobilfunkanbieter sein. Wer heut­zu­ta­ge ein Smartphone sein Eigen nennt kennt das schon: im Mobilfunkvertrag ist zwar eine Internet-Flatrate ent­hal­ten, die Geschwindkeit wird jedoch nach Erreichen eines bestimm­ten Volumens dras­tisch redu­ziert. Der Autor die­ses Artikels zahlt momen­tan 50€ pro Monat an die Telekom und surft nach Erreichen der 1GB-Volumengrenze mit einer Geschwindigkeit, die der auf vie­len Dörfern ähnelt: weni­ger als 1MBit/​s.
1GB Transfervolumen auf dem Telefon sind eine gan­ze Menge und der Durchschnittsbürger 2011 dürf­te die­se nur in den sel­tens­ten Fällen errei­chen. Aber den­ken wir zurück an die oben genann­ten Download-Beispiele: schon das Update eines Windows-PCs Anfang der Woche hät­te die­ses Volumen fast voll­stän­dig auf­ge­zehrt. Wieder hät­te man eine Zweiklassengesellschaft: zwar hät­ten nun alle deut­lich höhe­re Bandbreiten, sozu­sa­gen “ech­te” Breitbandzugänge, aber wahr­schein­lich nicht den gan­zen Monat über.
Während sich in den Städten die Geschwindkeit der mobi­len Datenübertragung auf­grund der Dichte an Mobilfunkmasten ins schier uner­mess­li­che stei­gern wird, wird LTE so auf dem Land ver­mut­lich nur ein wei­te­rer Tropfen auf den hei­ßen Stein sein.

Was also tun? Sämtliche Fraktionen tun gut dar­an, den Ausbau des Glasfasernetzes wei­ter zu for­cie­ren. Bis dies aber zu einem zufrie­den stel­len­den Grad erreicht ist wer­den noch Jahre ver­ge­hen. Jahre, die für vie­le Orte und Gemeinden even­tu­ell den “Tod” bedeu­ten wer­den. Es ist ja schon jetzt kaum vor­stell­bar, wie ein Ort ohne Breitbandzugang gera­de auf jun­ge Menschen und Familien attrak­tiv wir­ken soll. Die länd­li­che Idylle allei­ne dürf­te dafür immer weni­ger aus­rei­chen.

In der Zwischenzeit bie­tet sich hier even­tu­ell die Möglichkeit für Internetanbieter mit WiMAX (etwa: “Langstrecken-WLAN”) aktiv zu wer­den und für vie­le Dörfer als Ritter in schei­nen­der Rüstung daher zu kom­men, um sie vor dem Ungeheuer “Schmaldband-Internetzugang” zu erret­ten.

Fest steht somit nur, dass auch bei den ges­tern von Jost de Jager prä­sen­tier­ten Zahlen nicht alles Gold ist was glänzt und dass hier noch weit mehr zu tun ist, als eine “Breitband-Abdeckung von 98,1% in Schleswig-Holstein” glau­ben lässt.

*: Sämtliche Zeitangaben sind theo­re­ti­sche Werte. Die rea­len Werte dürf­ten in den meis­ten Fällen nach oben abwei­chen.

Von:

Sebastian Schack ist Fachinformatiker und studiert Politikwissenschaften an der Universität in Kiel. Er ist Mitveranstalter des Kieler BarCamps, twittert als @iSchack und betreibt ein eigenes Blog unter schacknetz.de. Sebastian Schack ist zahlendes, ansonsten aber weitgehend passives Mitglied der Piratenpartei.

3 Gedanken zu “Zum Stand des Breitbandausbaus in Schleswig-Holstein”:

  1. Pingback: Detelf Buder: Gemeinsam letzte Internet-Lücken in den Dörfern schließen - AK Digitale Gesellschaft der SPD Schleswig-Holstein

  2. Sebastian Schack

    Inzwischen hat sich die Bundeskanzlerin erneut zu dem Thema zu Wort gemel­det, und peilt 50MBit/​s für jeder­mann an — bis 2040. Nein, ich habe mich nicht ver­le­sen: 2040. Da wird mal eben 30 Jahre im Voraus „geplant”. Wenn man bedenkt, wel­chen Anstieg der Bandbreite wir in den letz­ten 30 Jahren hat­ten und was heu­te schon in vie­len Ländern Realität ist/​wird (näm­lich Bandbreiten jen­seits der 100 MBit/s-Mark), ist das doch eher erschre­ckend, wird wenig über­legt und eher so daher gesagt.

    Die gesam­te Rede anläss­lich der CeBIT(ja, die gibt’s noch)-Eröffnung gibt es hier nach­zu­le­sen: http://www.bundeskanzlerin.de/Content/DE/Rede/2011/02/2011 – 02-28-bkin-cebit.html

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  3. Oliver Fink

    Ein Kollege von mir mein­te gera­de, das soll bestimmt 2014 und nicht 2040 hei­ßen. 50 Mbps im Jahr 2040 dürf­te so in etwa 9600 bps heu­te ent­spre­chen… :-)

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