150 Archive in Schleswig-Holstein bieten uns ihr Wissen an

Von | 1. Juni 2011

Birt Acres ist ein eng­li­scher Filmpionier des aus­ge­hen­den 19ten Jahrhunderts, für den das Medium Film eher ein Instrument für wis­sen­schaft­li­che Arbeiten als ein Unterhaltungsmedium war — was ihn nicht dar­an hin­der­te,  kom­mer­zi­ell nutz­ba­re Filmkameras und Schmalfilmkameras für den Hausgebrauch zu ent­wi­ckeln und dar­über plei­te zu gehen. Am 21. Juni 1895 war er in Kiel und film­te die Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals in Kiel. Der Filmstreifen Opening of the Kiel Canal gilt als ältes­te Filmaufnahme Deutschlands. Eine Kopie davon liegt im Landesarchiv in Schleswig.

Birt Acres hat sich getäuscht: Filme die­nen heu­te in ers­ter Linie der Unterhaltung. Landesarchive sind in unse­rer Wahrnehmung eben­falls Instrumente für wis­sen­schaft­li­che Arbeiten, kei­ne Unterhaltungsmedien. Landesarchive sind, das ist nicht zu leug­nen, nur in Maßen unter­halt­sam. Das ist aber nicht schlimm. Denn sie sind ein not­wen­di­ger, unver­zicht­ba­rer Bestandteil unse­rer Gesellschaft. Sie sind das wohl­sor­tier­te kul­tu­rel­le, gesell­schaft­li­che und rechts­staat­li­che Gedächtnis und schaf­fen damit die Plätze, an denen spä­te­re Generationen Geschichte erfor­schen. Sie sind kein zu ver­spöt­teln­der Tummelplatz für Ortschronistinnen oder der net­ter­wei­se vor­han­de­ne Übungsort für ange­hen­de Historiker. Selbst der Verlust von Archivmaterial ist wie­der etwa Archivwürdiges: Verheerende Brände, Pestepidemien, ver­brann­te Erde hin­ter­las­sen­de ster­ben­de Diktaturen oder zwei­te Weltkriege schaf­fen Lücken. Lücken, die sich nicht und nie wie­der schlie­ßen las­sen: Eine nicht wider­ruf­ba­re Amnesie. Quod non est in actis, non est in mun­do (Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt). Archive müs­sen also sein. Und das Wissen um das „sein-müs­sen” muss bewusst sein.

Im Gespräch mit der shz kün­dig­te Rainer Hering, Direktor des Landesarchivs Schleswig-Holstein, vor eini­gen Wochen an, dass er ver­stan­den hat: Archive sind nicht sexy, aber man kann sie bekann­ter machen, man kann, etwa mit Ausstellungen und Veröffentlichungen, für ihre Aufgabe wer­ben.

Dass das bit­te nötig ist, wis­sen wir spä­tes­tens seit der Antwort der Landesregierung auf die gro­ße Anfrage der SSW über „Das Schleswig-Holsteinische Archivwesen“. Auf 19 schlan­ken Seiten beschreibt sie ein Desaster: Ohne Archive hat unse­re öffent­li­che Gesellschaft kein Gedächtnis. Sie sind also nicht belie­big, kein „nice to have“, kei­ne Einsparmasse. Dennoch wur­den 30 Prozent des Personalbudget in den letz­ten 10 Jahren ein­ge­spart. Nach Auffassung der Landesregierung gibt das „Anlass zur Überprüfung des Aufgabenkanons und der Aufgabenerledigung“. 3 Kreise (Segeberg, Rendsburg-Eckernförde und Ostholstein) besit­zen kein Archiv, 9 Städte, 43 Ämter und 10 Gemeinden eben­falls. Peinliche 32 Prozent der Kommunen haben kei­ne “Archivlösung“. Nebenbei: Archive sind kei­ne rechts­frei­en Räume – die Kreise sind gehal­ten, Archive zu füh­ren. Immerhin: 129 selb­stän­di­ge kom­mu­na­le Archive gibt es. Das Landesarchiv berät 27 kom­mu­na­le Archive – gegen Geld. Es fehlt an allen Ecken und Enden, nur 2 Kreisarchive kön­nen kreis­an­ge­hö­ri­gen Kommunen Beratungsverträge anbie­ten, über­wie­gend sind sie per­so­nell nicht der Lage, wei­ter­ge­hen­de Unterstützung zu leis­ten. Dabei man­gelt es nicht an Nachfrage: Das Auftragvolumen des Jahres 1999 von 28.000 (ana­lo­gen) Kopien hat sich bis 2009 fast ver­drei­facht: 80.700 (ana­lo­ge und digi­ta­le) Kopien. Scanner und Personal sind täg­lich 10 Stunden im Einsatz, den­noch kommt es zum Teil zu mona­te­lan­gen Wartezeiten. Auch wenn Regionalgeschichte nicht ver­bind­lich im Lehrplan vor­ge­schrie­ben ist, so soll es den­noch mög­lich sein, mit authen­ti­schen Geschichtsquellen zu arbei­ten – aus­ge­nom­men viel­leicht in geschichts­lo­sen Gegenden, wo Kommunalpolitiker ent­schie­den haben, ohne Archive aus­zu­kom­men. Gegenden mit­ten in Europa in denen die Gefahr besteht, dass Lücken in unse­re jün­ge­re Geschichte geris­sen wer­den.

Zaghafte, digi­ta­le Pflanzen, die noch mehr Aufmerksamkeit und Werbung ver­dient haben, wach­sen (noch) im Verborgenen: Das vir­tu­el­le Museum zeigt die Geschichte der deutsch-däni­schen Grenzregion von 1830 bis heu­te. Das Landesarchiv lebt bei­spiel­haft „open-access“ vor: Es ist die ers­te Behörde im Land Schleswig-Holstein, die ihre wis­sen­schaft­li­chen Publikationen online frei zugäng­lich anbie­tet. 8 Titel sind in den letz­ten vier Jahren ver­öf­fent­licht wor­den.

Gestern Abend ist der neun­te Titel, zugleich der 100ste Band der Veröffentlichungen des Landesarchivs Schleswig-Holstein hin­zu­kom­men: Auf 500 Seiten, für Archivare ist das ein „kom­pak­tes Nachschlagewerk“, stellt der Archivführer Schleswig-Holstein etwa 150 amt­li­che und öffent­lich zugäng­li­che Archive der Kommunen, der Kirchen, des Landes sowie eini­ger pri­va­ter Träger vor. Nach 15 Jahren gibt es wie­der einen aktu­el­len Überblick über Archive in Schleswig-Holstein. Das Werk beschreibt die Geschichte des Archivs und gibt eine Übersicht über die archi­vier­ten Unterlagen mit Angaben zu Umfang und Laufzeit. Es hält Angaben zu Adressen, Öffnungszeiten, Ansprechpartnerinnen und -part­nern, Internetauftritt und Findmitteln bereit, stellt die tech­ni­sche Ausstattung vor. Das Schöne: Die Übersicht über die Bestände der Archive gibt es auch online oder zum down­load als EPUB, mobi oder pdf. Als Buch (ISBN 978 – 3-937816 – 83-8) kann man es für 34,80 € kau­fen. Natürlich feh­len noch Dinge, konn­ten Landesarchivar Professor Rainer Hering, die Kieler Stadtarchivarin Jutta Briel und Dr. Annette Göhres, die Leiterin des Nordelbischen Kirchenarchives bei der Vorstellung des Buches berich­ten: Eine Online-Recherche etwa, oder die vie­len in den Archiven der gera­de im Umbruch befind­li­chen Kirchenkreise lagern­den Bestände unser kul­tu­rel­les Gedächtnisses.

Der Weg bis zum Archiv, das nah bei mir ist, weil ich es von über­all via Internet errei­chen und durch­su­chen kann, ist noch lang und – so wird es sein: – teu­er. Knapp ist nicht die Ressource Personal, knapp ist nicht die Ressource Nachfrage. Knapp ist nicht das Aufbewahrenswerte. Knapp ist das Geld. Archive bie­ten sich an, jen­seits vom Pepita der Land- Kreis-, Amts-, Gemeindestruktur effi­zi­ent und kos­ten­güns­tig auf­ge­stellt zu wer­den. Vielleicht kann Digitalisierung und Internet hel­fen, aus die­ser Not ein wenig eine Tugend machen. Archive wer­den dadurch nicht sexy. Aber näher.

Dafür brau­chen sie öffent­li­ches Gehör. Die Vorstellung des Archivführers gar­nier­te der Landesarchivar mit einer Lesung aus den Kriminalromanen des Autors und Historikers Christian von Dithfurth (der Autor selbst muss­te kurz­fris­tig durch Krankheit absa­gen, dafür las ein Schauspieler aus dem Kieler Ensemble), des­sen leicht para­noi­der Held Joseph Maria Stachelmann, ein Historiker, als Amateurdetektiv das span­nen­de, packen­de und end­lich fall­lö­sen­de in Archiven fin­det. Auch das macht Archive nicht sexy. Aber bekann­ter — und das ist gut so.

Von:

Swen Wacker, 49, im Herzen Kieler, wohnt in Lüneburg, arbeitet in Hamburg.

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