Das Private, Facebook und Schleswig-Holstein

Von | 21. Juni 2011

Das Landesblog pflegt eine Seite, auf der alle Facebook-Accounts der Landtagsabgeordneten ver­zeich­net sind. Wir machen das als Service und habe nie vor­ge­habt, die Accounts irgend­wie in eine wer­ten­de Reihenfolge zu brin­gen. Schon, weil es an einem über­zeu­gen­den Maßstab für „rich­ti­ge“ Facebook-Benutzung fehlt.

Ich könn­te sagen, was ich für falsch hal­te: Sich anmel­den und dann nie was machen. Oder: Freundschaftsanfragen nur ein­mal im Monat beant­wor­ten — wun­der­bar erkenn­bar am stets an Ausschusssitzungstagen wie­der­keh­ren­den „Paula Baumann ist jetzt mit Fred Clausen und 122 wei­te­ren Personen befreun­det“. Oder: aus­schließ­lich mit der Drittverwertung von Tweets und Presserklärungen voll­ge­müll­te Nachrichtenströme.

Ich ken­ne aber kein „rich­tig” bei Facebook. Social media hat viel mit Kommunikation zu tun; mit der Idee, sich unter­ein­an­der inhalt­lich — aber nicht: for­mal — aus­zu­tau­schen. Social media ist kei­ne Visitenkarte. In der deut­schen Übersetzung Soziale Medien darf man nicht in den sprach­li­chen Fehler ver­fal­len, sozi­al mit dem für­sor­ge­ri­schen und leicht von oben her­ab schau­en­den Deutung zu ver­wen­den, son­dern soll­te eher an Gemeinsamkeit, Verbundenheit auf Augenhöhe den­ken. Das gibt die Richtung vor, eröff­net Spielraum und bringt dabei auch eini­ge kla­re Regel mit. Zum Beispiel: Stehe zu dem, was Du sagst. Sage das, wozu Du stehst. Sei authen­tisch.

Wir müs­sen bestimm­te gesell­schaft­li­che Regeln für den Umgang mit soci­al media ler­nen. Am Beispiel der Zwiebel Facebook: Zuerst erschlägt uns die Fülle des Angebots. Dann erken­nen wir fast intui­tiv die Einfachheit des Angebotes. Um dann schließ­lich die Schale zu sehen, die uns die Details der Verästelungen der Facebook-Feinheiten prä­sen­tiert. Ist eine pri­va­te Seite „bes­ser” als eine Fan-Seite? Muss eigent­lich jede Institution als pri­va­te Seite daher­kom­men oder ist eine Fan-Seite oder eine Gruppe nicht auch was Gutes?

Anders gefragt: Schmücken wir nicht auch unse­rer eige­nes Ego, wenn wir uns mit Giselle Bündchen oder Sascha Lobo befreun­den kön­nen, anstatt deren Fanpage toll zu fin­den?

Und wie gehen eigent­lich Medienvertreter mit Facebook um? Darf der Journalist, das, was er auf der Seite des mit ihm befreun­de­ten Politikers liest, als Nachricht ver­wen­den. Oder ist das nicht eher „unter C” oder wei­ter­ge­hend ein­fach nur was pri­va­tes. Ich hand­ha­be das zum Beispiel so und wür­de nie etwas unre­flek­tiert auf dem Landesblog ver­öf­fent­li­chen, ohne mich gefragt zu haben, ob ich die Nachricht nur des­halb sehe, weil jemand mit mir befreun­det ist. Ich glau­be nicht, dass das jeder so reflek­tiert macht.  Angesichts der Tatsache, dass mehr und mehr Mitglieder der Landespressekonferenz bei Facebook sind, wäre die­se Diskussion gele­gent­lich sinn­voll.

Bei der Frage nach Facebook und dem Privaten muss man nicht gleich das ganz gro­ße Rad dre­hen und das Ende der Privatheit, je nach Gusto, her­bei­se­hen oder bekla­gen. Man kann das auch ganz schlicht beant­wor­ten: Wer am öffent­li­chen Strand ins öffent­li­che Wasser geht, wird nass und wird sich vor allen ande­ren abtrock­nen und umzie­hen. Na und? Das erfor­dert Souveränität. Bei jedem Schritt. Und ist schnell Gewohnheit. Heute sind Sachen nor­mal und all­täg­lich, die es ges­tern noch nicht waren. Ein alter Hut. 

Christian von Boetticher ist so ein öffent­lich Badender. Er hat, schon seit län­ge­rem, einen pri­va­ten Facebook-Account und, wie sich das für einen Prominenten Politiker mit Ambitionen in die­sen Tagen schein­bar gehört, ganz vie­le „Freunde“ bei Facebook (Ich schrei­be Freunde in Anführungszeichen um zu beto­nen, dass bei Facebook der Begriff „Freunde” anders gedeu­tet wer­den muss als in ande­ren Kontexten). Und wie das halt so ist in der ver­netz­ten, ver­öf­fent­lich­ten Welt, hat er zu einer poli­ti­schen, schwie­ri­gen Veranstaltung nicht zuge­sagt und dann am Abend des Termins die Mondfinsternis Facebook-öffent­lich betrach­tet. Darüber haben sich man­che (Parteifreunde) auf­ge­regt. Nicht zum ers­ten Mal. Ihm war schon vor län­ge­rem, als er Bilder von einem Poloturnier auf Sylt ver­öf­fent­lich­te, ange­las­tet wor­den, so etwas tue man nicht. Warum auch immer. Wenn er so ist, dann ist er so. Und soll­te sich nicht ver­bie­gen.

Zukünftig will er nun sein öffent­li­ches Bad kon­trol­lier­ter neh­men, auf einer pri­va­ten pri­va­ten Seite und auf einer Fan-Seite. Viele sei­ner FB-Freunde erhiel­ten die Tage eine Nachricht, in der Christian von Boetticher „lie­be Facebook-Freunde“ dar­auf hin­wies, dass er sich ange­sichts des bevor­ste­hen­den Landtagswahlkampfes in Schleswig-Holstein dazu ent­schlos­sen habe, sein pri­va­te Facebook-Profil zu eben dem: sein pri­va­tes Facebook-Profil zurück­zu­füh­ren. Wer ihn in Zukunft auch via Facebook erfah­ren möch­te, der gehe zu sei­ner „Fan-Seite” und drü­cke bit­te ein­fach den „Gefällt mir“-Button.

Ich habe die Mail nicht bekom­men. Er ist näm­lich einer der weni­gen Landespolitiker, die mei­ne Freundschaftsanfrage nie beant­wor­tet haben. Ich habe ihm das nicht krumm genom­men, son­dern dach­te mir nach der Sylt-Geschichte, dass er mit Anfragen halt umsich­ti­ger vor­ge­he. Es gibt kei­ne Pflicht, auch nicht für öffent­li­che Personen, jeden als Freund zu akzep­tie­ren. Und die Privatperson Christian von Boetticher ist mir, im bes­ten Sinne des Wortes, eh egal. Und wenn ich unbe­dingt was wis­sen will, dann rufe ich (als Blogger) halt sei­nen Pressesprecher an oder schrei­be ihm (als Bürger) eine E-Mail.
Als Blogger wer­de ich neben den übli­chen Quellen (pri­va­tes Archiv, RSS-Feed, Mails und Google, Anruf beim Pressesprecher …) halt auch den „Gefällt mir”-Knopf bei Facebook bekli­cken. Das stört mich nicht. Wie die meis­ten Leute, die bei Facebook sind, weiß ich, dass man das mit dem „Gefällt mir“ nicht wört­lich neh­men darf und bekli­cke stän­dig aus Informationsinteresse Quellen, die mir bes­ten­falls „egal” sind.

Die Schwachstelle ist also nicht Facebook, son­dern unser Umgang damit. Wenn Christian von Boetticher sein pri­va­tes Profil über­schau­bar hal­ten möch­te und Dinge trennt, die er tren­nen möch­te, dann soll er das tun — natür­lich mit ehr­li­cher, kla­rer Argumentation und ohne Ausflüchte, sonst wird das Private zum Geheimen und damit Anlass zur Kritik. Sein „Rückzug“ taugt also per se erst­mal nicht zum Skandal. Ebenso wenig, wie ver­meint­li­che „Ich bin so betrun­ken“-Tweets von Ralf Stegner Aufreger sind. Darüber regt sich nur auf, wer sich mor­gens aus­gie­big mit Moralin die Zähne bürs­tet.
Zum Skandal wird so etwas erst (und nur), wenn man zu den offen­sicht­li­chen Dingen nicht steht. 

Mir fal­len ganz ande­re Dinge ein, über die sich eine poli­ti­sche Diskussion lohn­te. Bei Facebook zum Beispiel: Wem gehört Schleswig-Holstein?
Aktuell beackert das anschei­nend die Staatskanzlei, die dort eine eher zufäl­lig anmu­ten­de Mischung aus Ferienland, Regierungsmeinung und Veranstaltungskalender ver­treibt. Schleswig-Holstein gefällt ein Sammelsurium an Facebook-Seiten (KN-online.de, Wirtschaftsministerium Aktuell, del­ta radio, urlaub in schles­wig-hol­stein*shz.de — Nachrichten aus Schleswig-Holstein, SG Flensburg Handewitt, Ostsee /​ Baltic Sea /​ Mer Baltique und Stanfour), wo man sich fragt, was das denn bit­te für eine Mischung sein soll? KN und Delta-Radio ja, LN, RSH und NDR nein? Private Seiten wie das Ostsee-Dings, aber Eckernförde oder das IfW nicht? Die Flensburger SG, nicht aber der THW Kiel? Eine Musikband, bei Facebook akti­ve Bürgermeister wie Hans-Jürgen Kütbach oder Andreas Breitner aber nicht? Dafür darf dann aber in der Timeline tage­lang Werbung rum­ste­hen? (Nachfolgend eine Auswahl von Meldungen, die heu­te (21. Juni) Mittag, teil­wei­se schon seit Tagen, zu sehen waren:

 

Bei aller Freude und Nachsicht über das „aus­pro­bie­ren“ wäre, auch ange­sichts des Geldes, das die Regierung des Landes Schleswig-Holstein für media­le Beratung aus­gibt, ein spür­ba­res Konzept für den Auftritt bei Facebook längst über­fäl­lig. Und die Fraktionen und der Landtag, die so gern Heimat für die Beauftragten des Landes sein wol­len, soll­ten sich fra­gen, war­um sie aus­ge­rech­net bei einem öffent­lich­keits­wirk­sa­men Auftritt die Lufthoheit über den Begriff Schleswig-Holstein klag­los der Exekutive über­las­sen? Stört das denn nie­man­den im Landtag? So kurz vor Wahlkampf?

So eine Diskussion könn­te ich ver­ste­hen. Wenn sich die Aufregung aber auf den sei­nen Facebook-Account auf­räu­men­den Christian von Boetticher kon­zen­triert, dann fehlt mir der Glaube an die Ernsthaftigkeit der Diskussion. Da soll­te man die Aspekte soci­al media und par­tei­in­ter­ne Kommunikation sau­ber tren­nen.

Von:

Swen Wacker, 49, im Herzen Kieler, wohnt in Lüneburg, arbeitet in Hamburg.

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