Man will es doch richtig machen

Von | 15. August 2011

Es scheint, dass den kon­ser­va­ti­ven Parteien, je nach Lesart, die Werte oder die Inhalte abhan­den kom­men.

In Deutschland kappt die Regierung Merkel mit schnel­len Hieben die Seile, mit denen noch vor Monaten ihr Wertegerüst gezurrt wur­de: Abschaffung der Wehrpflicht, Atomausstieg, Eurostabilität, Verstaatlichung von Banken.

Charles Moore, kon­ser­va­ti­ver bri­ti­scher Publizist, beginnt zu glau­ben, „dass die Linke recht hat“, Frank Schirrmacher sekun­diert in der FAZ, zu Recht dar­auf hin­wei­send, dass Moore mit­nich­ten mei­ne, dass „Labour“ etwa Recht habe: er rede viel­mehr von rech­ten und lin­ken Ideen — und dass die Politik die für die­se Ideen ste­hen­den Worte zwar geka­pert habe, sie (jetzt) aber nicht mehr mit Inhalten fül­le – Ziele und Handeln stim­men nicht mehr über­ein.

Wie im Großen, so geht auch im Kleinen Orientierung ver­lo­ren. Da wer­den dann schnell die Werte umklam­mert, die noch da sind. Ganz fest. Man will es doch rich­tig machen. 

Christian von Boetticher hat alles rich­tig gemacht — und schei­ter­te viel­leicht des­halb. Junge Union, CDU, Abitur, Reserveoffizier, Jura-Studium, Studentische Verbindung, Europa-Abgeordneter, Umweltminister, Fraktionschef, 40ster Geburtstag. Als er sich, zwi­schen den Stationen Fraktionsvorsitz und 40, in eine 16-Jährige ver­liebt, been­det er die­se Beziehung nach weni­gen Monaten, wohl auch mit Blick auf das ange­streb­te Spitzenamt. 

Kann dar­aus, darf dar­aus ein „Bedrohungs- und Erpressungspotential“ ent­ste­hen? Wohlgemerkt: Es geht bei „dar­aus“ nicht um den Umstand, dass er sei­ne Liebe ver­leug­ne­te, son­dern dass er sie über­haupt zuge­las­sen hat­te. 

Und wenn ja: wol­len wir das? Wollen wir wirk­lich noch strom­li­ni­en­för­mi­ge­re Kandidaten ohne kleins­ten mensch­li­chen Fehl? Wollen wir also par­tei­in­ter­ne Kommissionen, die poten­ti­el­le Kandidaten zunächst auf Seitensprünge, öffent­li­ches Popeln, nicht gemach­te Führerscheine oder bevor­zug­te Stellungen im Geschlechtsverkehr unter­su­chen? Wollen wir also Dinge durch­leuch­ten, die bei man­chen viel­leicht mora­li­sche Bedenken aus­lö­sen, aus guten Gründen aber eben nicht ver­bo­ten sind?

Ich freue mich ja schon auf Wahlplakate, wo im Kleingedruckten hin­ge­wie­sen wird, wann der Kandidat das letz­te Mal den Kirchgang schwänz­te, sei­ne Frau belog und im Bus sit­zen blieb, als ein älte­rer Mann ein­stieg.

Ich kann den Menschen Christian von Boetticher ver­ste­hen. In die­ser Schlangengrube wäre er viel­leicht erfolg­reich, nie aber glück­lich gewor­den. Dass er das getan hat, spricht für ihn. Die Naivität zu glau­ben, dass ihm nie­mand dar­aus einen Strick zie­hen will, kann ich ihm nicht vor­wer­fen. Die Glaubwürdigkeitskrise hat jetzt die CDU. Sie wird nun zei­gen müs­sen, ob sie den Unterschied zwi­schen Moral und Bigotterie kennt.  

Von:

Swen Wacker, 49, im Herzen Kieler, wohnt in Lüneburg, arbeitet in Hamburg.

13 Gedanken zu “Man will es doch richtig machen”:

  1. Simon Zeimke

    „Es geht bei „dar­aus“ nicht um den Umstand, dass er sei­ne Liebe ver­leug­ne­te, son­dern dass er sie über­haupt zuge­las­sen hat­te.” Vielleicht etwa phi­lo­so­phisch, aber kann man Liebe zulas­sen oder nicht? Passiert Liebe nicht ein­fach manch­mal? Eben auch fern­ab jeder Norm…

    Ich möch­te nicht über von Boetticher und sein Privatleben urtei­len. Das steht im Grunde nie­man­dem zu, außer ihm, dem Mädchen und viel­leicht auch noch deren Eltern. Aber die Frage, ob man in Zukunft nur noch strom­li­ni­en­för­mi­ge, geleck­te Kandidaten möch­te ist inter­es­sant. Es sind doch gra­de die Ecken und Kanten, die Narben, die einen Menschen inter­es­sant machen. Helmut Kohl, Konrad Adenauer, Helmut Schmidt — das waren Menschen mit Profil, gra­de weil sie Ecken und Kanten hat­ten.

    Und eine Frage die mich umtreibt: Muss man damit leben, dass das Privatleben — ja auch Politiker haben das — der­art in den Fokus der (Medien-)Öffentichkeit gerät? Oder sind hier die Maßstäbe ein Stück weit ver­rückt…

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    1. Swen Wacker

      Bei aller Irrationalität, die glü­cker­li­cher­wei­se die Liebe beglei­tet, gibt es wohl immer ganz am Anfang den Moment, wo die Ratio noch wach ist und sagen kann: „Swen, über­leg Dir das noch mal mit dem Liebe”.

      Natürlich muss man damit leben, dass das Privatleben im Fokus der Öffentlichkeit ist. Man kann es nicht ver­hin­dern, nicht jedes Medium hält sich an einen ver­ein­bar­ten Kodex. Womit wir aber nicht leben müs­sen: Dass uns das beein­druckt. Als Leser: Das wir gie­rig lesen. Als Medien: Das wir die Nachricht gie­rig wei­ter­ver­tei­len. Als Gremium: Das wir das  Ereignis nut­zen, um ande­res zu errei­chen.

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  3. Alexander Ruoff

    @ Swen
    Das Problem schei­nen weni­ger die Medien son­dern sei­nen „Parteifreunde” zu sein. Laut Presseberichten hat sein Umfeld die­se Liaison akzep­tiert, das bedeu­tet, dass die­se Beziehung nicht das gro­ße Geheimnis son­dern vie­len bekannt war.

    Auffälliger fin­de ich den Zeitpunkt: 9 Monate vor der Wahl, 3 Monate vor dem Landesparteitag. Bis zum nächs­ten Frühjahr wer­den die Wähler die­se Affäre, Dank des beherz­ten Durchgreifen der Sitte-und-Moral-Fraktion, ver­ges­sen haben und zum kom­men­den Landesparteitag wird das Fell des erleg­ten Bären ver­teilt sein. Es gibt ja genü­gend Filetstücke auf die sich sei­ne inner­par­tei­li­chen Gegner, wie die Aasgeier, stür­zen wer­den.

    Dass der Mensch Christian von Boetticher dabei auf der Strecke bleibt, das stört in die­ser christ­li­chen Partei nie­man­den. Soviel zu Moral, Anstand und Nächstenliebe. 

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    1. Swen Wacker

      Neben der Herr von Boetticher wird eine jun­ge Frau in cdie Öffentlichkeit gezerrt wer­den. Die ers­ten Bilder, noch ver­pi­xelt, gibt es schon in der loka­len Presse.

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  4. Philipp Neuenfeldt

    „Die Naivität zu glau­ben, dass ihm nie­mand dar­aus einen Strick zie­hen will, kann ich ihm nicht vor­wer­fen.” Genau über die­se Naivität ist er doch jetzt aber gestol­pert und zu Fall gebracht wor­den. Und offen­sicht­lich war ihm der Umstand der Gefahr zum Zeitpunkt der Übernahme des Landesvorsitz und der Nominierung zum Spitzenkandidaten auch bewusst. Denn wenn man der offi­zi­el­len Chronologie der Ereignisse Glauben schen­ken darf, been­de­ten die bei­den die Liaison etwa zu die­sem Zeitpunkt.
    Die Naivität ist ihm also nicht vor­zu­wer­fen, sie ist ihm zu attes­tie­ren. Wenngleich etwas wei­ter gefasst: Als aus­sichts­rei­cher Nachfolger von Ministerpräsident Carstensen war Christian von Bötticher m.E. zunächst zu naiv, zu mei­nen, er wer­de sich in abseh­ba­rer Zeit nicht in der­art expo­nier­ter Stellung befin­den, in der aus einer sol­chen amo­rö­sen Verstrickung ein poli­ti­scher Strick gedreht wer­den könn­te.

    Über die Beziehung selbst kann sich allen­falls das direk­te per­sön­li­che Umfeld ein Urteil anma­ßen. Mein Interesse als Bürger zielt in ers­ter Linie dar­auf, wel­chen Eindruck er davor und danach ver­mit­telt (hat) und inwie­weit die­se Eindrücke in Einklang gebracht wer­den kön­nen. Während mein Interesse als Wähler sich dar­auf rich­tet, wie die Partei damit umgeht. Hierin liegt offen­sicht­lich die eigent­li­che Affäre.

    Irrelevant für mich als Wähler, gleich­wohl von Interesse für mich als auf­merk­sa­men Beobachter poli­ti­scher Akteure ist die Kurzsichtigkeit, mit der Menschen in expo­nier­ter Stellung bis­wei­len agie­ren. Sicherlich möch­ten wir kei­ne uni­for­men und glatt geschlif­fe­nen Politiker und Wirtschaftsführer. Aber dür­fen wir nicht ande­rer­seits wenigs­tens erwar­ten, dass die Handelnden mit einer gewis­sen Verantwortung für ihr Amt und die in sie gesetz­ten Hoffnungen durchs Leben gehen? Woraus begrün­det sich denn die in sol­chen Fällen stets zitier­te Vorbildfunktion? Sie ist näm­lich nicht an die Person gebun­den, son­dern an das (sei es desi­gnier­te) Amt.
    Selbstverständlich haben all jene Recht, die wie Herr Stegner das „Privatleben als Privatleben” bezeich­nen. Allein, es liegt im Wesen von Tautologien und igno­riert das Wesen der Vorbildfunktion.
    Tatsache ist, solan­ge wir in expo­nier­ten gesell­schaft­li­chen Positionen einen Vorbildcharakter erken­nen oder ihn uns her­bei­seh­nen (es gibt Zeitungen, die 80% ihrer Auflage aus die­sem Phänomen gene­rie­ren), solan­ge ist allen Anwärtern und Inhabern die­ser Positionen nicht nur zuzu­mu­ten, sich die­ser an sie — wenn­gleich nicht per­sön­lich! — gerich­te­ten Erwartung bewusst zu sein. Nein, dar­über hin­aus ist auch zu erwar­ten, dass sie sich ihr stel­len. Was im übri­gen — das mag auf den ers­ten Blick viel­leicht über­ra­schend klin­gen — auch die Möglichkeit des Scheiterns offen lässt. Dann zeigt sich im Umgang mit der ent­täusch­ten Erwartung die mora­li­sche Verfasstheit des jewei­li­gen und sei­nes Umfeldes.

    Ob Herr von Bötticher nun noch eine Chance hat, liegt lei­der nicht mehr nur bei ihm. Das haben jetzt die Mitgliederinnen und Mitglieder einer Partei zu ver­ant­wor­ten (!), aus deren Reihen anschei­nend auch der Tipp an die BamS ging. Sie sind es, die sich fra­gen müs­sen, ob eine Vorbildfunktion nicht auch einen respekt­vol­len, red­li­chen Umgang mit­ein­an­der ein­schließt — unab­hän­gig von der mora­li­schen Bewertung ein­zel­ner Ereignisse.

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    1. Alexander Ruoff

      Der „Tipp” kam wohl eher von einem sei­ner „Parteifreunde”, der sich Chancen auf einen der Posten aus­rech­net. Es ist ja nicht das ers­te Mal, dass in einer christ­de­mo­kra­ti­schen Partei mit Hilfe der Boulevardpresse die eige­nen Spitzenpolitiker ange­grif­fen wer­den…

      Dass sich unse­re Boulevardmedien für die­ses amo­ra­li­sche Spiel instru­men­ta­li­sie­ren las­sen fin­de ich viel kri­tik­wür­di­ger. Aber auch die Doppelmoral der Partei soll­te den Wählern zu den­ken geben. 

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    2. Anonymous

      Seitdem ich ein­mal ein Rundschreiben an die Mitglieder des Ortsverbandes mit „Liebe Mitgliederinnen und Mitglieder” begon­nen habe, bin ich bezüg­lich des Wortes DAS Mitglied etwas emp­find­lich gewor­den. Es gibt also weder „den Mitglied” noch „die Mitgliederin”, son­dern ledig­lich „das Mitglied”. Hat aber mit der Debatte ansons­ten nix zu tun.  :-)

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  5. Juergen Kuehner

    Mit der Argumentation könn­te man jedes „Fehlverhalten” gut­hei­ßen. 
    Dass sich CvB  in das Leben einer Sechzehnjährigen ein­greift, ist Ausdruck von Verantwortungslosigkeit; dass er die „Liebesbeziehung” been­det, weil sie sei­ner poli­ti­schen Karriere im Wege steht, ist Ausdruck von Rücksichtslosigkeit. Aber Mitleid ist doch nun völ­lig fehl am Platze, gera­de bei einem der mit Protzmeldungen auf Facebook und Twitter auf­fiel und weni­ger durch sei­ne Arbeit.

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    1. Swen Wacker

      Als Fan des kate­go­ri­schen Imperativs sehe ich Grenzen, nicht jedes „Fehlverhalten” kann gut gehei­ßen wer­den.

      Ich wün­sche mir Offenheit in der Argumentation, nicht aber vor­ge­scho­be­ne mora­li­sche Empörung als Vehikel, um jeman­den los zu wer­den, den man aus ande­ren Gründen nicht will.

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  6. Thilo P.

    Ich fin­de das eine gro­ße Verharmlosung, wenn Du schreibst „Wollen wir wirk­lich noch strom­li­ni­en­för­mi­ge­re Kandidaten ohne kleins­ten mensch­li­chen Fehl?”:

    Ich sehe das sim­pel so: Herr Boetticher hat eine Midnerjähruge gevö­gelt und die­se Liebe dann auf­grund der Tatsache fal­len gelas­sen, dass er zum Spitzenkandidaten wur­de.

    Aus mei­ner Sicht ein Doppel-Fail: Erstens die Frage, ob man als 40jähriger in Facebook auf Kontaktsuche mit 16jährigen Jugendlichen gehen muss?  Und dann die Frage, wie­viel Liebe im Spiel war, wenn er dann bei erst­bes­ter Gelegenheit ihr einen Tritt ver­passt.

    Dazu kommt die frag­li­che Rolle der CDU, die offen­bar seit 2010 von der Affäre wuss­te, aber sie erst jetzt öffent­lich kri­ti­sier­te, als man Boetticher poli­ti­sche kalt stel­len woll­te. Also auch hier eine mora­li­sche Verlogenheit.

    Für mich sind das alles in Summe nicht „kleins­te mensch­li­che Fehler”, son­dern gro­ße mensch­li­che und poli­ti­sche Fehler.

    Wohlgemerkt: Es geht nicht um eine mora­li­sche Bewertung, son­dern um eine Bewertung des gesam­ten Ablaufs aller Beteiligten.

    Sicher steht die Presse auf Skandale wie die­sen. Aber das beweist nicht,  dass Boetticher nicht gefehlt hat.

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    1. Swen Wacker

      Dein „Doppelfail” besteht aus zwei Fragen, die Du nicht expli­zit, wohl aber impli­zit mit dem Fail beant­wor­test. Daraus folgt, dass Du eine Norm im Kopf hast, nach der Du bewer­test, beur­teilst.

      Lackmustest: erset­ze „16-Jährige Jugendliche” durch „Mann”. Oder: Ersetze „bei erst­bes­ter Gelegenheit einen Tritt ver­pas­sen” durch „hat schon drei­mal eine Ehe auf Lebenszeit geschlos­sen”. Warum zählt das eine, nicht aber das ande­re?

      Wer die­se oder ähn­li­che Konventionen oder Handlungsempfehlungen jen­seits von Gesetzen in die Betrachtung ein­flie­ßen lässt, der bewer­tet auf mora­li­scher Grundlage. Also sage bit­te nicht, es gehe (Dir) nicht um mora­li­sche Bewertung.

      Im Verwaltungsrecht ken­nen wir den (unbe­stimm­ten) Begriff des „Charakterlichen Eignung”. den Begriff fin­de ich zwar blöd, die Auslegungsregeln zei­gen aber auf das, was die Bigotterie anders macht. Theorie: Wir sol­len mög­lichst nicht durch Werturteile, son­dern durch Tatsachen zu einer Begründung kom­men. Das ist natür­lich in gewis­ser Hinsicht faden­schei­nig, letz­lich bewer­ten wir doch. Aber dann bit­te nach­voll­zieh­bar und offen, abwä­gend. 
      Die Bigotterie hin­ge­gen urteilt geheim, hin­ter­rücks, dop­pel­bö­dig. Sie wägt nicht ab, son­dern pickt sich allein das her­aus, was ihr (zur gehei­men Botschaft) passt. So kann das Verhalten des Parteifreundes ent­schuld­bar wer­den, das des (Partei)Feindes aber ein abso­lu­tes NoGo sein.

      Herr von Boetticher hat gefehlt. Und er hat­te in der CDU offen­sicht­lich kei­ne Freude. Niemand wog sei­ne Leistungen mit sei­nem Fehler ab. Im bes­ten Fall stell­te viel­leicht einer fest, dass da nichts posi­ti­ves auf der Waagschale lag. Aber selbst dann stellt sich die Frage: War das (also das Fehlen von posi­ti­ven Leistungen) nicht schon län­ger bekannt? Suchte man also nur die Gelegenheit, weil man das Offensichtliche nicht sag­te? Das ist das zu bekla­gen­de Versagen. Dass Herr von Boetticher naiv war (wie ich ja schon schrieb) ist in der Gesamtbetrachtung egal. Sein Scheitern ist tra­gisch aber sym­pto­ma­tisch für eine Fehlentwicklung.

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