Viel Lärm um 300 Lehrerstellen

Von | 7. Dezember 2011

Bereits vor eini­ger Zeit hat­te Landesblogger Swen Wacker in sei­nem Artikel „Mehr Lehrerstellen: schlägt die FDP die CDU im Hase-und-Igel-Spiel?” über die Pläne der FDP berich­tet, 300 Lehrerstellen weni­ger als geplant zu strei­chen. Doch das Tauziehen um die Umsetzung geht wei­ter und die Parteien in Schleswig-Holstein haben ihre jewei­li­gen Meinungen dar­über, ob eine soge­nann­te Mehrinvestition in die Bildung nötig ist oder nicht und in wel­cher Form sie statt­fin­den kann.

In einer Pressemitteilung vom 1. Dezember recht­fer­tig­te sich Bildungsminister Ekkehard Klug gegen­über den Vorwürfen der Elternverbände zu Kürzungen im Bereich der Bildungsaufwendungen mit den fol­gen­den Worten:

„Derartige Behauptungen gehen völ­lig an der Realität vor­bei. 10.000 Unterrichtsstunden mehr in die­sem Schuljahr an den schles­wig-hol­stei­ni­schen Schulen spre­chen eine deut­li­che Sprache”, sag­te der Minister. Im Übrigen sei­en die Lehrerstellen im Land auf Rekordhöhe gewach­sen, wäh­rend die Schülerzahlen seit Jahren rück­läu­fig sei­en: „In allen Schularten wird mehr Unterricht erteilt.”

Die Menge des erteil­ten Unterrichts ist dabei jedoch nur eine Komponente des Ganzen, denn nicht nur dafür wer­den Lehrerstunden gebraucht. In Schleswig-Holstein fin­det nach wie vor eine Entwicklung im schu­li­schen Bereich statt, die auf­grund ihrer tief­grei­fen­den Veränderungen über­aus zeit­auf­wän­dig ist, wenn sie effek­tiv umge­setzt wer­den will: das Konzept der Gemeinschaftsschulen, die seit 2007 im Entstehen begrif­fen sind. Dort wird auf das län­ge­re gemein­sa­me Lernen gesetzt und vor­wie­gend bin­nen­dif­fe­ren­ziert gear­bei­tet, da in den Klassen Kinder und Jugendliche mit Haupt-, Real- und Gymnasialempfehlung gemein­sam ler­nen. Das erfor­dert ent­spre­chen­de schul­in­ter­ne Absprachen und Förderkonzepte, damit sowohl die schwä­che­ren Schüler geför­dert, als auch die stär­ke­ren Schüler gefor­dert wer­den. Ein wich­ti­ger Bestandteil der Schulen ist des­halb das Vorhandensein von Differenzierungsstunden, damit klei­ne­re Lerngruppen gebil­det wer­den kön­nen oder der Unterricht in Teilen von zwei Lehrkräften durch „Teamteaching” erteilt wer­den kön­nen, um sich den Bedürfnissen der Schüler ent­spre­chend wid­men zu kön­nen.

Diese Differenzierungsstunden wur­den in der aktu­el­len Legislaturperiode um die Hälfte gekürzt und stan­den den Gemeinschaftsschulen daher nicht mehr zur Verfügung. Nun spricht die glei­che Regierung, die die Kürzung vor­ge­nom­men hat, öffent­lich von einer Anhebung der Stunden und will sich Jost de Jagers Aussagen nach in Kürze dar­über ver­stän­di­gen:

„In der nächs­ten Sitzung des Koalitionsausschusses mit der FDP wer­de ich das zur Sprache brin­gen, um die Zahl der Differenzierungsstunden wie­der anzu­he­ben.”

Trotz der Tatsache, dass die Unterrichtsversorgung zwar abge­deckt ist, also jeder Schüler laut Stundenplan mit den ihm zuste­hen­den Stunden ver­sorgt wird, ist noch lan­ge nicht gewähr­leis­tet, dass die­se Stunden auch so effek­tiv ein­ge­setzt wer­den kön­nen, wie das nach der Idee der Gemeinschaftsschulen nötig wäre. Denn Schulen im Wandel brau­chen neben den Ressourcen für die Umsetzung neu­er Konzepte auch Zeit und Ressourcen für eine effi­zi­en­te Qualitätsentwicklung — vor allem, wenn sich die Rahmenbedingungen so häu­fig ändern, wie das in unse­rem Bundesland der Fall ist. So wur­de allein in die­sem Jahr in Sachen G8-G9-GY zurück­ge­ru­dert und die Lehrerausbildung gra­vie­rend geän­dert, was vor allem für die Gemeinschaftsschulen eine Neuorientierung erfor­dert, die nicht mit mini­ma­len Zeitbudgets umge­setzt wer­den kann. Doch das wird von der regie­ren­den Koalition offen­sicht­lich nicht ent­spre­chend berück­sich­tigt. In einer Pressemitteilung erklärt die bil­dungs­po­li­ti­sche Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/​Die Grünen, Anke Erdmann:

„Für Schwarz-Gelb ist die Anzahl der Lehrerstellen schein­bar ein Pokerspiel. Wolfgang Kubicki möch­te Probleme lösen, die die Schulen ohne ihn gar nicht hät­ten.”

In Bundesländern wie Baden-Württemberg wer­den bei­spiels­wei­se an Schulen im Umgestaltungsprozess zusätz­li­che Stellen aus­ge­schrie­ben, die mit Lehrkräften besetzt wer­den, die sich für die Umsetzung von Qualitätsentwicklungsarbeit an der Schule fort­ge­bil­det haben. Des Weiteren wer­den dort den Schulleitungsteams zusätz­li­che Stunden zuge­wie­sen, die sie für admi­nis­tra­ti­ve und inno­va­ti­ve Tätigkeiten nut­zen kön­nen. Um das Lehrerkollegium nicht neben der eige­nen Unterrichtstätigkeit und der Weiterentwicklung ihrer unter­richt­li­chen Methoden zu belas­ten, ste­hen Schulen je nach Größe eine bestimm­te Menge an Stunden zu, die vor­wie­gend für den Vertretungsunterricht erkrank­ter Kollegen ein­ge­setzt wer­den kön­nen. So ist eine Minimierung der Unterrichtsausfälle mög­lich. Vor allem Ganztagsschulen kön­nen die Verlässlichkeit garan­tie­ren, die sie den Eltern im Stadtteil bewusst gewählt haben. Und wenn kein Vertretungsunterricht nötig ist, kön­nen die­se Kollegen als Zweitbesetzung mit in den Unterricht eines Kollegen gehen oder eine Kleingruppe nach Bedarf för­dern.

Es wäre also mehr als wün­schens­wert, dass die Politiker in Schleswig-Holstein erken­nen, dass 300 Lehrerstellen allen­falls ein ers­ter rich­ti­ger Schritt sind, wenn die Bildung im eige­nen Land von Schulen ver­schie­de­ner Ausrichtungen qua­li­ta­tiv wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den will.

Von Seiten der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) wur­de die Diskussion durch­aus posi­tiv bewer­tet.

„Egal ob Opportunismus, Untergangsangst oder Einsicht: Ein guter Vorschlag wird nicht dadurch falsch, dass er von der FDP kommt. Deshalb soll­ten die Regierungsparteien sofort einen Nachtragshaushalt beschlie­ßen, in dem sie die Streichung von 300 Lehrerstellen rück­gän­gig machen. Das hilft den Schulen mehr als jedes wahl­tak­ti­sche Geplänkel“,

kom­men­tier­te Matthias Heidn, Landesvorsitzender der Bildungsgewerkschaft GEW, heu­te (7. Dezember) eine Presseerklärung des FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Kubicki vom sel­ben Tag.

Der Koalitionsausschuss indes steht vor einer knif­fe­li­gen Aufgabe. Im Haushalt des Ministerium für Bildung und Kultur fal­len auf Seite 238 zwei­mal je 300 Stellen weg. Die 300 Stellen, die die FDP jetzt gern nicht mehr gestri­chen sehen wür­de, fal­len am 31.07.2012 weg. Nur: dafür müss­te der Haushalt geän­dert wer­den, also ein Nachtragshaushalt beschlos­sen wer­den. Deshalb muss Wolfgang Kubicki den Finanzminister ins Boot holen:

„Seine Ankündigung, mit uns dar­über im Koalitionsausschuss spre­chen zu wol­len, freut mich – ich gehe aller­dings davon aus, dass wir gemein­sam auch den Finanzminister über­zeu­gen müs­sen.“ 

Das wird nicht ein­fach wer­den, nicht nur wegen der Frage nach der Gegenfinanzierung. Denn auch Jost de Jager will kei­nen Nachtragshaushalt. Einigte man sich nun auf eine Lösung, in dem erst 2013 (für die­ses Jahr gibt es noch kei­nen Haushaltsplan) 300 Stellen nicht gestri­chen wer­den, dann sähe sich die FDP dem Vorwurf aus­ge­setzt, als Tiger gesprun­gen und als Bettvorleger gelan­det zu sein.

Von:

Melanie Richter lebt seit mehr als 20 Jahren in Kiel, ist parteilos, seit 2010 Mitglied im Verein für Neue Medien Kiel e.V. und arbeitet in einer Kieler Gemeinschaftsschule.

2 Gedanken zu “Viel Lärm um 300 Lehrerstellen”:

  1. Karim

    Stellt sich die Frage, war­um die FDP sol­che Forderungen raus­fährt — ihren Minister aber damit beschä­digt.

    Reply
  2. Jörg Wischermann

    Pressemitteilung

    Der Landeselternbeirat der Regionalschulen zum Vorschlag vom Wissenschaftsminister Herrn Jost de Jager, die Differnzierungsstunden an Gemeinschaftsschulen wie­der auf­zu­sto­cken.

    „Weitere Disparitäten in der Schullandschaft zu schaf­fen und die Regionalschule in der Diskussion um die Aufstockung der Differenzierungsstunden gänz­lich uner­wähnt zu las­sen, das ist für uns nicht hin­nehm­bar!“, sagt der Landeselternbeiratsvorsitzende der Regionalschulen Jörg Wischermann.

    Die Situation an den Regionalschulen zeigt deut­lich, dass wie auch an den Gemeinschaftsschulen eine indi­vi­du­el­le­re Förderung ein­zel­ner SchülerInnen inner­halb von Lerngruppen ermög­licht wer­den muss.
    Eine Wiederaufstockung um 100% ‐auf 4 Unterrichtseinheiten‐ als Forder‐ und Förderstunden ist somit uner­läss­lich und zeigt über­deut­lich, dass Stellenstreichungen unver­ant­wort­lich sind.

    Die Schüler und Lehrkräfte aller Schularten bei der Gestaltung von erfolg­rei­chem Unterricht zu unter­stüt­zen soll­te das Ziel unse­rer Bildungspolitik sein, nicht aber Wahlkampf auf dem Rücken der Regionalschulen!

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