Gedenkstätten in Schleswig-Holstein - Förderung tut Not

Von | 28. Februar 2012

Sich kol­lek­tiv, also: gemein­sam, zu erin­nern, ver­bin­det. Ein sehr ein­präg­sa­mer Weg, ein kol­lek­ti­ves Gedächtnis zu begrün­den und zu för­dern, ist das Gespräch, das kom­mu­ni­ka­ti­ve Gedächtnis. Für vie­le, ins­be­son­de­re jün­ge­re Menschen öff­net das erzähl­te Leben einen ein­präg­sa­men Zugang zu einem Thema. In der Didaktik, im Geschichtsunterricht zum Beispiel, sind des­halb Zeitzeugen ein wich­ti­ger Bestandteil des Unterrichts. Heute, bald 67 Jahre nach Enden des Zweiten Weltkrieges, ist das Ende die­ser Ära nicht mehr in wei­ter Ferne. Wir wer­den zuneh­mend auf Orte, auf Gedenkstätten ange­wie­sen sein, um authen­tisch leh­ren und ler­nen zu kön­nen, um Erinnerung wei­ter­zu­ge­ben und wach­zu­hal­ten.

Nicht nur die „öffent­li­chen“ Zeitzeugen ent­schwin­den. Auch in den Familien gibt es nie­mand mehr, der aus eige­ner Anschauung oder wenigs­tens mit den ein­lei­ten­den Worten „wie mein Vater mir erzähl­te“ berich­ten kann. In der Folge ändern sich auch der Wissenshorizont und die Grundeinstellung der Zielgruppe (die übri­gens nicht zwin­gend aus Schülern bestehen muss).

So sehr es auch Konsens in der poli­ti­schen Diskussion zu sein scheint, die Erinnerung an die Herkunft des Nationalsozialismus, des­sen Herrschaft, und des­sen – zunächst häu­fig genug erschre­ckend man­gel­haf­te – Aufarbeitung zu bewah­ren: Die Pflanze pfle­gen wir nicht wirk­lich mit vol­ler Hingabe.

Auf den ers­ten Blick scheint in Schleswig-Holstein noch alles in Ordnung. Suchen wir nach einer Liste der Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus, dann fin­den wir Orte in Schleswig-Holstein: das Mahnmal Synagoge Goethestraße, die KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund, das KZ Husum-Schwesing, die KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen etwa. Und die frisch eröff­ne­te Webseite der Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten infor­miert uns über wei­te­re, ins­ge­samt 10 Orte.

Wenn wir aber ein wenig die Rolle Schleswig-Holstein im Nationalsozialismus nach­den­ken, dann bemer­ken wir Lücken. Unser Land war früh eine Hochburg der NSDAP. Im Sonderbereich Mürwik resi­dier­te noch bis zum 23. Mai 1945 die „Geschäftsführende Reichsregierung“. Und nach 1950 mach­te Schleswig-Holstein mit pein­li­chen Skandale (der dama­li­ge CDU-Innenminister Pagel sprach in sei­nem Tagebuch gar von einer „Renazifizierung“) sei­nen eh schon ram­po­nier­ten Ruf kaputt. Beispielhaft: Heyde/​Sawade, Hinrich Lohse, Hans-Adolf Asbach, Hans-Werner Otto, Ernst Ehlers, Carl Clauberg.

Und wenn wir die vor­han­de­nen Gedenkstätten näher betrach­ten, dann sehen wir, dass nur Ladelund (seit 1995) haupt­amt­lich (über­wie­gend finan­ziert durch die evan­ge­li­sche Kirche) betreut wird – und selbst dort sind die Schautafeln der Dauerausstellung mitt­ler­wei­le 20 Jahre alt und muse­ums­päd­ago­gisch damit von der „Unter-Denkmalschutzstellung“ bedroht. Das ehren­amt­li­che Engagement stößt ange­sichts der stei­gen­den Anforderungen an Gedenkstätten an nicht mehr dehn­ba­re Grenzen: „Wer hilft uns dabei?“ frag­te eine ehren­amt­lich täti­ge Frau im Laufe der Tagung. Sie hör­te sich nicht ver­zwei­felt oder hän­de­rin­gend an. Sie stell­te fest.
Die Gedenkstätten sind chro­nisch und zuneh­mend unter­fi­nan­ziert.
Seit 1999 för­dert der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Projekte in meh­re­ren Dutzend Gedenkstätten in allen Bundesländern – nur Schleswig-Holstein hat noch kei­nen ein­zi­gen erfolg­rei­chen Antrag gestellt.

Für die Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten hat der Historiker Dr. Harald Schmid nun eine Entwicklungskonzeption „Gedenkstätten zur Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein“ ent­wi­ckelt. Seitdem hat Schleswig-Holstein ein Plan. In dem heißt es:

Um den spe­zi­fi­schen Landesbedingungen und den all­ge­mei­nen Entwicklungen zu genü­gen, muss (…) die schles­wig-hol­stei­ni­sche Gedenkstättenlandschaft und -poli­tik neu struk­tu­riert wer­den. Zur mit­tel­fris­ti­gen Sicherung der Grundlagen und zur bal­di­gen Modernisierung der Gedenkstättenarbeit wird emp­foh­len, mit­tels einer beson­ders auf Landes- und Bundesmitteln basie­ren­den Mischfinanzierung einen ziel­ge­rich­te­ten Entwicklungsprozess ein­zu­lei­ten. Hierzu steht ein­zig der Weg einer antei­li­gen Projektförderung durch den Bund und die EU offen. In einem ers­ten Schritt soll der gemein­sa­me Erinnerungsraum der frü­he­ren Westküstenlager, die KZ-Gedenkstätten Ladelund und Husum-Schwesing, geför­dert wer­den.

Als die Stiftung am 19. Januar das Entwicklungskonzept Bildungs- und Kulturminister Ekkehard Klug (FDP) öffent­lich über­reich­te, fand die­ser, dass jede Schülerin und jeder Schüler in Schleswig-Holstein eine NS-Gedenkstätte besu­chen kön­nen soll­te. Dieses Ziel soll­ten die Schulen in ihre Unterrichtsprojekte auf­neh­men. Nun erhofft man sich in der Stiftung hand­fes­te und nach­hal­ti­ge Unterstützung durch das Land.

Am ver­gan­ge­nen Wochenende tra­fen sich Vertreter der Gedenkstätten in Schleswig-Holstein auf der 7. Landesgedenkstättentagung in Bad Malente, einer Veranstaltung des Gedenkstättenbeauftragten der Nordelbischen Kirche, der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein und der gast­ge­ben­den Gustav-Heinemann-Bildungsstätte. Eine Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkstätten, so etwas hät­te ich erwar­tet, gibt es nicht.

Eigentlich soll­te es, vor dem oben beschrie­be­nen Hintergrund des Wandels, um „Täterorte“ und den Wandel der Zielgruppen gehen.

Am Freitag war Frank Trende ein­ge­la­den, sein neu­es Buch über die Neulandhalle „Neuland war das Zauberwort“ vor­zu­stel­len. Das Buch hat Robert Habeck hier bespro­chen. Ob die Neulandhalle wirk­lich ein Täterort ist, dar­über kann man sicher strei­ten. Eher habe ich den Eindruck, dass die Halle, mehr noch der gesam­te Koog, ein Ort ist, der die Gesinnung der Täter, Blut und beson­ders „Boden“ visua­li­siert. Nicht strei­ten kann man dar­über, dass es Frank Trende, trotz­dem er im Schatten der Neulandhalle auf­wuchs, gelun­gen ist, die Geschichte der Halle aus nöti­ger Distanz zu beschrei­ben.

Die Zukunft Neulandhalle ist augen­blick­lich noch nicht kon­zep­tio­nell über­dacht. Die Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse e.V. ist einen Schritt wei­ter. In Alt-Rehse lag die Führerschule der Deutschen Ärzteschaft, in der sich die Ärzte im Dritten Reich die rech­te natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Gesinnung dan­kend ver­pas­sen lie­ßen. Dr. Rainer Stommer berich­te­te auf der Tagung über die Gedenkstätte, das Dorf Alt Rhese – ein „sel­te­nes Beispiel dörf­li­cher Architektur im Nationalsozialismus“ (die­se Ausstrahlung ist wohl unge­bro­chen(!): 1995 errang es im Wettbewerb Unser Dorf soll schö­ner wer­den“ eine Bronzemedaille), die belas­te­te Nachkriegsgeschichte des Gutes, die Akzeptanz der Gedenkstätten in der Wohnbevölkerung und die Anforderungen, die erfüllt sein müs­sen, um die Bundesförderung zu erhal­ten.

Die nie­der­säch­si­sche Gedenkstätte Sandbostel, das ehe­ma­li­ge Stammlager X B, ist noch einen Schritt wei­ter. Hier läuft die Bundesförderung. Inhaltlich will das aus einem Lager des Freiwilliger Arbeitsdienst Deutschland her­vor­ge­gan­ge­ne Arbeits- und Kriegsgefangenenlager, das 1945 zum Durchgangslager des KZ Neuengamme wur­de und nach dem Krieg zunächst abwechs­lungs­reich genutzt und dann dem Verfall über­las­sen wur­de, sowohl die Kriegszeit als auch sei­ne Nachkriegszeit dar­stel­len.

Der eigent­li­che Fokus der Tagung, der auf die jun­gen Menschen als Besucher und Mitgestalterinnen von Gedenken gerich­tet sein soll­te, ging ein wenig ver­lo­ren. Umso mehr war die Tagung dafür Orte der Debatte und des Erfahrungsaustausches. Das zeig­te sich beson­ders, als Dr. Stefan Link, Gedenkstättenbeauftragter der Nordelbischen Kirche, am Abend des Samstags Unschönes aus Nordfriesland berich­ten muss­te. Der Kreis Nordfriesland habe sich näm­lich in der letz­ten Woche im Kulturausschuss über­ra­schend nicht dazu durch­rin­gen kön­nen, der ange­dach­ten Konzeption, die eine Zusammenarbeit der KZ-Gedenkstätten Ladelund und Husum-Schwesing vor­sah, zu fol­gen. Man wol­le sich noch die Zeit neh­men und auch ande­re Optionen, etwa eine grenz­über­schrei­ten­de Zusammenarbeit mit Dänemark, prü­fen. Da der fer­ti­ge Antrag beim Bundesbeauftragten nun aber im Herbst vor­lie­gen müs­se, wenn man 2013 in die Förderung kom­men wol­le, sah sich die Stiftung nicht in der Lage, zu war­ten und dis­po­nier­te um: Nun soll ein Dreigestirn, bestehend aus Ladelund, Ahrensbök und Kaltenkirchen den Sprung in die Bundesförderung wagen.

Die Veranstaltung beschloss eine Podiumsdiskussion am Sonntag, zu der die Abgeordneten Wilfried Wengler (CDU), Jürgen Weber (SPD), Kirstin Funke (FDP), Dr. Robert Habeck (Grüne), Heinz-Werner Jezewski (Linke) und Anke Spoorendonk (SSW) erwar­tet wur­den und zu der sich noch kurz­fris­tig der Vorsitzende der Bürgerstiftung, der Präsident der CAU, Prof. Dr. Gerhard Fouquet ange­mel­det hat­te. Ob die Runde – mit oder trotz des Blicks auf die Landtagswahl – die erhoff­te Verbindlichkeit ver­spre­chen woll­te, kommt hof­fent­lich in einem wei­te­ren Artikel, da ich am Sonntag nicht mehr anwe­send sein konn­te.

Von:

Swen Wacker, 49, im Herzen Kieler, wohnt in Lüneburg, arbeitet in Hamburg.

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