Landtagswahl 2012: Die Parteien im Verständlichkeitstest - Update

Von | 18. April 2012

Wer Politiker wirk­lich ver­ste­hen will, braucht einen Universitätsabschluss“. Zu die­sem Schluss kommt eine Kieler Werbe- und Marketingagentur, die mit einer spe­zi­ell ent­wi­ckel­ten Software die Kommunikation der Parteien in Schleswig-Holstein unter die Lupe nahm.

Die Hauptprobleme sind zu lan­ge und ver­schach­tel­te Sätze, abs­trak­te Wörter, Fachbegriffe und Fremdwörter“. Die Verständlichkeit von Texten wird mit dem Hohenheimer Index in Zahlen aus­ge­drückt: 0 steht für „über­haupt nicht ver­ständ­lich“, 20 heißt „sehr ver­ständ­lich“. Eine wis­sen­schaft­li­che Dissertation liegt durch­schnitt­lich bei 4,3. Eine weit­hin ver­pön­te Boulevard-Zeitung erreicht in ihren Politik-Beiträgen einen Verständlichkeits-Wert von 16,8. Auf der Webseite textmonitor.de kann man die Methode in Aktion sehen.

Komplizierte Wahlprogramme

Vera Baastrup, Mitarbeiterin der Kieler Werbe- und Marketingagentur New Communication fin­det: „Die Wahlprogramme sind viel zu kom­pli­ziert. Sie haben teil­wei­se das Schwierigkeitsniveau einer Doktorarbeit.“ Das Ergebnis der Analyse:

FDP:      3,09 Punkte

CDU:      4,29 Punkte

SSW:      5,11 Punkte

Piraten   5,16 Punkte

SPD       5,57 Punkte

Grüne     6,11 Punkte

Linke     6,34 Punkte

Die „ver­ständ­lichs­te“ Partei, die Linke, spricht mit ihrem Wert immer noch ein Akademiker-Publikum an.

Bandwurmsätze und Fach-Chinesisch

Baastrup zählt Stolperfallen auf:

Lange Sätze. Sie behin­dern die Verständlichkeit. „Die abso­lu­te Obergrenze soll­te bei 20 Wörtern pro Satz lie­gen.“ Die FDP türmt in ihrem Wahlprogramm ein Satzungetüm von 64 Wörtern auf: „Spätestens nach dem drit­ten Komma hat der Leser die Informationen vom Satzanfang ver­ges­sen“.

Lange und schwie­ri­ge Wörter, Anglizismen und Fachausdrücke. „Landesinformationsfreiheitsgesetz“ (CDU), „Haushaltsbegleitgesetzgebung“ (Linke), „Oberflächenwasserentnahmegesetz“, „Basel III“ (FDP), „Repowering“ und „Gender Mainstreaming“ (SSW): „Den unbe­darf­ten Bürger trei­ben der­art kom­pli­zier­te Vokabeln schnell zur Kapitulation“, so Baastrup.

Kurzprogramme und aktuelle Meldungen verständlicher

Einen Lichtblick sind die Kurzprogramme, die von CDU, FDP, Grünen, Piraten und Linken ange­bo­ten wer­den: „über­sicht­li­cher“ und „ver­ständ­li­cher“ lau­tet das Urteil. Ganz vorn ist die Linke. Die Kurzfassung ihres Wahlprogramms ist mit 17,24 Punkten gera­de­zu vor­bild­lich in Sachen Verständlichkeit. Das Schlusslicht ist die FDP. Mit 7,43 Punkten macht sie mit ihrem Kurzprogramm aber immer­hin noch einen deut­li­chen Sprung nach oben auf der Verständlichkeits-Skala.

Auch bei den auf den Webseiten der Parteien ver­öf­fent­li­chen Meldungen sind die Ergebnisse nach dem Urteil der Forscher erfreu­li­cher. Wieder vorn dabei: Grüne und Linke. Bis auf klei­ne Ausreißer bei der Linken liegt kein Ergebnis unter 9 Punkten. „Leider sind die übli­chen Verständlichkeits-Hürden jedoch auch bei kur­zen Meldungen kei­ne Seltenheit“, urteilt Baastrup. „In der hei­ßen Wahlkampf-Phase ver­schen­ken vie­le Parteien die Chance, auf Augenhöhe zu kom­mu­ni­zie­ren. Wer nicht ver­stan­den wird, kann nicht über­zeu­gen.

Innovativ: die Grünen

Ein Lob der Werber geht an die Grünen: In Sachen Kommunikation auf Augenhöhe fal­len sie ihrer Meinung nach in ihren aktu­el­len Meldungen posi­tiv auf. „Wie kei­ne ande­re Partei bemü­hen sie sich, ihren Lesern die Inhalte ihres Programms ver­ständ­lich näher­zu­brin­gen“. „Am bemer­kens­wer­tes­ten“ sei­en sechs klei­ne Filme, in denen Spitzenkandidat Robert Habeck aus­ge­wähl­te Punkte des Programms erklä­re. „Auch wenn in der schrift­li­chen Fassung der Wahlprogramme noch deut­lich Luft nach oben ist, merkt man, dass sich hier jemand ernst­haft mit dem Thema Verständlichkeit aus­ein­an­der­ge­setzt hat“, lobt Baastrup.

Verständlichkeit in Echtzeit verfolgen

Wer mag, kann die sehr detail­lier­ten Ergebnisse der Verständlichkeits-Analyse auf www.textmonitor.de in Echtzeit ver­fol­gen. Dort lesen die Verständlichkeits-Forscher bis zur Wahl am 6. Mai regel­mä­ßig wei­te­re Meldungen der Parteien ein.

 

Dieser Text basiert wesent­lich auf einer ges­tern (17. April 2012) ver­öf­fent­lich­ten Pressemeldung der Kieler Werbe- und Marketingagentur New Communication. Die ein­ge­setz­te Textverständlichkeits-Software ist TextLab. New Communication hat mir auf Nachfrage ver­si­chert, dass sie – mit Blick auf den Wahlkampf – mit den oben erwähn­ten Landesverbänden der Parteien nicht in geschäft­li­chen Beziehungen steht.

Update: 19.04.12, 00:07 Uhr Ich habe die ursprüng­lich im Text erwähn­ten Bezüge zur Universität Hohenheim auf­grund des Kommentars eines Mitarbeiters der Universität ent­fernt.

Von:

Swen Wacker, 49, im Herzen Kieler, wohnt in Lüneburg, arbeitet in Hamburg.

12 Gedanken zu “Landtagswahl 2012: Die Parteien im Verständlichkeitstest - Update”:

  1. Kai Dolgner

    Das Ergebnis bei den Piraten hat mich schon ein bissl über­rascht. Was ler­nen wir dar­aus: Schwarmintelligenz macht Wahlprogramme wohl auch nicht ver­ständ­li­cher ;-).

    Kai

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  2. Marc Haunschild

    Erstaunlich wie ver­küm­mert Sprachkompetenz in Deutschland ist — ich hät­te gedacht, das ist ein Randgruppenproblem; obwohl es durch­aus allein wegen Menschen mit Migrationshintergrund, Legasthenie oder ande­ren Benachteiligten loh­nens­wert und ehren­voll ist, sich ver­ständ­lich aus­zu­drü­cken (vor allem wenn man ein Land füh­ren will), bin ich davon über­rascht, wie wenig fähig offen­bar der deut­sche Durchschnittsbürger ist, Kommentarbeiträgen wie die­sem von mir hier ver­fass­ten zu fol­gen und die­sen nicht nur in sei­ner Gänze zu ver­ste­hen, son­dern ihn auch noch zu behal­ten und im bes­ten Falle zu einem spä­te­ren Zeitpunkt — wenigs­tens sei­nem Sinn nach — wie­der­zu­ge­ben, ohne mei­ne Aussagen zu ent­stel­len, zu ver­dre­hen oder gar in ihr Gegenteil umzu­keh­ren (ins­be­son­de­re wenn man bedenkt, dass ich nicht ein ein­zi­ges Mal auf die neue bar­rie­re­freie Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) ver­wie­sen habe, die sich unter ande­rem auch mit dem Aspekt der ange­mes­se­nen Ausdrucksweise beschäf­tigt) . ;-)
    Wenn unse­re Schulen nicht — wie­der — bes­ser wer­den, kann man Kafkas Gesamtwerk auch ver­bren­nen — und über­haupt die Hälfte der Autoren, um derent­wil­len man uns mal das Land der Dichter und Denker nann­te. Einschließlich Kant, Hegel und Marx…

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    1. H-H. Paustian

      Sehr geehr­ter Herr Haunschild,
      wer glaubt, ver­küm­mer­te Sprachkompetenz sei ein Randgruppenproblem,
      dem könn­te man Realitätsferne nach­sa­gen oder schlim­mer noch,
      Borniertheit. Zweiteres möch­te ich Ihnen kei­nes­falls unter­stel­len.
      Wer jedoch von der sprach­li­chen Unfähigkeit des Deutschen Durchschnittsbürgers schreibt, der legt nahe, er selbst sei über­durch­schnitt­lich mit sprach­li­cher Kompetenz aus­ge­stat­tet. Ich bit­te Sie daher zu beden­ken, dass die soge­nann­te Sprachkompetenz auch kom­mu­ni­ka­ti­ve Kompetenz beinhal­tet. Und dies bedeu­tet nichts ande­res, als sich im sozia­len Kontext adäquat aus­zu­drü­cken. Kommunikative Kompetenz ist gege­ben, wenn man sich auf die sprach­li­chen Fähigkeiten sei­nes Gespächspartners ein­stellt und sich ent­spre­chend ver­ständ­lich aus­drückt. Dichten und Denken allein macht weder satt noch ist per se dumm, wer Kafka nicht gele­sen hat. Ein Narr allein ist viel­leicht, wer Kafkas Werk ver­bren­nen will.

      Herzlichst
      H.H. Paustian

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      1. Marc Haunschild

        Hallo haha

        Leg ich mich aus,
        so leg ich mich her­ein.
        ich kann nciht selbst
        mein Interprete sein.

        Nur so viel als klei­ner Tipp: der Smiley ist nicht zufäl­lig in mei­nem Posting und ande­re Diskussionsteilnehmer haben auch durch­aus plau­si­ble Deutungsmöglichkeiten benannt.

        Noch ein Tipp: Da die­ser Text von mir „nur” ein Kommentar auf einen Blogeintrag ist, soll­test Du viel­leicht kei­ne all­zu hohen Erwartungen an Komposition und Ausformulierung stel­len.

        Marc

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  3. Ulf Evers

    Arno Schmidt ging davon aus, dass der Anteil der­je­ni­gen, die den Bestand der Kunstwerke der Menschheit berei­chern, der drit­ten Wurzel der Bevölkerung ent­spricht. Auf die Bundesrepublik bezo­gen kämen jetzt also unge­fähr 430 Dichter und Denker her­aus, um von denen wie­der­um die „Wahrhaften” zu ermit­teln, emp­fahl er noch­mals die drit­te Wurzel zu zie­hen… Auch wenn man die­se Sicht viel­leicht als zu pes­si­mis­tisch emp­fin­det, bleibt der Anteil der­je­ni­gen, die wir heu­te als Dichter und Denker emp­fin­den, an der zu ihrer Zeit leben­den Bevölkerung ver­schwin­dend gering.
    Der Anteil der Soldaten und Mörder an der Gesamtbevölkerung ist zu jeder Zeit grö­ßer gewe­sen.
    Auch aus die­sem Grunde hal­te ich es für ver­we­gen, Kafkas Gesamtwerk zu ver­bren­nen, weil es nur noch weni­ge ver­ste­hen.

    Aber abge­se­hen davon unter­schei­den sich Wahlprogramme und die Werke der soge­nann­ten Dichter und Denker in einem ganz wesent­li­chen Punkt & sind daher nicht zu ver­glei­chen: ein D&D möch­te ver­stan­den wer­den, ein Wahlprogramm soll i.d.R. auch nach der Wahl nicht die Möglichkeit ver­bau­en, sich eine ange­mes­se­ne Beteiligung an der Macht zu sichern. Vielleicht erreicht aus die­sem Grunde das Programm der F.D.P. die nied­rigs­ten Werte, weil auch hin­ter­her alles mög­lich sein soll, und das Programm der Linken die höchs­ten Werte, weil sie schrei­ben kön­nen was sie wol­len, es ist bereits jetzt klar, dass kei­ner mit ihnen „spie­len” möch­te.

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  4. Roland Stumpp

    Es ist alle­mal belus­ti­gend, wenn ich lese, wie die bei­den Vorkommentatoren das Thema auf die Schippe neh­men. Für mich stellt sich trotz der nicht neu­en Erkenntnis immer wie­der die glei­che Frage:
    Welchen Eindruck will die Politik erzeu­gen mit ihrer unver­ständ­li­chen Ausdrucksweise? Ist es die geschick­te Verschleierung des eige­nen Unvermögens, um wei­ter­hin von Steuergeldern zu pro­fi­tie­ren, oder eher die Angst, dass Bürger, die ver­ste­hen, sich even­tu­ell weh­ren?
    Zu Zeiten als Politik noch ver­steh­bar war (die Zeiten hat es tat­säch­lich gege­ben), gab es aber auch noch eine sozia­le Marktwirtschaft. In der sozia­len Markwirtschaft war die Verteilung des Kapitals zur Leistung des Einzelnen aber noch so, dass man in der Lage war, pro­blem­los in der Gesellschaft zu ste­hen.
    Dass man heu­te in der Politik sol­che und noch vie­le ande­re Misstände ver­schlei­ert, kann ich durch­aus nach­voll­zie­hen. So lan­ge die Politiker nur noch das Ziel der Macht im Auge haben, um das Staaatsvermögen zu beherr­schen, aber in keins­ter Weise den Bürger ver­tre­ten (höchs­tens mal mit aus­tausch­ba­ren Lügen im Wahlkampf) haben sie gar kein Interesse, dass eine Mehrheit sie ver­steht.
    Ich fin­de die Erhebung infor­ma­tiv und sie stützt eine seit­her gefühl­te und eher emo­tio­na­le Meinung mit Sachfakten. Dass in den Rand- und Schlussbemerkungen des Autors jede Partei ihr Fett weg­be­kommt, außer der SPD, ist sicher Zufall!

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    1. Swen Wacker

      > Dass in den Rand- und Schlussbemerkungen des Autors jede Partei ihr Fett weg­be­kommt, außer der SPD, ist sicher Zufall!

      Ja. Das sehe ich auch so. Denn lobend erwähnt wird sie (im Gegensatz zu ande­ren) auch nicht. Es liegt in der unver­meid­li­chen Natur der Sache, dass Bewertungen dazu füh­ren, dass man­che gelobt, mache kri­ti­siert und man­che beschwie­gen wer­den. Daraus einen Strick zu dre­hen klappt nur dann, wenn ich bele­gen könn­te, dass die Auswahl) in wel­che Richtung auch immer) mani­pu­la­tiv erfolg­te. Das habe ich nicht fest­ge­stellt.

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  5. Tirofe

    Interessant ist ja, mit wel­chen Quellen bei den Piraten gear­bei­tet wur­de: Nämlich mit Quellen aus ande­ren Landesverbänden der Piratenpartei und deren Wiki.

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  6. Vera Baastrup

    Hallo zusam­men!
    Toll, dass hier so eine leb­haf­te Diskussion über unser Projekt ent­steht.
    Selbstverständlich wur­de die SPD nicht bevor­zugt. Genau wie die ande­ren Parteien haben wir auch hier jede Menge Verständlichkeits-Verstöße gefun­den, wie man auf http://www.textmonitor.de ja auch sieht. Leider gibt es bis jetzt kein Kurzprogramm der SPD. Daher sind sie in die­sem Bereich nicht ver­gleich­bar. Aber viel­leicht kommt ja noch was =).
    Und geht’s aller­dings auch weni­ger dar­um, ein­zel­ne Parteien an den Pranger zu stel­len. Vielmehr möch­ten wir auf das Thema Textverständlichkeit auf­merk­sam machen. Das ist nicht nur ein Politiker-Problem, son­dern zieht sich durch vie­le „Branchen”. Man den­ke nur mal an Vertragsbedingungen, Beipackzettel, Bedienungsanleitungen usw. Die Landtagswahl ist natür­lich ein extrem dank­ba­res Thema. Mit schlech­ten Ergebnissen war zu rech­nen. Aber viel­leicht nimmt’s sich der eine oder ande­re Politiker ja zu Herzen …

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    1. Roland Stumpp

      Ihr Hinweis auf die Landtagswahl SH ist eigent­lich das, was mich am meis­ten beein­druckt. Wenn ich ein­mal sehe wel­che Inhalte die SPD und vor allem in wel­chem Imfang und mit wel­cher Bürgerbeteiligung, bis jetzt vor­an­treibt, stel­le ich mir ein­fach die Frage wie das zu den dar­ge­stell­ten Ergebnissen führt. Die Themenvielfalt die die SPD täg­lich ins Land getra­gen hat, spie­gelt sich dar­in nicht wider.

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