Schlusslicht beim Bildungsmonitor? Eine Mutter rechnet nach

Von | 18. August 2012
Fertig gestrichen! Wir renovierten unseren Klassenraum

© Daniela Mett / 2009

Wieso eigent­lich der letz­te Platz im Ranking? Ich gehe seit zehn Jahren wie­der zur Schule. Und mit mir ganz vie­le Eltern, die alles dafür tun wür­den, damit ihr Kind hoch­schul­reif in der Erwachsenenwelt ankommt.

Anfangs soll­te ich täg­lich min­des­tens zehn Minuten das Lesen und Schreiben üben, spä­ter Deutsch dik­tie­ren und Rechtschreibung prü­fen. Das wur­de mir beim ers­ten Elterngespräch nahe­ge­legt. Denn das kön­ne sie nicht bei allen Kindern unse­rer Integrationsklasse leis­ten, erklär­te mir die Klassenlehrerin. Ab Klasse 2 parier­te ich auf eng­li­sche Wortfetzen. Wir waren die ers­te Kieler Grundschulklasse mit bilin­gua­lem Unterricht: “Guck mal Mama, da liegt ein Blatt oak”. Dazu kam das Kopfrechnen und pro Woche eine Kolonne Zahlen vom klei­nen Einmaleins. Ich lern­te mit jedem Kind das Gedicht vom Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland aus­wen­dig und ersann beim zwei­ten eine kind­ge­rech­te Methode, sich sei­ne fünf Strophen effek­tiv anzu­eig­nen sowie der Versagensangst vor deren öffent­li­cher Darbietung zu begeg­nen.

Die Aufforderung der Schulleitung, das Nachmittagsprogramm unse­rer Ganztagsschule durch mei­ne ehren­amt­li­che Mitarbeit zu berei­chern, über­sah ich gewis­sen­haft von Schuljahr zu Schuljahr. Denn dafür gibt es Profis, denen ich mit mei­nem Angebot die Lebensgrundlage ent­zie­hen wür­de. (Es reicht, dass wir beim Abholen der Kinder von ihrer Hausaufgabenbetreuung gele­gent­lich den 1-Euro-Jobbern die Aufgabenstellung der Lehrkräfte erklä­ren muss­ten). Dafür habe ich mitt­ler­wei­le zwei Klassenräume gestri­chen, einen Sack Schulgardinen dank Elternspenden zur Wäscherei brin­gen kön­nen, jedes Jahr mit Schülergruppen für deren Weihnachtsbasar gebas­telt und gefühl­te hun­dert Bleche Kuchen zu Schulfeiern gestellt.

In der Orientierungsstufe ange­kom­men, fin­gen sie an, sich mor­gens ein Kind zur öffent­li­chen Ranzeninspektion her­aus­zu­pi­cken. Wir mach­ten den Anfang. Dabei erfuhr ich, dass unse­re vom ABK allen Grundschülern zur Einschulung spen­dier­te Trinkflasche gegen ein Plastikmodell aus­zu­tau­schen sei und wir zwei Hefte zu viel und ein Buch zu wenig dabei hat­ten. Um die­sen mie­sen Ersteindruck nicht noch wei­ter zu ver­tie­fen, erfolg­te Monate lang daheim stets ein gemein­sa­mer Vorcheck am Abend. Per Unterschrift beleg­te ich zudem im Hausaufgabenheft mei­nes Kindes, dass es daheim selb­stän­dig alle Aufgaben wunsch­ge­mäß erle­digt habe. Die Schule mach­te Stichproben. Beim Elternabend klag­te der Englischlehrer, ihm wür­den zuneh­mend Aufsätze vor­ge­legt, die augen­schein­lich Erwachsene ver­fasst hät­ten. Um den Anschluss an die­ses ehr­gei­zi­ge Leistungsziel nicht völ­lig zu ver­lie­ren, führ­ten wir daheim die Kategorie “Entwurf” ein. Eine Reinschrift ins Heft erfolg­te erst nach dem Gegenlesen. So lern­ten wir nun­mehr auch Englisch gram­ma­ti­ka­lisch recht­schrei­ben. Das wur­de höchs­te Zeit. Alle ande­ren in der Klasse konn­ten das. Außerdem kann­ten sie Methoden, um für einen Test 80 Vokabeln en bloc aus dem Lehrbuch zu ler­nen. Zum Glück beka­men wir gleich zu Beginn par­al­lel noch Latein mit fünf Wochenstunden. Im Prinzip ist das da ja gleich.

Bei mei­nem Abi vor gut drei­ßig Jahren wur­de ich in Mathe geprüft. Das reicht, um dem aktu­el­len Schulstoff fol­gen zu kön­nen. Bei Bedarf erklä­re ich die Rechenregeln fürs Auflösen von Gleichungen mit ein oder zwei Unbekannten und das Kürzen von Brüchen. Wir erfin­den alter­na­ti­ve Rechenwege, wenn die Methode des Lehrers vor­mit­tags so wenig anschau­lich war und sei­ne Zeit für Erklärungen knapp. Er ist Referendar, stürz­te sich sofort nach Abgabe sei­ner letz­ten Examensklausur Vollzeit ins akti­ve Schulleben. Wir Eltern unter­stüt­zen ihn, wo wir kön­nen. Wäre er nicht, hät­ten wir kei­ne Lehrkraft – so wie in Deutsch: Die Stunden fal­len seit sechs Wochen aus oder wer­den durch eigen­ver­ant­wort­li­ches Arbeiten ersetzt, die EVA. Allmählich machen wir uns Sorgen um die Gesundheit unse­res Lehrkörpers. Einen Schnupfen hat ja jeder mal, aber es meh­ren sich Fälle tie­fer grei­fen­der Erkrankungen. Grundsätzlich dürf­ten sich die Schulleiter sofort Ersatz holen. Da gäbe es eine neue Regelung vom Ministerium. Doch es feh­le über­all an Pädagogen, die wil­lens und fähig sind, als Springer zu fun­gie­ren, erfah­ren wir auf Sitzungen des Schulelternbeirats. Der Ruf nach Hilfe ver­hal­le im Nichts. Im Notfall tei­len sich zwei Schulen eine Fachlehrkraft. Somit ver­teilt sich der Mangel zumin­dest gleich­mä­ßig übers Stadtgebiet.

Um das Interesse am Fach wäh­rend sol­cher Ausfallzeiten wach zu hal­ten, fül­len wir die Lücke pri­vat. Kunsthalle und Stadtgalerie bie­ten gegen Gebühr Malkurse, die Stadtbücherei sogar kos­ten­los einen FerienLeseClub. Auf dem frei­en Markt gibt es gefühlt mehr Angebote als Kinder. Weshalb jeder unse­rer Klassenkameraden was neben­her am Laufen hat, eini­ge schon seit der 5. Klasse; das Gängigste ist klas­si­sche Nachhilfe. Rund um unse­re Schule sie­del­ten sich Privatlehrer und Nachhilfeinstitute an. Das ist cle­ver. Denn wenn die Kinder nach acht Stunden Unterricht aus der Schule kom­men, wol­len sie nicht noch weit fah­ren müs­sen.

Letzten Winter beleg­te ich acht Doppelstunden “Griechisch für Eltern”, die mich in die Lage ver­setz­ten soll­ten, Vokabeln beim Erwerb der drit­ten Fremdsprache abfra­gen zu kön­nen. In drei Jahren machen wir Abitur. Für mich wird es das zwei­te Mal sein. Ich habe eine Berufsausbildung, danach stu­diert und im Ausland Grundlagen erforscht und gelehrt. Bekäme ich hier bezahl­te Arbeit, fän­de ich wohl kei­ne Zeit mehr fürs zwei­te Abi. Bis es soweit ist, arbei­te ich wei­ter dar­an, Schleswig-Holstein im Bildungs-Ranking nach vorn zu brin­gen. Den letz­ten Platz emp­fin­de ich per­sön­lich als Beleidigung.

panama
Von:

das; Abk. f. Panorama (griech.). Unter diesem Namen postet Daniela Mett vermischte Nachrichten aus der bewohnten Welt des Nordens. Die ausgebildete Magazinjournalistin berichtet frei und unabhängig. Sie hat sich in 30 Berufsjahren spezialisiert auf Reportagen und Interviews - www.panama-sh.com.

4 Gedanken zu “Schlusslicht beim Bildungsmonitor? Eine Mutter rechnet nach”:

  1. Melanie Richter

    Ich wünsch­te, es gäbe mehr von sol­chen enga­gier­ten Eltern! An mei­ner Schule ist es oft nicht so.

    Leider höre ich von enga­gier­ten Eltern oft, dass sie sich von der Schule zu wenig unter­stützt füh­len und von Lehrern, dass die Eltern zu wenig unter­stüt­zen. Vielleicht gäbe es da, ganz unab­hän­gig von der bil­dungs­po­li­ti­schen Situation, noch Verbesserungspotential. Mehr Miteinander zwi­schen Elternhaus und Schule und nicht ein, im bes­ten Falle, enga­gier­tes Nebeneinanderherarbeiten.

    Das vie­le Probleme auch aus den von ihnen benann­ten ungüns­ti­gen Rahmenbedingungen her­rüh­ren, soll­te mei­ner Meinig nach noch mehr und noch trans­pa­ren­ter kom­mu­ni­ziert wer­den. Die Tatsache, dass mitt­ler­wei­le nicht ein­mal mehr Vertretungslehrkräfte auf dem Markt sind, auf die man in Krankheitsfällen zurück­grei­fen kann, zeigt sehr deut­lich eine Schieflage des Bildungssystems. Wenn dann auf unfer­tig aus­ge­bil­de­te Studenten oder Wartelistenkandidaten fürs Referendariat zurück­ge­grif­fen wer­den muss, die im schlimms­ten Falle neben einer vol­len Stelle auch eine Klassenlehrervertretung über­neh­men sol­len, sind wei­te­re Probleme für SchülerInnen, Eltern und KollegInnen vor­pro­gram­miert.

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    1. Frank Radzio

      Das Vertretungslehrer feh­len ist aber nicht neu, das haben wir doch schon seit eini­gen Jahren hier in SH.
      Das es Schulen mit 25% lang­zeit kran­ken Lehrern gibt macht mir aber noch mehr sor­gen. Wir haben eine Schule gewech­selt weil unse­re Landesregierung das System kaputt spart und nur noch an Gymnasien aus­rei­chend Mittel bereit gestellt wer­den.

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  2. Cognac

    „Den letz­ten Platz emp­fin­de ich per­sön­lich als Beleidigung.”

    Ich fin­de die­sen Satz ziem­lich unpas­send! Es gibt äußerst wahr­schein­lich in jedem Bundesland Eltern wie Sie, solan­ge man Rankings auf­stellt, wird es letz­te Plätze geben, das ist nun ein­mal so und etwas schlech­tes muss es ja auch nicht bedeu­ten, wenn alle extrem gut sind, ist „sehr gut” eben auch der letz­te Platz.
    Wobei, letz­ter Platz? Steffen Voß hat dazu geb­loggt und bes­te Beispiele gebracht, da rela­ti­viert sich der letz­te Platz schnell wie­der:
    http://kaffeeringe.de/2279/traue-keiner-statistik/

    Ich bin zudem auch nicht sicher, wie gut es ist, wenn Eltern sich so sehr für ihre Kinder bzgl. Hausaufgaben/​Lernen ein­set­zen. Ich habe dies nie erlebt (na gut, 4. Klasse hat mei­ne Mutter ein­mal einen Aufsatz für mich geschrie­ben). Es war in der Schule teil­wei­se befremd­lich mit anzu­se­hen, wie Mitschüler im Unterricht Probleme hat­ten, aber immer bes­te Hausaufgaben. Und wie Lehrer dies lei­der oft nicht bemerk­ten und so eben die­se Schüler nicht för­der­ten, wie es viel­leicht nötig gewe­sen wäre. Umgekehrt wur­den Schüler wie ich mit mit­tel­mä­ßi­gen Noten „bestraft” ob unse­rer teil­wei­se mit­tel­mä­ßi­gen Aufsätze/​Rechtschreibung (und ande­re dann auch in Mathe). Ich fühl­te mich unfair behan­delt, was mei­nen Ehrgeiz dämpf­te, da ich nicht wil­lens war, gegen die Leistung von ande­rer Schüler Eltern anzu­kämp­fen. Die wur­den aber auch unfair behan­delt, da sie sel­ten rich­tig bewer­tet wur­den und sel­ten die nöti­ge Förderung und den nöti­gen Druck/​Ansporn/​Leistungsanreiz beka­men.

    Ich ste­he dem also sehr zwie­ge­spal­ten gegen­über. Klar, die eige­nen Kinder sol­len geför­dert wer­den. Aber so weit zu gehen, dass man qua­si einen 2. Abschluß macht? Vielmehr soll­ten Schüler ange­hal­ten wer­den, sich gegen­sei­tig zu hel­fen, statt eini­ge von ihren Eltern, ande­re von Nachhilfelehrern und wie­der ande­re gar nicht.

    Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, etwas mehr Zeit an der Schule zu ver­brin­gen und daheim gar nichts mehr für die Schule machen zu müs­sen oder gar dür­fen.

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  3. Sanníe

    Meine Eltern wären im Leben nicht dar­auf gekom­men, stän­dig mit mir Hausaufgaben zu machen. Ich habe zwar ein schlech­tes Abitur, aber das habe ich wenigs­tens selbst gemacht.

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