Vom Rand der Welt - Eine Polemik zur Sendung über Perspektiven für Schleswig-Holsteins Kultur

Von | 7. Oktober 2012

Anderthalb Stunden dau­er­te die Talkrunde über Kultur in Flensburg. Sie wur­de ver­an­stal­tet vom sh:z, der Phänomenta und dem Kulturbüro Flensburg sowie der Sparkassenstiftung und Sat.1 Regional. 
Eingeladen waren zwei Politiker: die Ministerin für Justiz, Kultur und Europa, Anke Spoorendonk, und der Oberbürgermeister der Stadt Flensburg, Simon Faber – bei­de gehö­ren dem SSW an. Die Interessen der Kulturschaffenden ver­tra­ten der Generalintendant des Landestheaters, Peter Grisebach, und die Theaterleiterin des Lübecker Combinale, Sigrid Dettlof. Für die Wirtschaft sprach der Hamburger Verleger und Vorsitzende des Stiftungsrates SHMF, Dr. Sven Murmann.

Diese ers­te Ausgabe der Gesprächsreihe „Talk am Tor“ wur­de per Livestream gesen­det und in vol­ler Länge archi­viert unter shz.tv.

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„Aufbruch oder Abbruch?“ lau­te­te die pro­vo­kan­te Frage, die mich zur Veranstaltung nach Flensburg in die Räume der Phänomenta lock­te. Sie erin­nert an das ent­wür­di­gen­de Gerangel um Kulturmittel der öffent­li­chen Hand. Zugleich weck­te die Formulierung in mir einen Funken Hoffnung. Sollte das Denken die Richtung gewech­selt haben?

Links saßen die Kulturschaffenden, rechts die Politiker, in der Mitte das Geld. Michael Grahl (Sat.1) und Dr. Helge Matthiesen (sh:z) säum­ten die Flanken. Von dort pass­ten bei­de Moderatoren im Wechsel ihre Fragen zu den Gästen, erst zur Ministerin, dann zu den Theaterleuten und dem Flensburger Oberbürgermeister. Gut eine hal­be Stunde der Sendezeit rede­ten die vier über Theaterspielstätten — aus aktu­el­lem Anlass spe­zi­ell über den maro­den Theaterbau in Schleswig. Deren Abbruch will kei­ner, weder in der Runde noch außer­halb. Doch Kommunalpolitiker for­dern mehr finan­zi­el­len Spielraum zur Förderung inno­va­ti­ver Projekte, den es bei stei­gen­den Fixkosten für staat­li­che Betriebe nicht geben kann. Anke Spoorendonk steht nun in der Pflicht, für die Landesregierung ein Theaterkonzept auf­zu­stel­len.

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Seit Jahren wird über die Theaterszene Schleswig-Holsteins gestrit­ten und debat­tiert, wie­der und wie­der zieht man dazu die Freien als Modell her­an. Auch das vor drei­ßig Jahren gegrün­de­te Lübecker Privattheater Combinale braucht Finanzmittel von Stadt und Land. Ein Drittel sei­nes Budgets machen die aus. Gespielt wird, was dem Publikum gefal­len könn­te, damit zum Ende der Spielzeit die Einnahmen stim­men. Mit Events wie der Theaternacht hof­fen alle, neue Zielgruppen zu gewin­nen. Doch kul­tu­rel­le Grundlagenbildung, von der Anke Spoorendonk an die­sem Abend mehr­fach spricht, ist eine Investition mit lang­fris­ti­ger Renditeerwartung. Dafür bräuch­ten die­se Häuser eine Bestandsgarantie. Tatsächlich ver­kür­zen sich deren Förderzyklen. Mehr und mehr bestimmt die Wirtschaft, wie und was gespielt wird. Da gel­ten ande­re Regeln als bei der öffent­li­chen Hand. Es wird sub­jek­tiv ent­schie­den. Kinder- und Jugendvorstellungen sind selbst für ein Theater wirt­schaft­lich unat­trak­tiv. Das sei­en die am höchs­ten sub­ven­tio­nier­ten Karten, mahnt Peter Grisebach. Bereits heu­te set­ze sich sein Publikum zu einem Drittel aus Kindern und Jugendlichen zusam­men. Um pro­fit­ori­en­tiert wirt­schaf­ten zu kön­nen, ist auch das Staatstheater auf den Vollzahler und einen hohen Anteil Abonnements ange­wie­sen. Seit der Auslagerung der ästhe­ti­schen Bildung auf außer­schu­li­sche Bereiche zah­len Eltern wie Kultureinrichtungen einen hohen Preis. 

Ihrem Ensemble kann Sigrid Dettlof bloß Stückverträge bie­ten. Werden Musiker gebraucht oder Tänzer bucht das Theater punk­tu­ell freie Kräfte hin­zu. Überhaupt wird vie­les fremd ver­ge­ben, weil die drei­köp­fi­ge Theaterleitung sich nur fünf fes­te Mitarbeiter leis­ten kann und heu­te noch nicht weiß, ob sie mor­gen noch spie­len wird. Deshalb setzt sie auf Leidenschaft und die Leidensfähigkeit der krea­ti­ven Szene. 360 Tausend Euro Jahresumsatz macht das Theater. Das sind im Schnitt monat­lich 30 Tausend Euro. Davon gehen acht Gehälter ab, even­tu­ell Miete und sicher Kosten für den Unterhalt des Theaterbaus. Der Rest fließt in die Produktion von Stücken, in Honorare für die Freien und Subunternehmer. Ins Träumen gerät davon kei­ner. Mit Arbeitsverhältnissen wie die­sen waren die Kulturakteure eine Zeit lang Vorreiter in der Gesellschaft. Mittlerweile illus­trie­ren Mini-Jobs, Haustarife und Jahresverträge sowie Lohnverzicht und tem­po­rä­re Arbeitslosigkeit den Horizont aller Arbeitnehmer in Deutschland. Jeder kennt jeman­den, der damit leben muss. Kultur und Wirtschaft nähern sich in die­sem Punkt immer wei­ter an. 

Nach 40 Minuten Sendezeit kam Dr. Sven Murmann zu Wort. Seine Hamburger Verlagsgruppe hat im Januar die­ses Jahres den Wachholtz Verlag aus Neumünster über­nom­men. „In unse­rem Bundesland funk­tio­niert das eigent­lich ganz gut, dass sich Wirtschaft und öffent­li­che Hand abstim­men“, lob­te der in Kiel gebo­re­ne und in Hamburg leben­de Verleger die Landespolitik und pos­tu­lier­te, der Staat müs­se sich aus vie­len Bereichen zurück­zie­hen. Er wol­le mit sei­nen Steuergeldern kei­ne Theater finan­zie­ren, die zur Vermehrung der Schuldenlast für nach­fol­gen­de Generationen bei­trü­gen. Womöglich könn­ten sich spä­ter sei­ne Enkel auf­grund der Abgaben nicht mal mehr den Eintritt dort leis­ten. Damit war die Diskussion erneut in der Sackgasse ange­langt, aus der sie seit meh­re­ren Legislaturperioden nicht her­aus­fin­det. 

Danach kam ein für mich sehr span­nen­des Thema auf. Es ging um die Frage nach dem Fremd- und Eigenbild Schleswig-Holsteins, auf­ge­zo­gen an dem Beispiel Musik. Jedes sechs­te Konzert des Musik-Festivals in Hamburg abzu­hal­ten, ent­spricht weder sei­nem Titel noch der Gründungsidee. Warum macht die Festivalleitung das? Eine unter ande­ren Begründungen sei die Flughafenverbindung, erklär­te der Vorsitzende des Stiftungsrates. Große Sponsoren wol­len zu den von ihnen finan­zier­ten Konzerten hun­dert Gäste ein­flie­gen. Fuhlsbüttel macht das mög­lich. Außerdem braucht es für sol­che Veranstaltungen gro­ße Hallen. Außer in Hamburg gäbe es nur die MUK in Lübeck. Auf die­se Weise lernt die Welt natür­lich nie die Schönheit unse­rer Kulturlandschaft schät­zen. Sie tritt nicht in Kontakt mit dem fein ver­äs­tel­ten Netzwerk ehren­amt­lich geführ­ter Musikverbände, mit Menschen, die einst die Basis schu­fen für ein Festival wie die­ses, das heu­te Weltruf besitzt, und die aktu­ell noch 80 Prozent sei­ner Besucher stel­len.

Schleswig-Holstein ist das Musikland im Norden. Es mag wohl zwan­zig Jahre her sein, da hör­te ich Jessye Norman im Deutschen Haus in Flensburg. Damals wohn­te ich noch in Hamburg. Das Konzert gab Anlass zu einem Tagesausflug, bei dem ich zum ers­ten Mal die Flensburger Förde sah und stau­nend fest­stell­te, dass in der Grenzstadt das größ­te Landestheater Deutschlands behei­ma­tet ist. So wie ich damals, ist ein Teil der Hamburger Mittelschicht in sei­ner Freizeit unter­wegs, hin­aus ins Umland. Als Hamburger bekommt man ein ande­res Gefühl für Distanzen, nimmt andert­halb Stunden Anfahrtswegs quer durch die Metropole in Kauf, um abends Freunde zu besu­chen und emp­fin­det Sylt als Naherholungsziel. Der Schleswig-Holsteiner lebt in ande­ren Verhältnissen. Die Mobilität sei­nes Theaterpublikums sei eine Wunschvorstellung von Politikern, weiß der Generalintendant aus Erfahrung. Er muss sein Programm breit auf­stel­len. Sein Publikum in Meldorf wün­sche sich ande­re Stücke als das im 13 km ent­fern­ten Heide. In Flensburg leben Menschen aus 130 Nationen — die­se erstaun­li­che Information warf Simon Faber in die Gesprächsrunde. Leider blieb sie unkom­men­tiert. Für wen macht das Landestheater in Flensburg Programm?

Freunde aus Hamburg, die mit John Neumeier groß gewor­den waren, konn­te ich für das Kieler Ballett von Mario Schröder begeis­tern. Selbst Dänen rei­sen für einen Opernabend bis Kiel und für die „Elektra“jetzt sogar wei­ter bis nach Lübeck. Das gelingt nur, wenn unse­re Kulturtempel etwas Besonderes bie­ten, etwas, was es in der Heimat unse­rer Gäste nicht zu erle­ben gibt. Wir Einwohner dage­gen wol­len den Anschluss an die glo­ba­li­sier­te Welt und for­dern bei uns das ein, was ande­re auch haben — zum Beispiel Puccinis „Tosca” als Open Air-Spektakel. Die gab es im August erst­mals auf dem Kieler Rathausmarkt, groß­zü­gig geför­dert von der regio­na­len Wirtschaft. Jede Vorstellung soll aus­ver­kauft gewe­sen sein — hun­dert Prozent Auslastung, eine Traumquote. Da saßen Menschen in wär­men­dem Wollzeug frei­wil­lig auf einem zugi­gen Gerüst, obwohl sie zwan­zig Meter wei­ter bequem auf Opernsesseln Platz gefun­den hät­ten, und lausch­ten Musik aus Verstärkern. Nicht nur die Sängerinnen und Sänger, auch die Bühnentechnik blieb weit hin­ter ihren Möglichkeiten zurück. Nur das Feuerwerk hät­ten sie drin­nen nicht bes­ser hin­krie­gen kön­nen. Ist das die Zukunft? Was spricht dage­gen, sich in den Flieger zu set­zen, um in einer der Opernarenen im son­ni­gen Süden das Original zu genie­ßen? Wer dafür nicht mobil genug ist und sich lie­ber daheim die Kopie rein­zieht, bestärkt die Programmmacher auf ihrem Weg zum publi­kums­wirk­sa­men Einheitsmix. Damit behiel­ten all jene Kritiker recht, die uns für pro­vin­zi­ell hal­ten. Ihren Arbeitsplatz haben sie hier, woh­nen aber in der Metropole. Ihre Ausbildung erhal­ten sie hier, zie­hen aber für die Karriere weg. Leider wer­den wir immer erle­ben, dass das, was anders­wo groß raus­kommt, bei uns stets eine Nummer beschei­de­ner aus­fal­len muss, weil den Bossen die Zielgruppe zu klein erscheint und unse­re Finanzkraft zu gering. Fette Trümpfe wie die Elbphilharmonie fal­len des­halb den Metropolen zu. Wenn er rich­tig Geld machen wol­le, so Grisebach, gäbe er ein Konzert in der Laeizhalle. Wirklich Neues, Innovatives gar, das keimt an den Rändern, abseits der gro­ßen Säle. Um das im Ansatz zu erken­nen, öffent­lich bekannt zu machen und im Land hal­ten zu kön­nen, braucht es Menschen mit ästhe­ti­scher Bildung. Die gibt es. Statt Erfolg an betriebs­wirt­schaft­li­chen Kennzahlen fest­zu­ma­chen, soll­ten wir uns deren krea­ti­ve Visionen anhö­ren. Damit unse­re Kultureinrichtungen nicht die sel­be öde Entwicklung neh­men wie unse­re Einkaufszentren und Fußgängerpassagen. 

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Nach Abschluss der Veranstaltung ging Anke Spoorendonk als ein­zi­ge Teilnehmerin aus der Runde der Talkgäste noch mit in die Caféteria der Phänomenta und signa­li­sier­te so wei­ter­hin Gesprächsbereitschaft. Das hat­ten wir lan­ge nicht. Wie ein aus­ge­trock­ne­ter Schwamm käme ihr die Kulturszene vor, hat­te sie vor­her noch ins ein­ge­schal­te­te Mikrophon gesagt. Das Bild stimmt. Etwas geht zu Ende, etwas beginnt. Bei der nächs­ten Talkrunde sit­zen die Gäste womög­lich in bunt gemisch­ter Reihe. Ob das reicht für einen Aufbruch, bleibt vor­erst offen.

panama
Von:

das; Abk. f. Panorama (griech.). Unter diesem Namen postet Daniela Mett vermischte Nachrichten aus der bewohnten Welt des Nordens. Die ausgebildete Magazinjournalistin berichtet frei und unabhängig. Sie hat sich in 30 Berufsjahren spezialisiert auf Reportagen und Interviews - www.panama-sh.com.

3 Gedanken zu “Vom Rand der Welt - Eine Polemik zur Sendung über Perspektiven für Schleswig-Holsteins Kultur”:

  1. Oliver Fink

    Mit Formulierungen wie ” das ent­wür­di­gen­de Gerangel um Kulturmittel der öffent­li­chen Hand” habe ich mei­ne Probleme. In Zeiten zuneh­men­der Staatsverschuldung müs­sen alle Ausgaben gut begrün­det und inner­halb eines Budgets abge­wo­gen wer­den – eben­so wie die Größenordnungen der Budgets unter­ein­an­der. Und dar­über wird dann poli­tisch debat­tiert – im Zweifel inten­siv gerun­gen.

    Daran kann ich nichts Entwürdigendes fin­den. Vielmehr gehört das zum demo­kra­ti­schen Prozess und zum ver­ant­wor­tungs­vol­len poli­ti­schen Handeln. Vielleicht kannst Du des­halb den doch sehr pau­scha­len Vorwurf inhalt­lich ein wenig kon­kre­ti­sie­ren, denn mög­li­cher­wei­se sind mir ja Aspekte ent­gan­gen, die Du womög­lich zurecht als ent­wür­di­gend bezeich­nest.

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    1. panama

      So weit dach­te ich gar nicht. Sondern schau­te zurück in die Vergangenheit auf die Reihe ähn­li­cher Veranstaltungen, an denen ich beob­ach­tend teil­ge­nom­men hat­te. Seit fünf, sechs Jahren wer­den in öffent­li­chen Diskussionsrunden Perspektiven für die hei­mi­sche Kultur gesucht. Die Angst vor dem Untergang hat mei­ner Ansicht nach, die Kulturschaffenden gegen­ein­an­der auf­ge­bracht statt sie im Kampf für eine bes­se­re Zukunft der Kultur zu einen. Ich erleb­te, wie Vertreter der Freien auf die Staatlichen, die Kleinen auf die soge­nann­ten Leuchttürme los­gin­gen, und emp­fand dies als ent­wür­di­gend für die gesam­te Szene. Mittlerweile üben sich eini­ge in ver­bind­li­che­ren Tönen, aber nicht alle tref­fen sie. Das zeig­te auch die­se Talkrunde. Mir fällt Schopenhauers Parabel von den Stachelschweinen ein. Es braucht Zeit und viel Toleranz, sich auf engs­tem Raum mit­ein­an­der zu arran­gie­ren.

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