Als der "Henker von Warschau" im Landtag saß

Von | 1. August 2014
Heinz Reinefarth

Heinz Reinefarth (Erster von Links) während des Aufstandes in Warschau | Foto: gemeinfrei

13 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wähl­ten die Schleswig-Holsteiner den Kriegsverbrecher Heinz Reinefahrt in den Landtag. Bei der Landtagswahl 1958 wur­de Reinefarth Landtagsabgeordneter für den Gesamtdeutschen Block/​Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (GB/​BHE). Schon damals für vie­le ein Skandal — aller­dings ohne gro­ße Folgen.

Am 1. August 1944 begann der Warschauer Aufstand. Die pol­ni­sche Heimatarmee setz­te sich gegen die deut­schen Besatzer zur Wehr. Die Reaktion war blu­tig: Innerhalb der 63 Tage des Aufstandes ermor­de­ten die Nazis 150.000 Menschen. Eine beson­de­re Rolle spiel­te dabei die „Kampfgruppe Reinefarth”. Unter dem Befehl von SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Heinz Reinefarth brach­te sie allein im Stadtteil Wola an einem Tag 10.000 Zivilisten um.

Nach dem Krieg wur­de Schleswig-Holstein zum „brau­nen Naturschutzgebiet” — über die „Rattenlinie Nord” setz­ten sich vie­le Nazis in die Provinz ab. Und lan­ge Zeit küm­mer­te sich auch nie­mand ernst­haft dar­um. Heinz Reinefarth wur­de 1951 Bürgermeister von Sylt und blieb das auch bis 1964. Erst 1962 wur­de sei­ne Immunität auf­ge­ho­ben und die Staatsanwaltschaft begann, sich mit sei­ner Vergangenheit zu beschäf­ti­gen. Die Staatsanwaltschaft hat­te das bereits vor sei­ner Wahl schon ein­mal ver­sucht, das Verfahren dann aber kurz nach Reinefarths Wechsel in den Landtags ein­ge­stellt. Aber auch die neu­en Ermittlungen wur­den ohne Ergebnis ein­ge­stellt. Reinefarth leb­te noch bis zu sei­nem Tod 1979 als ange­se­he­ner Rechtsanwalt auf Sylt.

Zum Anlass des 70. Jahrestages hat der Landtag am 10. Juli 2014 eine Resolution zum Gedenken an den Warschauer Aufstand ver­ab­schie­det. In ihr fin­det auch Reinefarth Erwähnung:

„Der Landtag bedau­ert zutiefst, dass es nach 1945 in Schleswig-Holstein mög­lich wer­den konn­te, dass ein Kriegsverbrecher Landtagsabgeordneter wird. Er ver­ur­teilt die Gräueltaten, die sein ehe­ma­li­ges Mitglied, Heinz Reinefarth, ins­be­son­de­re bei der bru­ta­len Niederschlagung des Warschauer Aufstandes began­gen hat sowie die sich hier­an anschlie­ßen­den men­schen­ver­ach­ten­den Racheaktionen der Nationalsozialisten aufs Schärfste. Der Schleswig-Holsteinische Landtag bit­tet die Opfer der Untaten um Verzeihung.”

Bereits 2013 hat­te der Landtag den Auftrag erteilt, ins­ge­samt die „per­so­nel­len und struk­tu­rel­len Kontinuität nach 1945 in der schles­wig-hol­stei­ni­schen Legislative und Exekutive” auf­ar­bei­ten zu las­sen.

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