Schlusslicht bei der Computernutzung in der Schule - Ein Erklärungsversuch

Von | 24. November 2014
Eine Fünftklässlerin in den USA schreibt am Computer

Eine Fünftklässlerin in den USA | Foto: woodleywonderworks - CC BY 2.0

Deutschlands Schüler bele­gen den letz­ten Platz bei der  ICILS 2013 Studie (International Computer and Information Literacy Study). Die Studie ver­gleicht  inter­na­tio­nal die Nutzung neu­er Technologien im Zusammenhang mit dem Erwerb von com­pu­ter- und infor­ma­ti­ons­be­zo­ge­nen Kompetenzen. Spitzenreiter beim digi­ta­len Lernen sind Kanada, Australien und Dänemark. Im Rahmen der Studie wur­den die Häufigkeit der Computernutzung in der Schule, die Nutzungsformen und Einsatzmöglichkeiten sowie die schu­li­sche Förderung com­pu­ter- und infor­ma­ti­ons­be­zo­ge­ner Kompetenzen unter­sucht. In Deutschland nah­men 150 Schulen aus allen Bundesländern teil. Im Folgenden sol­len Erklärungsansätze für das schlech­te Abschneiden gefun­den und Ansätze der schles­wig-hol­stei­ni­schen Bildungspolitik für die Behebung der Defizite dar­ge­stellt wer­den.

Ausstattung der Schulen

In Deutschland tei­len sich durch­schnitt­lich elf Schüler einen Computer, was auch schon im Jahr 2006 der Fall war, was zeigt, dass sich in die­sem Bereich kei­ne Verbesserungen erge­ben haben. In Schleswig-Holstein sind die IT-Ausstattungen der Schulen sehr unter­schied­lich, da die­se sol­che Anschaffungen aus ihrem Haushaltsbudget bestrei­ten müs­sen, aus dem eben­falls Schulbücher, Schulmöbel und ande­res bezahlt wird. Je nach­dem wel­che Priorität Schulen der Anschaffung von Computern, inter­ak­ti­ven Whiteboards, Tablets und ent­spre­chen­der Software bei­mes­sen, sind die Schulen aus­ge­stat­tet.

Die meis­ten Schulen ver­fü­gen seit dem Jahr 2000 über einen Internetanschluss im Rahmen der Angebote Telekom@School, die seit Kurzem auf 16 Mbit/​s Anbindung auf­ge­rüs­tet wur­den. Geht man ein­mal von einer Schule mit 500 Schülern aus, die über zwei PC-Räume ver­fügt, sind zeit­gleich etwa 50 Rechner mit dem Internet ver­bun­den. Dazu kom­men noch die Rechner, die in der Verwaltung und im Lehrerzimmer genutzt wer­den, sodass die Surfgeschwindigkeit eher gering ist.

Wartung der Geräte

Überlegungen in Bezug auf die Anschaffung von oben genann­ten Geräten, geht immer auch mit der Sorge um die Wartung ein­her. Die wenigs­ten Schulen ver­fü­gen über eine geplan­te Infrastruktur für ein inter­nes Netzwerk oder WLAN-Verfügbarkeit in allen Räumen. Abgesehen von der Infrastruktur sind die Computer in den PC-Räumen oft auch nicht mehr die neu­es­ten und wer­den von vie­len unter­schied­li­chen Schülern genutzt. Das zieht einen erheb­li­chen Wartungsaufwand nach sich, der jedoch nicht von einem IT-Administrator mit ent­spre­chen­den Fachkomptenzen erle­digt wird, son­dern von einer ambi­tio­nier­ten Lehrkraft, die sich pri­vat ent­spre­chen­de Fachkenntnisse ange­eig­net hat.

Eine klei­ne Anfrage der Piratenfraktion ergab, dass die zeit­li­che Vergütung der admi­nis­trie­ren­den Lehrkraft durch die Schulleitung gere­gelt wird, was zur Folge hat, dass sie im Durchschnitt eine Stunde pro Woche weni­ger unter­rich­tet und sich statt­des­sen um alle anfal­len­den IT-Probleme küm­mert. Bei stei­gen­der Ausstattung steigt logi­scher­wei­se auch der Administrationsaufwand, sodass eigent­lich für grö­ße­re Schulen eige­ne fach­lich aus­ge­bil­de­te Administratoren nötig wären, um die IT-Infrastruktur am Laufen zu hal­ten.

Einbindung in den Unterrichtsalltag

In Schleswig-Holstein regelt die Kontigentstundentafel für die ver­schie­de­nen Schularten, wie vie­le Stunden eines Faches in wel­chen Klassenstufen in wel­chem Umfang erteilt wer­den sol­len. Für Informatik oder infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Grundbildung sind kei­ne Stundensätze expli­zit vor­ge­se­hen. Stattdessen besagt der Erlass:

„Über die infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Grundbildung hin­aus kann die Schule Angewandte Informatik als Unterrichtsfach in einem Fachbereich ihrer Wahl anbie­ten, sofern qua­li­fi­zier­te Lehrkäfte zur Verfügung ste­hen. der Unterricht wird anwen­dungs­ori­en­tiert und unter Einbeziehung wei­te­rer Fächer (z.B. in Form Angewandter Naturwissenschaften und Technik, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) rea­li­siert.”

Es liegt also an der Entscheidung der Schule, ob es für die Schüler ent­spre­chen­de Angebote gibt oder nicht.

Aus- und Fortbildung für Lehrer

In Schleswig-Holstein unter­rich­ten knapp 25.000 Lehrer an Grund- und Gemeinschaftsschulen, Gymnasien und berufs­bil­den­den Schulen. Davon haben 307 eine Unterrichtsgenehmigung für das Fach Informatik, wobei nur 73 das Fach tat­säch­lich stu­diert und damit die ent­spre­chen­de Fakultas haben.

In einer klei­nen Anfrage des Abgeordneten Uli König (Piraten), aus der die­se Zahlen stam­men, wur­de eben­falls ange­fragt, wel­che Qualifizierungsangebote für Lehrkräfte vor­ge­se­hen sind, damit sie com­pu­ter- und infor­ma­ti­ons­be­zo­ge­ne Kompetenzen der Schüler erwei­tern kön­nen. Hier ver­weist die Landesregierung auf das IQSH (Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein), das für die Aus- und Fortbildung von Lehrern im Schuldienst ver­ant­wort­lich ist.

Schaut man sich die Fortbildungsangebote des IQSH in die­sem Bereich an, sind für den Rest die­ses Schuljahres ledig­lich neun Angebote zu fin­den, die teil­wei­se sehr spe­zi­fi­sche Nischenthemen bedie­nen, wie die Veranstaltung „Einführung und Vertiefung in IPv6”.

Kurz: Sowohl in der uni­ver­si­tä­ren als auch der Lehreraus- und Weiterbildung an den Schulen, spielt das Thema com­pu­ter- und infor­ma­ti­ons­be­zo­ge­ne Kompetenzen kei­ne gro­ße Rolle.

Unterrichtsinhalte

In Bezug auf die Themen, die bei der Vermittlung der com­pu­ter- und infor­ma­ti­ons­be­zo­ge­nen Kompetenzen eine Rolle spie­len, kann man zwei gro­ße Bereiche ein­tei­len:

  1. Kompetenzen, die sich auf den Umgang mit Programmen bezie­hen, die Schüler vor allem auch für spä­te­re Berufsausbildungen benö­ti­gen, dazu zäh­len bei­spiels­wei­se der Umgang mit Textverarbeitungs-, Tabellenkalkulations- und Präsentationsprogrammen sowie ein grund­le­gen­dens Verständnis von Dateistrukturen und die Benennung von Ordnern und Dateien, damit man sie auch wie­der­fin­det.
  2. Kompetenzen im Umgang mit dem Internet als Informationsquelle und Teil des täg­li­chen Lebens. Hier geht es um Recherche und Aufbereitung von Informationen, kor­rek­te Quellenangaben und Zitierweisen sowie die Nutzung von sozia­len Netzwerken mit allen Chancen und Herausforderungen, die die­se bie­ten.

Vor allem bei letz­te­rem sind die Entwicklungen sehr schnell­le­big, sodass Materialien von vor zwei oder drei Jahren eigent­lich schon wie­der obso­let sind, weil aktu­ell ganz ande­re Netzwerke und Kommunikationskanäle genutzt wer­den, als das bei der Erstellung der Materialien der Fall war.

Viele Lehrkräfte sind sozia­len Netzwerken gegen­über sehr skep­tisch und sehen die­se vor allem als Ablenkungsfaktor für die Schüler und erken­nen dar­in noch zu wenig die Chancen, die die­se für den Unterrichtsalltag bie­ten. Oft sind sie selbst nicht in die­sen Netzwerken unter­wegs und bezie­hen ihre Informationen vor allem aus den Mainstreammedien, die häu­fig ten­den­zi­ös über die Gefahren, die die­se mit sich brin­gen, berich­ten. Eine objek­ti­ve, schü­ler­ori­en­tier­te Annährerung an die­se Themen fällt ihnen des­halb oft eher schwer, wes­halb sie sol­che Themen im Unterricht lie­ber mei­den.

Fazit

Die auf­ge­lis­te­ten Erklärungsansätze für das schlech­te Abschneiden Deutschlands in Bezug auf die Vermittlung von com­pu­ter- und infor­ma­ti­ons­be­zo­ge­nen Kompetenzen bei Schülern sind sicher nur eini­ge und könn­ten noch erwei­tert wer­den. Deutlich wird aber in jedem Fall, dass es einen gro­ßen Verbesserungsbedarf gibt, der uns die nächs­ten Jahre beschäf­ti­gen wird und ent­spre­chen­de finan­zi­el­le und per­so­nel­le Ressourcen benö­tigt.

Neben ande­ren Großbaustellen an Schulen, wie die Entwicklung pas­sen­der Konzepte für die Schulen, Inklusion und die adäqua­te Abdeckung der Unterrichtsversorgung im Allgemeinen, kommt die­ses Großprojekt für Schulen und Lehrkräfte oben­drauf, was eine qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge und nach­hal­ti­ge Umsetzung eher erschwert.

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Melanie Richter lebt seit mehr als 20 Jahren in Kiel, ist parteilos, seit 2010 Mitglied im Verein für Neue Medien Kiel e.V. und arbeitet in einer Kieler Gemeinschaftsschule.

3 Gedanken zu “Schlusslicht bei der Computernutzung in der Schule - Ein Erklärungsversuch”:

  1. Ulf Evers

    Eine gute Zustandsbeschreibung, auf der auf­ge­baut wer­den könn­te. Allerdings habe ich den Eindruck, dass ange­sichts der im letz­ten Absatz ange­führ­ten wei­te­ren Großbaustellen (& die Liste lie­ße sich erwei­tern) eine Art Erledigungsblockade ein­ge­tre­ten ist. Immer mehr ist davon abhän­gig, dass Einzelne sich enga­gie­ren, die dann zu „Leuchttürmen” auf­ge­baut wer­den, um das herr­schen­de Elend zu über­strah­len. Es wird Zeit, dass etwas pas­siert!

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  2. Melanie Richter

    Tim Papenfuss, ich bezweif­le gar nicht, dass es groß­ar­ti­ge Ideen und Pilotprojekte als Ansätze für die Behebung des Problems gibt, aber wenn ich lese „… Den Auftakt der 2015 begin­nen­den vier­jäh­ri­gen „MediaMatters!“-Hauptstudie mit zunächst sie­ben Schulen des Landes…”, dann könn­te ich wie ein trot­zi­ges Kind auf der Stelle rum­stamp­fen. Echt blöd, dass die Schüler JETZT da sind, sie JETZT Medienkompetenz ver­mit­telt bekom­men müss­ten, um fit für die Arbeitswelt und das Leben zu wer­den und dass die Quote der kom­pe­ten­ten Multiplikatoren JETZT bei ca. 5% in einem durch­schnitt­li­chen Kollegium liegt.

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