Heut bin ich über Rungholt gefahren

Von | 15. Januar 2012

Heute vor 650 Jahren, am 15. Januar 1362, begann die Zweite Marcellusflut, hier im Norden bes­ser bekannt als Grote Mandrenke. Die Sturmflut fiel erst am 17. Januar wie­der ab. In ihrem Verlauf zer­legt sie die Uthlande in Inseln, Halligen und Marschen, die Stadt Rungholt ver­sank.

Detlef von Liliencron, der 1882 zum Hardesvogt der heu­ti­gen Hallig Südfall ernannt wur­de, ver­dich­te­te die Rungholtsage zu sei­ner wohl bekann­tes­ten Ballade. Rungholt war wohl eine bäu­er­li­che, für dama­li­ge Verhältnisse gro­ße Stadt, unter­hielt aber kei­ne Städtepartnerschaften mit Sündenbabel, Atlantis, Sodom und Gomorra. Gleichwohl wur­de aus Rungholt nach und nach ein sagen­um­wor­be­ner Ort vol­ler Reichtum, Gottlosigkeit und ande­rer Schlechtigkeiten. Erst in die­sem Jahrhundert konn­te ihre Existenz und genaue Lage auf­grund von Funden zwei­fels­frei belegt wer­den.

Heut bin ich über Rungholt gefah­ren,
Die Stadt ging unter vor sechs­hun­dert Jahren.
Noch schla­gen die Wellen da wild und empört,
Wie damals, als sie die Marschen zer­stört.
Die Maschine des Dampfers schüt­ter­te, stöhn­te,
Aus den Wassern rief es unheim­lich und höhn­te:
Trutz, Blanke Hans.

Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschie­den,
Liegen die frie­si­schen Inseln im Frieden.
Und Zeugen wel­ten­ver­nich­ten­der Wut,
Taucht Hallig auf Hallig aus flie­hen­der Flut.
Die Möwe zankt schon auf wach­sen­den Watten,
Der Seehund sonnt sich auf san­di­gen Platten.
Trutz, Blanke Hans.

Mitten im Ozean schläft bis zur Stunde
Ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde.
Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand,
Die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand.
Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen
Und treibt ihn, sechs Stunden, wie­der von hin­nen.
Trutz, Blanke Hans.

Doch ein­mal in jedem Jahrhundert ent­las­sen
Die Kiemen gewal­ti­ge Wassermassen.
Dann holt das Untier tief Atem ein,
Und peitscht die Wellen und schläft wie­der ein.
Viel tau­send Menschen im Nordland ertrin­ken,
Viel rei­che Länder und Städte ver­sin­ken.
Trutz, Blanke Hans.

Rungholt ist reich und wird immer rei­cher,
Kein Korn mehr faßt der grö­ßes­te Speicher.
Wie zur Blütezeit im alten Rom,
Staut hier täg­lich der Menschenstrom.
Die Sänften tra­gen Syrer und Mohren,
Mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren.
Trutz, Blanke Hans.

Auf allen Märkten, auf allen Gassen
Lärmende Leute, betrun­ke­ne Massen.
Sie ziehn am Abend hin­aus auf den Deich:
Wir trot­zen dir, blan­ker Hans, Nordseeteich!
Und wie sie dro­hend die Fäuste bal­len,
Zieht leis aus dem Schlamm der Krake die Krallen.
Trutz, Blanke Hans.

Die Wasser ebben, die Vögel ruhen,
Der lie­be Gott geht auf lei­ses­ten Schuhen.
Der Mond zieht am Himmel gelas­sen die Bahn,
Belächelt der prot­zi­gen Rungholter Wahn.
Von Brasilien glänzt bis zu Norwegs Riffen
Das Meer wie schla­fen­der Stahl, der geschlif­fen.
Trutz, Blanke Hans.

Und über­all Friede, im Meer, in den Landen.
Plötzlich wie Ruf eines Raubtiers in Banden:
Das Scheusal wälz­te sich, atme­te tief,
Und schloß die Augen wie­der und schlief.
Und rau­schen­de, schwar­ze, langmäh­ni­ge Wogen
Kommen wie rasen­de Rosse geflo­gen.
Trutz, Blanke Hans.

Ein ein­zi­ger Schrei – die Stadt ist ver­sun­ken,
Und Hunderttausende sind ertrun­ken.
Wo ges­tern noch Lärm und lus­ti­ger Tisch,
Schwamm andern Tags der stum­me Fisch.
Heut bin ich über Rungholt gefah­ren,
Die Stadt ging unter vor sechs­hun­dert Jahren.
Trutz, Blanke Hans?

Achim Reichel hat die Ballade ver­tont:

 

Von:

Swen Wacker, 49, im Herzen Kieler, wohnt in Lüneburg, arbeitet in Hamburg.

Ein Gedanke zu “Heut bin ich über Rungholt gefahren”:

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