Jugendbeteiligung: Der Frust über den McDonalds-Wunsch

Von | 31. August 2014
Mc Donald's Schild

Für Jugendliche ein Stück Freiheit: Eine Mc Donald's-Filiale | Foto: Bill Morrow - CC BY 2.0

Viele Städte und Gemeinden sind bemüht, ihre Jugendlichen zu betei­li­gen. Wenn dies gut gemacht wird, dann sagen Jugendliche ehr­lich, was sie sich wün­schen. Bei den Kommunalverantwortlichen löst das oft Kopfschütteln aus, denn die Wünsche hei­ßen „McDonalds”, „Primark”, „H&M” und „Burgerking”.

Der Wunsch nach Konsumtempeln ist typisch für Jugendliche. Sie wün­schen sich vor Ort, was ihnen in ihren Kommunen fehlt und was sie dazu zwingt, wei­te Wege auf sich zu neh­men. Oftmals sind das bestimm­te spe­zi­el­le Freizeitangebote, aber noch öfter sind dies bestimm­te Konsumgelegenheiten. Dieser Wunsch ist defi­ni­tiv kein Anlass für Frustration, son­dern ein wun­der­ba­rer Anlass für ein Gespräch über Kommunalpolitik.

“Warum gibt es kei­nen McDonalds” in unse­rer Stadt, fra­gen sich vie­le Jugendliche. Weil sie noch kaum Erfahrung mit Kommunalpolitik haben, liegt die Frage nahe, war­um die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister kei­ne Filiale eröff­net. Die Vorstellung, dass das Stadtoberhaupt zustän­dig sein könn­te, ist wesent­lich ein­fa­cher, als die kom­pli­zier­te Realität von Franchise-Unternehmungen und dem Zusammenspiel von pri­va­ten und öffent­li­chen Akteuren.

Können wir es den Jugendlichen ver­den­ken? – Nein, ganz und gar nicht. Verlangen Erwachsene nicht auch von der Bundesregierung, sie möge Jobs schaf­fen. Werden nicht auch Stadtoberhäupter abge­wählt, weil eine pri­vat­wirt­schaft­li­che Firma den Standort wech­selt. Verlangen die Bürgerinnen und Bürger nicht aller­lei Lösungen von ihrer Stadtpolitik für Probleme, die sie schlicht in der Nachbarschaft im Gespräch klä­ren könn­ten und bei denen die Politik nun­mal nichts machen kann.

Was sagt uns der Wunsch nach einem H&M?

In der Aufforderung Konsumgelegenheiten im Heimatort anzu­sie­deln, enco­diert sich eine Botschaft an die Politik, die es auf­zu­grei­fen gilt: Die städ­ti­schen Angebote für Jugendliche sind viel­fach nicht treff­si­cher.

Wenn sich Jugendliche wün­schen, dass ein McDonalds Filiale eröff­net wird, dann wün­schen sie sich nicht nur Burger, die nach Pappe schme­cken und Cola, son­dern sie wün­schen sich einen Ort, an dem sie sich auf­hal­ten wol­len. Es sind Jugendliche, die sich von den vor­han­de­nen Angeboten der ver­band­li­chen und offe­nen Jugendarbeit nicht aus­rei­chend ange­spro­chen füh­len.

Greift man die­se Rückmeldung ernst­haft auf, dann kann die Antwort nicht allein sein, dass es mehr Bildung hin zum kri­ti­schen Konsum braucht, wie sie oft von erwach­se­nen Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeitern gege­ben wird. Die Antwort muss auch sein, dass heu­te bestehen­de Angebot der Jugendarbeit einer kri­ti­schen Prüfung anhand von Zielgruppen stand hal­ten und Lebensweltgerechtigkeit geschaf­fen wird.

Die Lebensweltgerechtigkeit

Der Leiter der SINUS-Akademie, Peter Martin Thomas und ich for­dern in einem Artikel über Schule (“Lernen kann man über­all”), dass die­se sich für unter­schied­li­che lebens­welt­li­che Perspektiven öff­net und ihre Bildungsziele und Bildungsanlässe nicht nur aus einem bür­ger­li­chen Mainstream der Vergangenheit schöpft. Gleiches gilt auch für die Jugendarbeit von heu­te.

Halten unse­re heu­ti­gen Strukturen der Jugendarbeit einer kri­ti­schen Prüfung anhand der Lebenswelt heu­te leben­der Jugendlichen stand? Sind sie gerecht?

In den meis­ten Städten und Gemeinden ver­wen­den die Kommune, Verbände, Vereine und Kirchen deut­lich mehr Ressourcen für Jugendliche auf, die mit der bür­ger­li­chen Gesellschaftsmitte kom­pa­ti­bel sind. Summiert man auf, was ein Jugendlicher ohne beson­de­ren Betreuungsbedarf an Ressourcen bereit gestellt bekommt und stellt dies ins Verhältnis zu den – zu Recht – als “benach­tei­lig­te” bezeich­ne­te Jugendliche ergibt sich ein deut­li­ches Gerechtigkeitsgefälle.

Es gibt in den meis­ten Städten und Gemeinden mehr Geld für das Gymnasium als für die Hauptschulen, die Förderung von Vereinsstrukturen hat oft Priorität, obwohl die­se für benach­tei­lig­te Jugendliche oft nicht anschluss­fä­hig sind. Nimmt man noch alle frei­en Träger, Kirchen und Verbände mit in die Kalkulation auf, so ergibt sich ein Missverhältnis an Ressourcenaufwendung zwi­schen unter­schied­li­chen jugend­li­chen Lebenswelten.

Erkennen lässt sich die­ses Missverhältnis in einem schein­bar unre­flek­tier­ten Wunsch nach einem Burgerking. Aber eine Frage sei zuläs­sig: Ist die frus­trier­te Antwort der Erwachsenen nicht min­des­tens genau­so unre­flek­tiert?

Diese Artikel ist zuerst bei partizipations-blog.de erschie­nen.

Erik Flügge
Von:

Erik Flügge ist Geschäftsführer der Squirrel & Nuts Gesellschaft für strategische Beratung mbH. Er ist Experte für Jugendbeteiligung und berät viele Städte und Gemeinden bei der Entwicklung von Partizipationsprojekten. Er unterrichtet an der Universität Tübingen Schulpädagogik und an der Hochschule Krefeld Kommunikation & Präsentation.

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