Die Plastiksee - Fragen und Antworten zur Belastung durch Kunststoffmüll im Meer

Von | 25. November 2014

By: Rising Damp - CC BY 2.0

13.000 Plastikmüllpartikel trei­ben durch­schnitt­lich auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche, so die Schätzungen des Umweltbundesamtes. Viele die­ser Kunststoffteile stel­len eine Gefahr für das Leben im Meer dar, vor allem Verpackungsmaterial und Überbleibsel aus dem Fischereibetrieb. Die Veranstaltungsreihe „Plastik im Meer“, die in die­ser Woche in Kiel statt fin­det, will auf die­se Belastungen auf­merk­sam machen. Einer der Referenten ist Dr. Mark Lenz vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Sein Vortrag läuft am 28. November 2014, um 17:00 Uhr in der Kieler Stadtbücherei im Neuen Rathaus – ich konn­te mich schon vor­her mit ihm unter­hal­ten.

Plastik hat enorme Vorteile – die Probleme sind Menge und Verwendung

Dr. Mark Lenz, Geomar Kiel

Dr. Mark Lenz ist 1971 in Kiel gebo­ren. Er ist Diplom-Biologe, der 2003 an der CAU im Bereich Zoologie pro­mo­vier­te. Seitdem liegt sein Arbeitsschwerpunkt auf der Meeresökologie. Seit 2004 ist er am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung beschäf­tigt, wo er das inter­na­tio­na­le Forschungs- und Ausbildungsprogramm GAME koor­di­niert. Seit 2013 befasst sich das Team mit dem Thema Mikroplastik im Meer.

Dr. Lenz, der Titel ihres Vortrags lau­tet „Der Ozean als Müllhalde: Wie gefähr­lich ist Plastik für Meeresorganismen?“ Wie weit sind Sie mit der Beantwortung die­ser Frage?

Unsere Gruppe hier am GEOMAR ist seit zwei Jahren an dem Thema dran. Wir arbei­ten im Rahmen eines inter­na­tio­na­len Forschungsprogramms, bei dem wir mit Partnerinstituten auf der gan­zen Welt koope­rie­ren. Was schon ganz gut unter­sucht ist, sind die Auswirkungen von gro­ßen Plastikteilen im Meer, wie etwa Netze oder Plastiktüten, die von Organismen ver­schluckt wer­den bzw. in denen sich die Organismen ver­fan­gen und dann ster­ben, weil sie ver­hun­gern oder ersti­cken. Die Auswirkungen der soge­nann­ten Mikroplastiken kennt man dage­gen noch nicht so gut. Da feh­len noch wich­ti­ge Grundlagen und da sind wir jetzt dran.

Stichwort Grundlagen: Was ist über­haupt Plastik?

Eigentlich ist es Erdöl, nur in einer ande­ren Form. Zum Teil wird auch Erdgas oder Kohle benutzt. Es sind Kohlenstoffketten, die eine Molekülmatrix bil­den, die ent­spre­chend ihrer Verwendung beson­de­re Eigenschaften hat. Deshalb ist Plastik so beliebt: es ist sta­bil, lang­le­big, fle­xi­bel, leicht und bil­lig. Man kann es kos­ten­güns­tig her­stel­len und für alles Mögliche ein­set­zen.

Also wird immer neu­er Plastikmüll ent­ste­hen, oder gibt es Alternativen?

Plastik hat enor­me Vorteile. Die Probleme sind Menge und Verwendung. Man könn­te sich z.B. fra­gen, ob man Plastik in die­sem Umfang für Einwegverpackungen ein­set­zen muss. Wichtig sind auch Müllströme und Müllmanagement. Hier bei uns gibt es kaum Verluste, d.h. es wird sel­ten etwas in die Umwelt getra­gen. In vie­len Schwellenländern wird auch mas­siv Plastik gebraucht und kon­su­miert, aber dort sind die Entsorgungssysteme oft nicht gege­ben. Da müs­sen tech­ni­sche Lösungen gefun­den wer­den. Gleichzeitig muss man ver­su­chen in der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Entsorgung zu ent­wi­ckeln. Wir haben bei­spiels­wei­se ein Projekt von einer unse­rer Doktorandinnen, die in Indonesien eine Organisation auf­ge­baut hat,  die in einer Kommune eine Müllentsorgung auf die Beine gestellt hat: Eigentlich ein Mann mit sei­ner Mofa und einem Anhänger. Der fährt da ein­mal die Woche rum, sam­melt den Müll ein und fährt ihn zu einer pro­fes­sio­nel­len Verbrennung. Das bringt unheim­lich viel. Bislang haben die Leute das dort in ihrem Garten gemacht.

Das Material ist also nicht so sehr ein Problem, wie der Umgang damit?

Genau. Ich habe z.B. auch mal mit Leuten aus der Plastikindustrie gespro­chen. Die sagen auch, dass ist nicht unser Problem. Es ist der Verbraucher, der nicht sorg­fäl­tig damit umgeht. In Deutschland, ok. Wenn hier jemand sei­ne Plastikflasche ein­fach irgend­wo­hin wirft, dann ist das unver­ant­wort­lich, aber in Ländern in denen es kei­ne gut orga­ni­sier­te Müllentsorgung gibt, kön­nen die Leute auch wenig machen.

Mikroplastik – winzige Teilchen im Mikrometerbereich 

Woher kommt Mikroplastik?

Einmal durch den Zerfall von grö­ße­ren Plastiken. Wenn Sie bei­spiels­wei­se eine Plastikflasche ins Meer wer­fen, dann wird sie nach eini­ger Zeit zer­fal­len und zer­bricht in klei­ne­re Teile und die­ser Prozess setzt sich immer wei­ter fort. Es gibt auch klei­ne Plastikfragmente, die extra so pro­du­ziert wer­den, Rohplastiken etwa. Ein Teil davon gelangt in die Umwelt, z.B. beim Verladen oder bei Containerhavarien. Die drit­te Quelle von Mikroplastik sind Kosmetikprodukte oder Kleidung: Fleecepullover son­dern Fasern beim Waschen ab und bei der Kosmetik sind es etwa Peeling- oder Zahnpflegeprodukte. Die klei­nen Plastikfragmente in die­sen Produkten wer­den von unse­ren Kläranlagen nicht zurück­ge­hal­ten und gelan­gen so über Abwässer wie­der in die Flüsse und ins Meer.

Man hört immer wie­der von spe­zi­el­len Zusätzen, wie etwa Weichmacher. Was ist das?

Wenn man Plastik ver­ar­bei­tet, um es in Form eines Produktes nut­zen zu kön­nen, muss man sei­ne Eigenschaften modi­fi­zie­ren. Da gibt es ver­schie­de­ne Zusätze, die bei­spiels­wei­se ver­hin­dern, dass das Plastik sprö­de wird oder die ihm eine bestimm­te Farbe ver­lei­hen. Dafür wer­den soge­nann­te Additive benö­tigt, zu denen auch die Weichmacher gehö­ren. Diese che­mi­schen Verbindungen wer­den auch wie­der aus­ge­wa­schen, wenn Plastik ins Meer gelangt. Ein Zusatz heißt z.B. Triclosan. Der ver­hin­dert bak­te­ri­el­les Wachstum und ist inter­es­sant für Lebensmittelverpackungen.

„Schleswig-Holstein Meer umschlun­gen“ heißt es in unse­rer Landeshymne. Wie sieht es mit der Plastikbelastung in Nord- und Ostsee aus?

Wir haben hier selbst mal gefischt und Sedimentproben ent­nom­men. Man fin­det immer irgend­et­was. Es ist aber recht wenig. Vor allem Fasern, die ver­mut­lich von Schwimmleinen oder Netzen stam­men. In der Elbmündung haben wir auch mal Partikel aus Zahnpasta gefun­den. Die Belastung ist schon da, bei uns aber noch rela­tiv gering, unter ande­rem, weil wir ver­gli­chen mit ande­ren Ländern ein gutes Müllmanagement haben.

Fischen bedeutet Beifang

Welchen Schaden rich­tet Plastik im Meer an?

Das ist sehr viel­fäl­tig. Eine Sache ist, das Plastik in sehr vie­len unter­schied­li­chen Größen im Meer vor­kommt. Von rie­si­gen Planen bis hin zu mikro­sko­pisch klei­nen Partikeln d.h. Plastik kann mit allen mög­li­chen Tieren und Pflanzen inter­agie­ren. Relativ gut sind die Auswirkungen gro­ßer Plastikteile auf gro­ße Organismen unter­sucht. Wale, Delphine, Seehunde, Seevögel usw. Sie kön­nen sich dar­in ver­fan­gen oder es mit Nahrung ver­wech­seln. Das kann zu Darmverschluss oder einer Pseudosättigung füh­ren. Das ist ein häu­fi­ges Phänomen bei Seevögeln. Die füt­tern auch ihre Jungen mit Plastik und die Tiere ver­hun­gern dann noch im Nest. Ein ande­res Problem, ist das der soge­nann­ten Geisternetze: Also Fischereinetze, die im Meer auf­ge­ge­ben oder ver­lo­ren wur­den und in denen sich Tiere ver­fan­gen. Entsprechend inter­agiert Mikroplastik mit Kleinstorganismen, die viel wei­ter unten in der Nahrungskette ste­hen und die auch eine ande­re öko­lo­gi­sche Rolle haben, wes­halb die Auswirkungen da sogar noch dra­ma­ti­scher sein könn­ten.

Gelangt Plastik über die Nahrungskette auf unse­re Teller, z.B. wenn wir Fisch essen?

Meistens, wenn Tiere Mikroplastik auf­neh­men, geht es durch sie ein­fach durch. Es geht über den Magen-Darm-Trakt. Es gibt die Möglichkeit, wenn das Plastik ent­spre­chend klein ist, das es durch die Darmwand ins Gewebe gelangt und dort kann es Entzündungsreaktionen aus­lö­sen. Was noch dis­ku­tiert wird, ist dass Plastik Schadstoffe akku­mu­liert. Heißt: Plastik funk­tio­niert wie ein Magnet. Organische Schadstoffe oder Rückstände aus der Ölverbrennung lagern sich an Plastik an. Es fun­giert somit als Träger für Schadstoffe, die dadurch von den Tieren in hoch­kon­zen­trier­ter Form auf­ge­nom­men wer­den kön­nen – im Gegensatz zu Schadstoffen im Meerwasser, die dort nur rela­tiv ver­dünnt auf­tre­ten.

Wie bekommt man Plastikmüll wie­der aus dem Meer?

Nur sehr schwer. Es gibt Überlegungen das Plastik abzu­fi­schen, was mehr oder weni­ger sinn­voll ist, denn es ist immer Fischerei – und die ist unver­meid­bar mit Beifang ver­bun­den. Das heißt, wenn Sie im Meer nach Plastik fischen, fischen Sie auch alles ande­re raus, was ähn­lich groß ist und sich ähn­lich ver­hält. Deshalb muss man die öko­lo­gi­schen Folgen gegen­ein­an­der auf­rech­nen. Wenn ich Plastik aus dem Meer fische, wie groß ist der Nutzen im Verhältnis zu dem Schaden, den ich dadurch anrich­te, dass ich vie­le Organismen mit abfi­sche? Aus die­sem Dilemma kommt man nicht raus. Man muss erst den Neueintrag ver­hin­dern. Solange Plastik ins Meer gelangt, wäre Abfischen eine Sisyphosarbeit. Mikroplastik aus dem Meer zu fischen ist völ­lig illu­so­risch, es ist zu klein.

Gibt es ande­re Optionen?

Es gibt ein paar Bakterienstämme, die Plastik meta­bo­li­sie­ren kön­nen, aber nur sehr gering­fü­gig. Außerdem ist das Meer in der Hauptsache dun­kel und kalt und da arbei­ten die­se Bakterien nur sehr lang­sam. Das Meer ist eine gute Umwelt, um Plastik zu kon­ser­vie­ren. Es ist aber auch nicht so, dass alles voll von Plastik wäre. Es ist schon in der Wassersäule und im Sediment ver­teilt. Da liegt oder schwimmt nicht Plastikstück auf Plastikstück. Höchstens an sehr extre­men Standorten.

Die da wären?

Es gibt z.B. Daten von Hawaii. Die Inseln lie­gen in der Nähe eines Müllstrudelgebietes im Pazifik. Dort hat man fest­ge­stellt, dass 3 % des Strandsandes aus Plastik bestehen. Das ist aber auch ein Maximalwert, so was fin­det man nicht über­all.

Was kann jeder Einzelne im Alltag für ein Meer ohne Plastik tun?

Man soll­te sich z.B. fra­gen, wo kann ich auf Plastik ver­zich­ten? Eine ande­re Sache wäre die Teilnahme an Müllsammel-Aktionen. Die wer­den oft von Umweltverbänden orga­ni­siert. Müll ein­fach ein­sam­meln, der am Strand liegt, ist gene­rell ein sehr prak­ti­scher Beitrag. Es gibt auch vie­le gute Projekte, auf die man auf­merk­sam machen kann, wie etwa das Greenscreen Festival. Grundsätzlich muss man mehr auf die Problematik auf­merk­sam machen, sen­si­bi­li­sie­ren und auf­klä­ren.

… und da leis­tet die Aktionswoche „Plastik im Meer“, die noch bis zum 29. November 2014 in Kiel läuft, sicher einen Beitrag. Dr. Lenz, vie­len Dank für das Gespräch.

Links:

Programm: „Plastik im Meer”

Homepage GEOMAR

Forschungs- und Ausbildungsprogramm GAME

Forschungs- und Ausbildungsprogramm GAME/​FACEBOOK

 

Ralf Beckendorf
Von:

ist gebürtiger Kieler (Baujahr 1983), nach Studium und Volontariat in Leipzig in die Heimat zurück gekehrt und arbeitet nun als Nachrichtenredakteur beim privaten Rundfunk.

2 Gedanken zu “Die Plastiksee - Fragen und Antworten zur Belastung durch Kunststoffmüll im Meer”:

  1. Stecki

    Was mich inter­es­siert: Wie und wo gelangt denn pri­mär Plastiktüten ins Meer? Ich kann mir näm­lich kaum vor­stel­len, daß eine Tüte, die ich bei Einkäufen und spä­ter ggf. als Abfallbeutel etc. ver­wen­de (und die dann irgend­wann in der Müllverbrennung lan­det) die Nordsee voll­müllt. Und auch wenn es sicher auch Leute gibt, die acht- und sorg­los auch hier­zu­lan­de Plastikflaschen und -tüten ins Meer wer­fen: Sind das dann in Menge die gro­ßen schäd­li­chen Einträge, deret­we­gen sol­che Tüten dann hier geächtet/​verboten wer­den sol­len? Oder kommt das Gros des Schadeeintrages aus ande­ren Quellen (=so daß ein Platstiktütenverbot hier letzt­lich sinn­frei, weil bes­ten­falls sym­bo­lisch wäre (mit Blick auf Plastikmüll als Meeresschädigung betrach­tet, unab­hän­gig von der Rohstoff-Frage)?

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  2. Nici

    Ich sehe es ähn­lich wie Stecki — das Problem sind nicht pri­mär die Plastiktüten, die ins Meer gelan­gen. Trotzdem ist es sinn­voll irgend­wo anzu­fan­gen. Und Plastiktüten sind ein­fach über­flüs­sig, wenn man mal anfängt sich mit dem Heimtransport sei­ner Lebensmittel zu beschäf­ti­gen. Geht näm­lich auch ganz ein­fach ohne. Also fan­gen wir da mal an! Ich habe aber z. B. auch ange­fan­gen Q-Tipps nur noch mit Stäbchen aus Papier zu kau­fen. Sind unbe­deu­tend teu­rer und lösen sich im Wasser auf. Die Plastikstäbchen hin­ge­gen fin­det man immer wie­der im Verdauungstrakt von Meeresbewohnern. Sich mit unschö­nen Dingen aktiv beschäf­ti­gen und klei­ne Schritte machen — hilft immer!

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