Ausbildungsfonds zu mager? Schulen verlangen vom Nachwuchs Geld für Therapeuten-Ausbildung

Von | 24. Januar 2018

By: Raquel Abe - CC BY 2.0

Schleswig-Holsteins Krankenhäuser und an sie ange­schlos­se­ne Einrichtungen erhal­ten für die Ausbildung von Therapeuten Geld aus einem von den Krankenversicherungen finan­zier­ten Topf. Dieses Budget scheint jedoch nicht aus­zu­rei­chen. Deshalb ver­lan­gen sie von den künf­ti­gen Therapeuten zusätz­lich Schulgeld.

In Deutschland gibt es aktu­ell rund 100 Logopädie-Schulen, 170 Schulen für Ergotherapeuten und 260 Schulen für Physiotherapie. Unter letz­te­ren befan­den sich im Jahr 2014 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes etwa 80 an Krankenhäusern. Das wäre aktu­ell etwa ein Drittel.

Damit Kliniken, die aus­bil­den, nicht gegen­über denen benach­tei­ligt sind, die kei­ne Ausbildungsangebote machen, bekom­men sie ihre Schulkosten aus einem soge­nann­ten Ausbildungsfonds erstat­tet. Verwaltet wird der von den Krankenhausgesellschaften. Seine Budgethöhe vari­iert von Jahr zu Jahr. Er speist sich aus den Pflegesatzpauschalen pri­va­ter und gesetz­li­cher Krankenkassen. Diese ent­hal­ten einen Zuschlag für Ausbildung.

Wie viel Geld ein Schulträger aus dem Fonds bekommt, hängt davon ab, in wel­chem Umfang er Pflegekräfte, Hebammen, Heilmittelerbringer und so wei­ter aus­bil­det. Das Budget soll die Kosten der Ausbildungsstätten bei wirt­schaft­li­cher Betriebsgröße und Betriebsführung decken. Es wird ste­tig ange­passt.

Dazu mel­det jedes Krankenhaus ein Mal jähr­lich an die Krankenhausgesellschaft sei­nes Bundeslandes die Ist- und Planzahlen sei­ner voll- und teil­sta­tio­nä­ren Fälle. Und es gibt die tat­säch­li­chen wie die künf­ti­gen Personal-, Sach- und Gemeinkosten sei­ner Ausbildungsstätte an. Das glei­che geschieht für Art und Anzahl sei­ner Auszubildenden im aus­lau­fen­den wie für den kom­men­den Abrechnungszeitraum. Am Ende wer­den die vor­aus­sicht­li­chen Gesamtkosten aller Schulen durch die Zahl der pro­gnos­ti­zier­ten Fallpauschalen geteilt. Daraus ergibt sich die Höhe des Ausbildungszuschlages. In Schleswig-Holstein beträgt er aktu­ell 96,22 Euro pro Fall.

Zuschlag für angegliederte Schulen

Geld aus dem Ausbildungsfonds gibt es auch dann, wenn die Krankenhäuser nicht direkt selbst aus­bil­den, son­dern staat­lich aner­kann­te Schulen mit ihnen ver­bun­den sind. Das bestä­tig­te die Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein (KGSH) uns bei der Recherche.

Im Jahr 2017 belief sich deren Gesamtbudget auf knapp 59 Mio. Euro für 3.000 Auszubildende. Davon flos­sen fast 90 Prozent in die Ausbildung von Krankenpflegekräften – rein rech­ne­ri­schen ent­fie­len auf jeden Platz im Schnitt 1.472 Euro monat­lich. Dieser Betrag soll die Schulkosten decken und ent­hält die soge­nann­te Ausbildungsmehrvergütung. Damit wer­den Aufwendungen aus­ge­gli­chen, die Betriebe haben, die ihre Azubis bezah­len. In einem bun­des­ein­heit­lich vor­ge­ge­be­nen Verfahren wird deren Arbeitsleistung ermit­telt und gegen den Verdienst gerech­net. Die Differenz erhält der Ausbilder erstat­tet.

Die rest­li­chen 6 Mio. Euro aus dem schles­wig-hol­stei­ni­schen Ausbildungsfonds ver­teil­ten sich auf 600 Ausbildungsplätze in den Gesundheitsfachberufen. Im Schnitt wur­de jeder Platz mit monat­lich 833 Euro finan­ziert. Da außer den künf­ti­gen Hebammen kei­ner aus die­ser Gruppe eine Vergütung erhält, fällt die Mehrvergütung weg und der Betrag gerin­ger aus als bei den Pflegekräften. Von der Förderung pro­fi­tie­ren Schleswig-Holsteins ein­zi­ge Ausbildungsstätte für Logopädie sowie vier der sie­ben Physiotherapieschulen im Land. Im Einzelnen sind das: Die Schule für Logopädie in Kiel, zu deren Trägern das Universitätsklinikum (UKSH) gehört; die AGS Akademie für Gesundheits- und Sozialberufe GmbH in Itzehoe; die Therapieschule Nord am Klinikum Nordfriesland in Husum; die Johann Hermann Lubinus Schule am Lubinus Klinikum in Kiel und die Physiotherapieschule an der Helios Ostseeklinik Damp.

Ohne Schulgeld kein Auskommen

Alle fünf erhe­ben zusätz­lich von ihren Auszubildenden Schulgelder — zwi­schen 320 und 400 Euro monat­lich im ers­ten Ausbildungsjahr. Dazu addie­ren sich Gebühren, z.B. für die Aufnahme an der Schule, die Anmeldung zur Prüfung oder die Ausgabe der Urkunde sowie Pflichtaufwendungen für Berufskleidung etc.. Schulen wie die Johann Hermann Lubinus Schule recht­fer­ti­gen das damit, dass die Pauschale aus dem Fonds nicht aus­rei­che, um die tat­säch­li­chen Kosten zu decken.

Dem schließt sich Bernhard Ziegler, Krankenhausdirektor des Klinikums Itzehoe, an:

„Als Schulträger der Akademie für Gesundheits- und Sozialberufe (AGS) kön­nen wir die Krankenkassen an unse­ren Ausbildungskosten betei­li­gen. Wir haben ver­sucht, eine hun­dert­pro­zen­ti­ge Übernahme zu errei­chen, was uns aber nicht gelun­gen ist. Wenn Sie mich nach mei­ner Meinung fra­gen, hal­te ich die­se Regelung nicht für ange­mes­sen.“

Die Physiotherapieschule in Damp bestä­tigt eben­falls, Zuwendungen aus dem Ausbildungsfonds erhal­ten zu haben:

„Um die über vie­le Jahre aner­kann­te, hohe Ausbildungsqualität und die damit ver­bun­de­nen Kosten für Organisation, Personal und Logistik sicher­zu­stel­len und künf­tig den hohen Ansprüchen gerecht zu wer­den, ist ein zusätz­lich zu erhe­ben­des Schulgeld not­wen­dig“,

lau­tet deren offi­zi­el­le Stellungnahme.

Auch die Ausbildung der Logopäden in Kiel kann nicht allein aus Mitteln der Krankenkassen bestrit­ten wer­den, erfah­ren wir aus der Pressestelle des UKSH. Ein Drittel der anfal­len­den Kosten müs­se das Institut für beruf­li­che Fort- und Ausbildung (IBAF) über­neh­men:

„Die ange­spro­che­nen Kosten, die über die Krankenkassenfinanzierung hin­aus­ge­hen, ent­ste­hen in ers­ter Linie aus: Hohen Vorgaben zu den Qualitätsstandards, die nicht kom­plett aus­fi­nan­ziert sind. Die prak­ti­sche Ausbildung fin­det zum Teil im Rahmen von Lehrtherapien in den Räumen der Schulen und unter Beteiligung durch Lehrpädagogen statt. Diese Lehrtherapien wer­den sehr eng beglei­tet und super­vi­diert und stel­len einen qua­li­ta­tiv sehr star­ken Aspekt der Ausbildung dar.“

Kaum Spielraum für Veränderungen

Ob die Ausbildungsstätten für Therapeuten mit ihrem Budget aus dem Fonds kos­ten­de­ckend arbei­ten könn­ten, ist der KGSH nicht bekannt: „Die Kalkulation stellt eine Durchschnittsgröße dar“, gibt Patrick Reimund zu beden­ken, „Die tat­säch­li­chen Kosten der Kliniken kön­nen davon abwei­chen“. Welche sie anrech­nen konn­ten und wel­che nicht, war Verhandlungssache. Jeder Schulträger mach­te das anfangs indi­vi­du­ell mit den Krankenkassen aus. Angedacht war, über die Jahre bun­des­weit ver­bind­li­che Richtwerte für die Ausbildungskosten pro Beruf zu ermit­teln. Doch dafür waren die Strukturen in den Ländern zu ver­schie­den. Schleswig-Holstein bei­spiels­wei­se besitzt kei­ne staat­li­che Berufsfachschule für Therapeuten, Thüringen tra­di­tio­nell dage­gen recht vie­le. Also schrie­ben die Vertragspartner ihre ursprüng­lich mit­ein­an­der aus­ge­han­del­ten Konditionen über die Jahre fort. Angepasst wur­de sie nur an Lohn- und Preissteigerungen.

Erhebt ein aus­bil­den­des Krankenhaus trotz öffent­li­cher Förderung Schulgeld, dann hat es Kosten, die über das Ausbildungsbudget nicht refi­nan­ziert wer­den. Welche könn­ten das sein? Personalkosten ent­hält das Kalkulationsschema, auch Kosten für die Praxisanleitung, für Lehr- und Arbeitsmaterialien sowie Lern- und Fachbücher. Ebenso soll der Fonds Gebühren für die Beratung der Schüler decken, deren Prüfungen und Abschluss.

Gesetzlich aus­ge­nom­men sind dage­gen z.B. Kosten für Unterbringung, Kosten aus dem Erwerb von Grundstücken und Schulgebäuden, Kosten für wis­sen­schaft­li­che Forschung und Lehre sowie all­ge­mein alle Kosten für Leistungen, die nicht der sta­tio­nä­ren oder teil­sta­tio­nä­ren Krankenhausversorgung die­nen. Darunter fal­len auch Maßnahmen zur Instandhaltung und Modernisierung von Gebäuden. Für sie muss jede der fünf geför­der­ten Therapieschulen selbst auf­kom­men. Alle befin­den sich in pri­va­ter oder in kom­mu­na­ler Trägerschaft. Bei der Logopädieschule z.B. sitzt über das IBAF die Diakonie mit drin. Notwendige Investitionen in die Schulen dür­fen nicht über den Ausbildungsfonds finan­ziert wer­den. Dafür ver­gibt das Land Zuschüsse. Für 2017 stellt Schleswig-Holstein die Gesamtsumme von 244.000 Euro zur Verfügung.

Duales Ausbildungssystem

Der Ausbildungsfonds wur­de 2005 erst­mals ein­ge­rich­tet. Aus ihm wird seit­her die Ausbildung für ver­schie­de­ne Berufsgruppen an Krankenhäusern finan­ziert, zum Beispiel für ange­hen­de Gesundheits- oder Krankenpfleger. Keiner von denen zahlt Schulgeld. Vielmehr erhal­ten alle eine Ausbildungsvergütung, die mit Mitteln aus dem Ausbildungsfond refi­nan­ziert ist.

Nur ange­hen­de Therapeuten wer­den zur Kasse gebe­ten, und zwar gleich dop­pelt: 1.600 Pflichtstunden oder gut ein Drittel ihrer Ausbildungszeit sind Physiotherapeuten im Praxiseinsatz. Geld gibt es dafür nicht, im Gegenteil, in Schleswig-Holsteins Schulen zah­len sie drauf. Eine Ausbildungsvergütung für Physiotherapeuten sei auf Grund der gel­ten­den Gesetzeslage nicht mög­lich, erfah­ren wir auf unse­re Anfrage vom Pressesprecher des Gesundheitsministeriums in Kiel:

„Die Ausbildung in der Physiotherapie zählt — wie auch ande­re Ausbildungen (MTA, Ergotherapie etc.) — zu den Fachschulausbildungen und damit nicht in das dua­le Ausbildungssystem. Wenn — wie in der Krankenpflege — eine Ausbildungsvergütung gezahlt wer­den soll, bedarf es dafür einer geson­der­ten recht­li­chen Grundlage oder einer Umwandlung der Ausbildung in eine Ausbildung im dua­len System. In bei­den Fällen wären bun­des­ge­setz­li­che Regelungen not­wen­dig.“

Diese Ungleichbehandlung der Berufsgruppen in der Gesundheitsbranche hat der Gesetzgeber mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz nicht vor­ge­ge­ben. Sie ist aber Praxis, und zwar eine, die es drin­gend zu ver­än­dern gilt.

Nachbemerkung

Eine gekürz­te Fassung die­ses Beitrages erschien Anfang Dezember 2017 im Wirtschaftsmagazin up — unter­neh­men pra­xis. Er stützt sich auf Umfragen unter den Schulträgern durch up-Redakteurin Katrin Schwabe-Fleitmann aus dem Jahr 2016. Dazu kamen im Sommer 2017 ein­ge­hen­de Gespräche von up-Autorin Daniela Mett mit Ausbildern, Vertretern von Therapeuten-Verbänden sowie den Krankenhausgesellschaften Schleswig-Holsteins und Baden-Württembergs. Letzter Stand der Recherche ist der 15. Juli 2017. Wir ver­öf­fent­li­chen den Beitrag aus Anlaß eines durch die SPD-Fraktion ein­ge­reich­ten Antrages und haben dafür zuvor das Einverständnis des up-Herausgebers Ralf Buchner ein­ge­holt.

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Ausbildungswunsch Therapeut? Fehlanzeige!

Die Zahl der Therapieschüler nimmt rasant ab. Als Grund werden die immensen Kosten für die Ausbildung genannt, die von angehenden Therapeuten selbst zu tragen sind. Doch das allein ist nicht der Grund. Die Branche steht vor einer neuen Entwicklungstufe: der Akademisierung der Gesundheitsfachberufe. Stand: 17. Juli 2017.

Quellen

1)    Finanzierung der Ausbildungsstätten (§ 17 a KHG) — Inklusive Kalkulationschema

2)    Krankenhausfinanzierungsgesetz

3)    Ausbildungsfonds der KGSH 2017 — Pressemitteilung vom 19.1.2017

4)    Übersicht Physiotherapieschulen Schleswig-Holstein

 

panama
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das; Abk. f. Panorama (griech.). Unter diesem Namen postet Daniela Mett vermischte Nachrichten aus der bewohnten Welt Schleswig-Holsteins. Die ausgebildete Magazinjournalistin berichtet frei und unabhängig. Sie hat sich in 29 Berufsjahren spezialisiert auf Reportagen und Interviews - www.panama-sh.com.

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