Früher mal: Friesische Freiheit

Von | 21. Februar 2012

„Frii es de Feskfang,
Frii es de Jaght,
Frii es de Strönthgang,
Frii es de Naght,
Frii es de See, de wil­de See
En de Hörnemmer Rhee.“

(Frei ist der Fischfang,
Frei ist die Jagd,
Frei ist der Strandgang,
Frei ist die Nacht,
Frei ist die See, die wil­de See,
An der Hörnumer Reede) 

Diese Rechte der Sylter Friesen stell­te Detlev von Liliencron sei­ner Ballade Pidder Lüng in Versform vor­an. 

Heute, wo der Angler die Sportfischerprüfung able­gen muss und tun­lichst sei­nen Fischereischein und den Fischerei-Erlaubnisschein bei sich trägt, die Jagd noch mehr als die Sportfischerei gere­gelt ist, selbst der Strandgang nur mit Gebühr mög­lich ist und die Bettensteuer die Nacht stän­dig unan­stän­dig ver­teu­ert, ist das nicht mehr so weit her mit der Freiheit der Friesen. Und hät­te die Landesregierung eine Deichsteuer erho­ben und hät­te sich ein Sylter Fischer dage­gen gesträubt und hät­te sich dann ein Vollstreckungsbeamter auf den Weg nach Sylt gemacht – er hät­te wohl nicht elen­dig im Grünkohl ver­reckt wie Henning Pogwisch, der Amtmann von Tønder. Auch wenn die Steuern noch so unan­stän­dig sind – die Formen des Protests haben sich geän­dert. 

Aber tief in uns gefällt uns, wenn wir ehr­lich sind, immer noch die heroi­sie­ren­de Darstellung des Sylter Fischers Pidder Lüng, der sich gegen frem­de Herrschaft, auf­lehnt, die Steuerzahlung ver­wei­gert und, nach­dem er sich und sei­ne Familie schmäh­lich ver­ach­ten las­sen muss­te, kur­zer­hand den Amtmann in der Suppe ertränkt – und es mit dem Tode bezahlt. Wohl der nöti­ge Gegenentwurf für unse­re Gesellschaft, in der wei­te Kreise ihr Bild der agra­ri­schen Berufsgruppen aus dem jäm­mer­li­chen Gestalten in Bauer sucht Frau bezie­hen. 

Heute ist Biikebrennen, nicht nur auf Sylt. Die Biikefeuer wer­den ent­zün­det. Und anschlie­ßend isst man Grünkohl und trägt sich Gedichte, Lieder und Balladen vor. Sicher auch die Ballade über Pidder Lüng, hier in der Fassung von Wikisource   

Der Amtmann von Tondern, Henning Pogwisch,
Schlägt mit der Faust auf den Eichentisch:
Heut fahr ich selbst hin­über nach Sylt,
Und hol mir mit eig­ner Hand Zins und Gült.
Und kann ich die Abgaben der Fischer nicht fas­sen,
Sollen sie Nasen und Ohren las­sen,
Und ich höhn ihrem Wort:
          Lewwer duad üs Slaav.

Im Schiff vorn der Ritter, pan­zer­be­wehrt,
Stützt sich fins­ter auf sein lan­ges Schwert.
Hinter ihm, von der hohen Geistlichkeit,
Steht Jürgen, der Priester, beflis­sen, bereit.
Er reibt sich die Hände, er bückt den Nacken.
Der Obrigkeit helf ich, die Frevler packen,
In den Pfuhl das Wort:
          Lewwer duad üs Slaav.

Gen Hörnum hat die Prunkbarke den Schnabel gewetzt,
Ihr fol­gen die Ewer, kriegs­volk­be­setzt.
Und es knir­schen die Kiele auf den Sand,
Und der Ritter, der Priester sprin­gen ans Land,
Und waf­fen­ras­selnd hin­ter den bei­den.
Entreißen die Söldner die Klingen den Scheiden.
Nun gilt es, Friesen:
          Lewwer duad üs Slaav!

Die Knechte umzin­geln das ers­te Haus,
Pidder Lüng schaut ver­wun­dert zum Fenster her­aus.
Der Ritter, der Priester tre­ten allein
Über die ärm­li­che Schwelle hin­ein.
Des lan­gen Peters stark­zäh­li­ge Sippe
Sitzt grad an der kar­gen Mittagskrippe.
Jetzt zei­ge dich, Pidder:
          Lewwer duad üs Slaav!

Der Ritter ver­neigt sich mit hämi­schem Hohn,
Der Priester will anhe­ben sei­nen Sermon.
Der Ritter nimmt spöt­tisch den Helm vom Haupt
Und ver­beugt sich noch ein­mal: Ihr erlaubt,
Daß wir euch stö­ren bei euerm Essen,
Bringt hur­tig den Zehnten, den ihr ver­ges­sen,
Und euer Spruch ist ein Dreck:
          Lewwer duad üs Slaav.

Da reckt sich Pidder, steht wie ein Baum:
Henning Pogwisch, halt dei­ne Reden im Zaum.
Wir waren der Steuern von jeher frei,
Und ob du sie wünschst, ist uns einer­lei.
Zieh ab mit dei­nen Hungergesellen,
Hörst du mei­ne Hunde bel­len?
Und das Wort bleibt stehn:
          Lewwer duad üs Slaav!

Bettelpack, fährt ihn der Amtmann an,
Und die Stirnader schwillt dem geschien­ten Mann:
Du frißt dei­nen Grünkohl nicht eher auf,
Als bis dein Geld hier liegt zu Hauf.
Der Priester zischelt von Trotzkopf und Bücken,
Und ver­kriegt sich hin­ter des Eisernen Rücken.
O Wort, geh nicht unter:
          Lewwer duad üs Slaav!

Pidder Lüng starrt wie wirr­sin­nig den Amtmann an,
Immer hef­ti­ger in Wut gerät der Tyrann,
Und er speit in den damp­fen­den Kohl hin­ein:
Nun geh an dei­nen Trog, du Schwein.
Und er will, um die pein­li­che Stunde zu enden,
Zu sei­nen Leuten nach drau­ßen sich wen­den.
Dumpf dröhnts von drin­nen:
          Lewwer duad üs Slaav!

Einen ein­zi­gen Sprung hat Pidder gethan,
Er schleppt an den Napf den Amtmann her­an,
Und taucht ihm den Kopf ein, und läßt ihn nicht frei,
Bis der Ritter erstickt ist im glüh­hei­ßen Brei,
Die Fäuste dann las­send vom furcht­ba­ren Gittern,
Brüllt er, die Thüren und Wände zit­tern,
Das stol­zes­te Wort:
          Lewwer duad üs Slaav!

Der Priester liegt ohn­mäch­tig ihm am Fuß,
Die Häscher stür­men mit höl­li­schem Gruß,
Durchbohren den Fischer und zer­ren ihn fort,
In den Dünen, im Dorf rasen Messer und Mord.
Pidder Lüng doch, ehe sie ganz ihn ver­der­ben,
Ruft noch ein­mal im Leben, im Sterben
Sein Herrenwort:
          Lewwer duad üs Slaav!

Von:

Swen Wacker, 49, im Herzen Kieler, wohnt in Lüneburg, arbeitet in Hamburg.

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