Der wilde Norden - Kommentar zur Neufassung des LNatSchG

Von | 20. Oktober 2015

Schleswig-Holstein soll wil­der wer­den. Anfang 2016 will der Landtag über eine Neufassung des Landesnaturschutzgesetzes abstim­men. Beim 21. Naturschutztag in Rendsburg erklär­te Umweltminister Robert Habeck: „Wenn wir Akzeptanz für mehr Wildnis in Schleswig-Holstein errei­chen wol­len, müs­sen wir die Menschen ein­bin­den. Sie müs­sen Wildnis als etwas Faszinierendes haut­nah erle­ben kön­nen”. Das klang nach mehr Freiheit.

Wildnis ist für mich, wenn ich nach einem Tagesmarsch auf einer Anhöhe ste­he, um kilo­me­ter­weit zu gucken, mich dann 360 Grad um die eige­ne Achse dre­he, ohne ein Zeichen für Zivilisation zu sehen, also kei­ne Bauten, weder ein Gipfelkreuz noch einem Strommast, ja, nicht mal den Kondensstreifen eines Flugzeuges am Himmel. Verletzungen oder eine plötz­lich auf­tre­ten­de Krankheit wach­sen dort rasch zur huma­ni­tä­ren Katastrophe aus. Das ist fas­zi­nie­rend anders als daheim.

Faktisch exis­tiert bei uns in Schleswig-Holstein die­se Art von Wildnis nicht mehr. Für die Allgemeinheit beschränkt sich wil­des Naturerleben auf ver­spreng­te Gebiete unter­schied­li­chen Schutzfaktors, die groß­zü­gig hoch­ge­rech­net kaum mehr als acht Prozent der Landesfläche aus­ma­chen. Einiges davon ist für mich gesperrt. Der Entwurf zu einer Novelles des Landesnaturschutzgesetzes sieht nun vor, zwei Prozent der Landesfläche in Wildnisgebiete zu ent­wi­ckeln. Damit ver­grö­ßert sich mein Erholungsgebiet jedoch nicht, denn Habeck stellt sich dar­un­ter eine „Vertiefung bestehen­der Gebiete“ vor, was den Ausschluss der Öffentlichkeit zur Folge haben wird, um „die Natur weit­ge­hend unbe­ein­flusst von mensch­li­chen Nutzungen” (§12 Biotopverbund) zu erhal­ten.

Am Wegrand Pause zu machen, ist im Naturschutzgebiet erlaubt, sofern ich bloß ras­te und das dem ein­fa­chen Lagern ent­spricht. Es darf aber nicht nach Kampieren aus­se­hen, denn das gilt deutsch­land­weit als Straftat. Will ich außer­halb die­ser Zonen in Wald und Flur wild cam­pen, sagt mir das aktu­el­le LNatSchG, muss ich dazu „pri­vat­recht­lich befugt sein“ und es dür­fen „kei­ne ande­ren Rechtsvorschriften ent­ge­gen­ste­hen“ (§ 37; 2). Im Klartext heißt das, ich brau­che Erlaubnis. Habe ich die nicht, ris­kie­re ich Bußgeld. Auch dar­an wird die Gesetzesnovelle nichts ändern.

In die­sem Punkt müht sich die Kampagne „Wildes Schleswig-Holstein“ von der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein mit ihrem Schirmherrn Robert Habeck um Ausgleich. Auf deren Internetportal fin­den wir die Koordinaten von 15 Übernachtungsplätzen. Sie dür­fen von Wanderern oder Radfahrern mit maxi­mal zwei Zelten zu jeweils drei Personen belegt wer­den. Dafür brauch­te es kei­ne Gesetzesänderung. Es han­delt sich um offi­zi­ell geneh­mig­te Plätze an Wegrändern oder auf Privatgrund, ganz im Sinne des LNatSchG. Einen davon nutz­te der Umweltminister bei sei­ner som­mer­li­chen Promotiontour, um „sym­bo­lisch den Gedanken des skan­di­na­vi­schen Jedermannsrechts mit nach Schleswig-Holstein“ zu brin­gen.

Querfeldein stie­feln wie bei­spiels­wei­se in Norwegen ist bei uns nicht erlaubt. In frei­er Landschaft darf sich zum Erholungszweck nur auf­hal­ten, wer auf Wegen bleibt. Dieses restrik­ti­ve Betretensrecht wird mit der Novelle an groß­zü­gi­ge­re Regelungen ande­rer Bundesländer ange­passt. Sobald Schleswig-Holsteins Äcker abge­ern­tet sind und auf Grünland nichts mehr wächst, soll ich sie nach Lust und Laune betre­ten dür­fen (§ 30). Dieser ange­deu­te­te Wink in Richtung Allemannsrett ist in der Tat kaum mehr als ein sym­bo­li­scher Akt. Und so bleibt es dabei: Der echt wil­de Norden fängt für mich Höhe Padborg an.

 

 

 

 

panama
Von:

das; Abk. f. Panorama (griech.). Unter diesem Namen postet Daniela Mett vermischte Nachrichten aus der bewohnten Welt Schleswig-Holsteins. Die ausgebildete Magazinjournalistin berichtet frei und unabhängig. Sie hat sich in 30 Berufsjahren spezialisiert auf Reportagen und Interviews - www.panama-sh.com.

5 Gedanken zu “Der wilde Norden - Kommentar zur Neufassung des LNatSchG”:

  1. Tobias Langguth

    Für uns Menschen mag die Erholung im Mittelpunkt ste­hen, dar­um geht es bei der Einrichtung der Wildnisgebiete nicht. Deswegen sind sie auch Teilmenge des Biotop-Verbundes: sie sol­len Pflanzen und Tieren einen Rückzugsorten ohne Einfluss des Menschen bie­ten, in denen sich die evo­lu­tio­nä­ren und bio­lo­gi­schen Prozesse frei ent­fal­ten kön­nen. Dies soll eine gewis­se Natürlichkeit unse­rer Ökosysteme bewah­ren und auch als Referenz zur Kulturlandschaft die­nen — gera­de im Zuge des Klimawandels wer­den sol­che Referenzflächen sehr wich­tig.
    Aber natür­lich fin­det man in Schleswig-Holstein kei­ne völ­lig unbe­ein­fluss­ten Flächen mehr. Sowas exis­tiert in Mitteleuropa schlicht nicht mehr. Dies soll­te uns aber moti­vie­ren die weni­gen, noch annä­hernd „wil­den” Flächen ganz beson­ders zu schüt­zen. Es ist alles was uns von der ursprüng­li­chen Natur zwi­schen den Meeren geblie­ben ist.

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    1. panamapanama Post author

      Freie Entfaltung für evo­lu­tio­nä­re und bio­lo­gi­sche Prozesse wäre pri­ma. Da bin ich dabei. Doch mit der „Vertiefung bestehen­der Biotope” wer­den mei­ner Befürchtung nach aus­ge­wähl­te Tiere und Pflanzen sub­ven­tio­niert, genau­so wie anders­wo die Landwirte, Autofahrer, Investoren. Wieder erlernt wer­den soll aber doch, Balance zu hal­ten, Achtsamkeit, Respekt und Verantwortungsbewusstsein gegen­über Ökosystemen zu ent­wi­ckeln. Dafür hät­te ich gern ein klei­nes, wil­des Testgelände, viel­leicht mit der Möglichkeit, am Ziel mei­nes Tagesmarsches zur Belohnung an einem Platz mei­ner Wahl cam­pen zu dür­fen oder in einer Hytte — wenn es denn sein muss, gegen Gebühr und nach vor­he­ri­ger Anmeldung. Aber nicht am Wegrand, neben Parkplätzen oder auf pri­va­tem Hofgelände wie es das „wil­de Schleswig-Holstein” vor­schlägt son­dern mit­ten­drin in der Wildnis.

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      1. Tobias Langguth

        Bei der „Vertiefung” geht es mei­ner Beobachtung weni­ger dar­um bestimm­te Arten zu bevor­zu­gen — in „Wildnis”-Gebieten soll die Pflege tat­säch­lich ein­ge­stellt wer­den — als mehr um die poli­ti­sche Botschaft, dass dafür kei­ne zusätz­li­chen Schutzgebiete geschaf­fen wer­den. So soll dem poten­ti­el­len Widerstand von Bauernverband & Co. direkt der Wind aus den Segeln genom­men wer­den.
        Bezüglich der wil­den Campen in ech­ter Wildnis gebe ich aber Recht. Das ” wil­de SH” ist nur ein Marketinggag.

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  2. Schnitzler

    Herr Habeck soll­te mehr über die zum Teil völ­lig falsch erteil­ten Subventionen aus Brüssel für nicht tier­ge­rech­te Grossbetriebe mit Massentierhalltung die mit ihren Abfällen die Böden und die Natur belas­ten nach­den­ken und für Abhilfe sor­gen.

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