Strategiepapier der IHK: Zukunftsstandort Schleswig-​​Holstein – handeln, wachsen, leben

Von | 14. Mai 2012

Am Freitag (11. Mai 2012) prä­sen­tierte der Landesrechnungshof seine Bemerkungen 2012 und schaute in die Zukunft. Am glei­chen Tag son­dier­ten SPD, Grüne und SSW erfolg­reich die Möglichkeiten einer Regierung für die nächs­ten fünf Jahre in Schleswig-​​Holstein. Das war noch nicht alles. Die IHK legte an die­sem Tag ein Strategiepapier „Zukunftsstandort Schleswig-​​Holstein – han­deln, wach­sen, leben“ vor. Der DGB und die Sozialverbände – mach­ten nichts.

Unter der Leitlinie „Zukunftsstandort Schleswig-​​Holstein – han­deln, wach­sen, leben“ hat die IHK Schleswig-​​Holstein kon­krete Handlungsoptionen for­mu­liert. Selbstbewusst erklärt sie, dass das Papier ein „Leitfaden und Orientierungshilfe für Politik, Verwaltung und Wirtschaft im Land sein soll, damit diese ihre Kräfte zur nach­hal­ti­gen Stärkung des Standortes bün­deln und auf die wich­tigs­ten Felder fokus­sie­ren.“

Die wich­ti­gen Felder. Um diese zu iden­ti­fi­zie­ren hat die IHK 2000 Unternehmer zur Zukunftsfähigkeit des Landes und den für Schleswig-​​Holstein rele­van­ten Trends befragt und dann zusam­men mit 800 enga­gier­ten Unternehmerinnen und Unternehmern in Dutzenden von Sitzungen und Workshops zu einer Argumentationslinie ver­dich­tet, die das Land davor bewah­ren soll „zu den Verlierern der Globalisierung zu gehö­ren“. Das Papier war schon län­ger ange­kün­digt, ist aber immer noch ein­ma­lig. Keine rele­vante gesell­schaft­li­che Gruppe in Schleswig-​​Holstein hat, wenn ich es recht über­bli­cke, bis­lang eine ver­gleich­bare Vision für Schleswig-​​Holstein im Jahr 2030 defi­niert. Im Unterschied zur IHK Hamburg hat die IHK Schleswig-​​Holstein ihr Konzept selbst erarbeitet.

Die Autoren ver­har­ren nicht bei Begriffen wie „Konsolidierung des Haushalts“, strei­ten nicht über G8 oder G9 oder Y-​​Modelle. Für sie steht Schleswig-​​Holstein im Wettbewerb der Regionen. Wenn von Zusammenarbeit gespro­chen wird, dann wer­den wie selbst­ver­ständ­lich in einer Reihe als Nachbarn die Metropole Hamburg, das Königreich Dänemark, Niedersachsen und Mecklenburg-​​Vorpommern auf­ge­zählt. Dort hat Schleswig-​​Holstein „Lagegunst“ und nimmt als Scharnier zwi­schen den Metropolen Hamburg und Kopenhagen/​Malmö eine zen­trale Rolle bei der Weiterentwicklung der Zusammenarbeit ein.

Wer so denkt, der defi­niert Themen anders: Demografischer Wandel, Nachhaltiges Wirtschaften, Wissensgesellschaft, Denken in Wirtschaftsräumen, Globalisierung, Digitalisierung der Lebens– und Arbeitswelten, Neue Urbanität, Individualisierung der Gesellschaft sind die Themen. Und bis auf die Bereiche Nachhaltiges Wirtschaften und Denken in Wirtschaftsräumen ist Schleswig-​​Holstein nach Auffassung der Wirtschaft in die­sen Feldern nicht gut aufgestellt.

Die zen­trale Forderung: Schleswig-​​Holstein wird Zuzugsland! „Der Anspruch muss sein, dass unser Land das attrak­tivste Bundesland wird. Die erste Adresse in Deutschland, um zu leben, zu ler­nen und zu arbei­ten“, fasst Christoph Andreas Leicht, Präsident der IHK Schleswig-​​Holstein, die Ausrichtung des Strategiepapiers zusam­men. Wirtschaft und Verwaltung, Politik und Gesellschaft müs­sen dazu ihre Kraft bündeln.

Um das Ziel zu errei­chen, brau­che man eine leis­tungs­fä­hige Verkehrs-​​, Versorgungs– und Kommunikationsinfrastruktur. Schleswig-​​Holstein müsse auf allen Wegen opti­mal erreich­bar sein, keine Region dürfe abge­hängt wer­den. Unverzichtbar ist für die Kammer: „Eine exzel­lente Bildungsstruktur vom früh­kind­li­chen Bereich über die Schulen bis zu den Hochschulen. Bei der Ausbildung des Nachwuchses dür­fen keine Potenziale ver­schenkt wer­den. Eine gute Förderinfrastruktur und funk­tio­nie­rende Netzwerke seien aus Sicht der Unternehmerinnen und Unternehmer selbst­ver­ständ­lich.

Das gilt auch für die Hochschulen. Sie haben als „Garant für Wissenstransfer eine Schlüsselrolle für die erfolg­rei­che Zukunft unse­res Landes, erst recht, wenn sie mit benach­bar­ten Wissenschaftsstandorten koope­rie­ren“. Die Arbeitnehmer schau­ten, so die IHK, vor allem auf am Bedarf aus­ge­rich­tete Betreuungsangebote für Kinder und ältere Familienmitglieder sowie auf ein attrak­ti­ves Angebot für die täg­li­che Nahversorgung. Beides sei unver­zicht­bar, um Familie und Beruf gut zu verbinden.

Wenn es nach der IHK Schleswig-​​Holstein geht, sind das die Leitziele:

  • Die wirt­schaft­li­che Basis wei­ter stär­ken, neue Potenziale erken­nen und kon­se­quent nutzen.
  • Ein hoch­at­trak­ti­ves Bildungsumfeld und –klima schaf­fen, Technologie– und Wissenstransfer fördern.
  • Das her­vor­ra­gende Lebensumfeld aus­bauen, nach­hal­tige wirt­schaft­li­che Nutzung der Ressourcen sicherstellen.
  • Grenzen über­win­den, Kooperationschancen nutzen.

Die Kernaussagen des Strategiepapiers fin­det man hier.

 

Wenn der Präsident der IHK Schleswig-​​Holstein an die neue Landesregierung appel­liert: „Der Diskurs muss jetzt begin­nen. Die neue Landesregierung hat es in der Hand, die ent­schei­den­den Weichen zu stel­len. Die Wirtschaft sen­det des­halb jetzt das Signal, sich am Zukunftsprozess zu betei­li­gen“, dann hört man nichts von rot-​​grünem Chaos, zwei­fel­haf­tem Wählerwillen, finanz­po­li­ti­schen Hasardeuren oder unbot­mä­ßi­gem däni­schen Griff nach der Macht – son­dern erkennt Pragmatismus und den Wunsch, sich einzubringen.

Mancher mag dem Papier vor­hal­ten, es mache sich keine Gedanken über die Finanzierbarkeit der Forderungen an den Staat. Und man­cher der­je­ni­gen, die hier was ein­for­dern, wird mit zu denen gehö­ren, die gegen jede Steuererhöhung sind und die jede den Staat Milliarden kos­tende steu­er­li­che Subvention als „wirt­schafts­freund­li­ches Klima schaf­fend” ver­ab­so­lu­tie­ren. Das bedeu­tet aber nicht, dass wir uns nicht Gedanken machen müs­sen, wo wir als in nicht mal 20 Jahren ste­hen wol­len. Der Wahlkampf der CDU in Schleswig-​​Holstein oder Nordrhein.Westfalen hat deut­lich gezeigt, dass allein mit dem Versprechen, man wolle solide sein und spa­ren, keine poli­ti­schen Mehrheiten gewon­nen wer­den kön­nen. Politik ist halt mehr als das Herumreiten auf Schuldenabbau. Es bleibt immer noch Aufgabe in der Politik, Ziele zu for­mu­lie­ren und Strategien und Konzepte zu fin­den, um diese Ziele errei­chen zu können.

Für die Kieler Koalitionäre, die nächste Woche damit begin­nen, ihren Koalitionsvertrag zu for­mu­lie­ren, sollte das Papier der IHK Anlass genug sein, noch ein­mal durch­zu­at­men und sich zu fra­gen, was ihr Papier wer­den soll: Eine buch­hal­te­ri­sche Auflistung von Einzelpunkten oder eine mutig for­mu­lierte Vision, wo unser Land 2030 ste­hen soll. „Koalition des Aufbruchs“, so hieß die Vereinbarung, die CDU und FDP 2009 unter­schrie­ben. Was dann pas­sierte, war sicher­lich nicht falsch, blieb aber höl­zern und löste keine Euphorie aus. Wofür auch, wenn kein Ziel erkenn­bar ist.
Über die Schuldenbremse müs­sen wir nicht mehr dis­ku­tie­ren. Wer sie in Zweifel zie­hen will, hat die Realität eh nicht erreicht. Wer aber bei ihr ver­harrt, der ver­baut sich den Blick in die Zukunft. Man muss nicht alles tei­len, was die IHK Schleswig-​​Holstein for­dert. Man muss aber aner­ken­nen, dass sie etwas bewe­gen will. Die neue Regierung tut gut daran, den Diskurs zu suchen und mög­lichst viele gesell­schaft­li­che Kräfte ein­zu­be­zie­hen. Vielleicht schaf­fen es ja auch mal die Gewerkschaften und Sozialverbände, ihre Sprachlosigkeit zu über­win­den und ihre Sicht der Dinge ein­zu­brin­gen. Doch dann müs­sen Konzepte folgen.

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