Journalismus in Zeiten des Internets

Von | 8. Dezember 2012

Gestern erschien die letzte Ausgabe der Financial Times Deutschland (FTD). Die Frankfurter Rundschau (FR) ist insol­vent. Der medi­en­po­li­ti­sche Sprecher der Landtagsfraktion Bündnis 90/​Die Grünen, Rasmus Andresen, zeigt sich besorgt: „Wir müs­sen jetzt han­deln, bevor wei­tere Zeitungen ster­ben.” Er weist auf das skan­di­na­vi­sche Modell hin, nach dem Journalismus über Stiftungen sub­ven­tio­niert wird. Nun sind die FTD und die FR nicht die ers­ten Zeitungen, die ein­ge­stellt wer­den. Und Stiftungen kön­nen nie­man­den dazu zwin­gen, Zeitungen zu kaufen.

Problem 1: Medienwandel.

„Ist die Nachricht wich­tig, wird sie mich errei­chen” – Unbekannter College Student

Wir kön­nen uns heute auf viele unter­schied­li­che Arten und Weisen infor­mie­ren. Wir kön­nen viele Quellen direkt anzap­fen: Politikerinnen und Politiker pos­ten ihre Sicht der Dinge direkt per Homepage, bei Facebook oder Twitter und wir erfah­ren es als erste. Was wir davon hal­ten kön­nen, erfah­ren wir wenige Minuten spä­ter, wenn kom­pe­tente Menschen, unse­res Vertrauens auf eben den glei­chen Wegen kom­men­tie­ren. Was hat Steinbrück gesagt? Was hat Merkel gesagt? Was hal­ten Michael Spreng oder Albrecht Müller davon? Was haben Kubicki und Stegner gesagt und was hält Swen Wacker davon?

Jeder Kaninchenzüchterverein kann mit wenig Aufwand einer inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit mit­tei­len, was auf der Jahreshauptversammlung pas­siert ist und wenn da wich­ti­ges pas­siert, wird mich schon jemand von mei­nen Facebook-​​Freunden dar­auf hinweisen.

Vorgestern hat es bei einer Zoohandlung in Kiel gebrannt. Erfahren habe ich das per Facebook. Dass viele Tiere geret­tet wur­den, habe ich auch dort erfah­ren. Dass die Tiere im Tierheim sind und dass das Tierheim jetzt Käfige und Spenden braucht, habe ich auch dort erfah­ren. Aus ers­ter Hand: Von Leuten, die bei der Zoohandlung arbei­ten. Und von der Fanseite des Tierheims.

Wir kön­nen inzwi­schen bei viele Ergebnissen sogar live, per Internet dabei sein. Dann muss mir hin­ter­her nie­mand mehr erzäh­len, was da los war.

Natürlich ist das nur ein Teil des­sen, womit Journalismus Geld ver­dient hat, aber es ist ein Teil für den wir die Zeitung nicht mehr brauchen.

Problem 2: Das offene Internet.

„Den Geburtsfehler des Internets – kos­ten­lose Inhalte — zu besei­ti­gen ist aber schwie­rig und lang­wie­rig.” – Monika Piel, Tagesspiegel

Das Internet heißt Internet, weil es ver­schie­dene Netze mit­ein­an­der ver­bin­den soll. Die Inhalte eines Netzes kön­nen in einem ande­ren Netz abge­ru­fen wer­den. Als Tim Berners-​​Lee 1992 das World Wide Web erfand, wollte er Dokumenten zwi­schen den ver­schie­de­nen Laboratorien sei­nes Arbeitsgebers ver­füg­bar machen. Es sollte den Zugang zu Informationen ver­ein­fa­chen. Das ist auch heute noch eines der Prinzipien des Webs: Dokumente wer­den frei zugänglich.

Das ist auch der Grund für den Erfolg des World Wide Webs: Jedes Dokument ist über eine ein­deut­li­che Adresse (URL) welt­weit erreich­bar und ich kann aus jedem ande­ren Dokument auf diese URL ver­wei­sen. So kann jede Information der Welt sofort abge­ru­fen werden.

Auf der einen Seite wis­sen die Zeitungen das und sie wol­len in den Verzeichnissen von Google und ande­ren Suchmaschinen mög­lichst gut plat­ziert ver­linkt wer­den. Das geht aber nur, wenn sie die ech­ten, kom­plet­ten Inhalte frei­ge­ben. Für die Suchmaschinen sind nur echte Inhalte inter­es­sant, weil sie nur dann ihren eige­nen Kunden ein opti­ma­les Suchergebnis garan­tie­ren kön­nen. Schon alleine des­we­gen sind Bezahlschranken, wie sie erst kürz­lich die Kieler Nachrichten ein­ge­führt haben pro­ble­ma­tisch. Diese Inhalte sind im enge­ren Sinn nicht mehr im Internet erreich­bar. Ich kann sie nicht per Suchmaschine fin­den, ein­fach ver­lin­ken und mich dar­auf beziehen.

Was Monika Piel als Geburtsfehler des Internets bezeich­net, ist in Wahrheit die Stärke und die Grundlage des Internets: Freier, welt­wei­ter Zugang zu Informationen. Das zu ver­drän­gen, bedeu­tet gegen das Internet zu arbei­ten. Und gegen ein Medium zu arbei­ten kann nicht die Lösung für Medienunternehmen sein. Oder es wird das Internet ver­for­men und beschädigen.

Problem 3: Das Geld ver­die­nen Andere.

„In Wirklichkeit will Google nur erz­ka­pi­ta­lis­ti­sche Interessen durch­set­zen und sein Geschäftsmodell opti­mie­ren.” – Mathias Döpfner, Axel Springer AG

Die Internetwirtschaft neigt stär­ker als andere Wirtschaftsbereiche zur Monopolisierung. Zum Einen liegt das am Netzwerkeffekt: Der Nutzen eines Angebots steigt, wenn sich mehr Nutzer betei­li­gen. Zum Anderen gibt es eine abso­lute Angebotstransparanz und kaum Wechselaufwand. Wenn eine andere Suchmaschine einen bes­se­ren Service bie­tet als Google, bin ich mit einem Klick weg. Und wenn Google bes­ser wird, wenn mehr Menschen dort suchen, dann ver­stär­ken sich beide Faktoren gegenseitig.

Mittlerweile bie­ten ein paar wenige Firmen einen Großteil der täg­lich genutz­ten Leistungen an: Google, Facebook, Apple, Amazon. Würde man das Internet auf diese Firmen redu­zie­ren wür­den viele Menschen die Einschränkungen kaum mer­ken. Diese Firmen haben dar­über hin­aus (viel­leicht bis auf Facebook) funk­tio­nie­rende Geschäftsmodelle.

Journalismus, wie er zur Zeit im Internet orga­ni­siert ist, hängt von die­sen Firmen ab. Sie brau­chen die Leser, die Google und Facebook schi­cken. Sie brau­chen das Geld, das sie mit Apps bei Google und Apple ver­die­nen kön­nen. Google, Facebook und Apple wie­derum brau­chen ein Internet voll guter Inhalte. Ohne die wäre die Suchmaschine wert­los, das Werbenetzwerk unin­ter­es­sant, der App-​​Store öde.

Im Kern ist das Problem des Journalismus ein Verteilungsproblem: Das große Geld im Internet ver­die­nen im Moment Andere. Deswegen ist es ver­ständ­lich, dass Medienunternehmen (aber auch Internetprovider) in deren Richtung schie­len und über­le­gen, wie sie einen grö­ße­ren Teil des Kuchens abbe­kom­men kön­nen. Dabei her­aus kom­men dann Ideen, die die Netzneutralität abschaf­fen und ein Leistungsschutzrecht ein­füh­ren wol­len und damit wie­derum das Internet im Kern bedrohen.

Gerne wird das, was Google News zum Beispiel für die Verlage macht mit der Arbeit eines Taxifahrers ver­gli­chen: Der müsse auch nicht dafür an den Restaurantbesitzer zah­len, dass er Gäste zum Restaurant fah­ren darf. Der Vergleich hinkt gewal­tig, weil es nicht der Taxifahrer ist, der das dicke Geld ver­dient. In Wahrheit ver­die­nen beide Seiten ganz gut an den Restaurantgästen. Diese Verhältnis ist zwi­schen Verlagen und Google anders.

Keine ein­fa­che Lösung.

Journalismus der Zukunft wird nicht Zeitung im Internet sein. Die neue Rolle muss sich der Journalismus Schritt für Schritt suchen. In jedem Fall muss der Journalismus die Stärken des Internets nut­zen — nicht bekämp­fen. Und dann müs­sen die Geldströme so gelenkt wer­den, dass tat­säch­lich die Erzeuger hoch­wer­ti­ger Inhalte davon leben kön­nen. Das ist auch im Interesse von Google.

Ob das nur über den Markt geht, kann man nicht nur abwar­ten — dazu ist die gesell­schaft­li­che Funktion, die kri­ti­scher Journalismus erfüllt, zu wich­tig. Die Einstellung eini­ger Zeitungen, die offen­bar zu wenig Menschen lesen woll­ten, ist kein Grund zur Panik. Wir brau­chen kei­nen Rettungsschirm für Zeitungen und keine Zeitung alleine ist sys­tem­re­le­vant. Auch wenn wir uns lang­sam daran gewöhnt haben: Der Staat darf und kann nicht jedes geschei­terte Geschäftsmodell retten.

4 Gedanken zu “Journalismus in Zeiten des Internets”:

  1. Sebs

    Problem 4: Schlechte Produkte

    Am Beispiel Leistungsschutzrecht sieht man mal rich­tig schön das berich­tet wird nach dem was bezahlt wird, bzw. nach dem der bezahlt. Das Mediensterben statt­fin­det weil, durchs Internet nun unab­hän­gi­ges gewohnt, Menschen dar­auf nicht mehr her­ein­fal­len, dar­auf kommt am Ende natür­lich bei den Journalisten/​Verlagen kei­ner. Wieso auch, die Branche steckt mit dem Kopf so tief in der kogni­ti­ven Dissonanzbubble das die Wahrnehmung für das Real Life ein­fach fehlt. Zum Beispiel dafür das Internet ein Teil des sel­bi­gen ist.

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  3. meike

    Das Problem greift aller­dings weiter/​tiefer. Denn es ist eben nicht ein­fach so, dass ein Produkt, das kei­nen Markt hat, jetzt eben ver­schwin­det – und bloß ein paar Nostalgiker dies bedau­ern. Es geht darum, dass die Redaktion, also mehr als 300 kluge, ver­netzte, kom­mu­ni­ka­tive, reflek­tierte, kom­pe­tente, zuge­wandte Frauen und Männer das aller­meiste rich­tig gemacht haben. Und ihnen den­noch alter­na­tiv­los (ja, hier gilt der Begriff!) bin­nen weni­ger Tage der Stecker gezo­gen wurde. Die sind jetzt ein­fach so „frei” auf dem „Markt”, der doch eben kei­ner (mehr) ist. Ein rie­si­ges Potential, das die Entscheidungsträger ide­en­los kalt gestellt haben. Kein Spirit, kein Inkubator, kein Thinktank, kein ver­öf­fent­lich­tes Angebot ging an die FTD-​​ler raus. Sondern nur die Botschaft: ENDE. Zu mei­nem größ­ten Bedauern.

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    1. Steffen VoßSteffen Voß Post author

      So sind Pleiten bei grö­ße­ren Firmen: Die nor­ma­len Angestellen machen einen ordent­li­chen Job und der Laden macht trotz­dem dicht. Das ist nicht spe­zi­fisch für Journalismus. Aber als Ergänzung hast Du natür­lich recht.

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