Wir sind „Der echte Norden“!

Von | 29. August 2013

Seit dem 27. August ist es klar: Wir sind „Der echte Norden“ – Mit diesem Wahlspruch präsentierte Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) das Konzept für eine neue Dachmarke für das Land Schleswig-Holstein. Zu dem Konzept gehört neben dem Slogan noch ein Corporate Design, das mit Elementen des Wappens, den Landesfarben Blau, Weiß, Rot und dem Kürzel .SH arbeitet. Und wie es mit Designs so ist: Jeder ist Experte, jeder hat eine Meinung und kritisieren ist leicht. Ich versuche mich mal mit dem Positiven.

Zunächst hat Reinhard Meyer objektiv Recht, wenn er sagt, dass die Vorgängermarke „Land der Horizonte“ nicht mit Leben gefüllt wurde. Das waren halt die Schilder an der Autobahn. Und dazu gab es die stilisierten Fähnchen auf den Veröffentlichungen der Landesregierung, die wohl Ministerpräsident Engholm eingeführt, und die schwarz/gelbe Koalition zugunsten des reinen Landeswappens dann wieder abgeschafft hat. Ich mochte die Fähnchen und „Das Land der Horizonte“ – Nun aber zu versuchen, die Fähnchen wieder einzuführen und „Das Land der Horizonte“ wiederzubeleben, ist eher schwierig. Ein Neustart ist durchaus sinnvoll.

.SH als Top Level Dachmarke

Das neue Konzept startet auch nicht komplett bei Null. Mit dem Kürzel .SH, knüpft es an die IB.SH (Investitionsbank) und Nah.SH (Landesweite Verkehrs-Service-Gesellschaft) an. Das orientiert sich natürlich an der Optik von Top Level Domains und lässt sich entsprechend auch auf das WiMi.SH (Wirtschaftsministerium), die WT.SH (Wirtschaftsförderung) oder Ähnliches übertragen. Und man wüsste auf einen Blick, dass es sich um Einrichtungen des Landes handelt. Da weiß man dann, wofür man Steuern bezahlt. Vielleicht sollten Landestraßen, Schulen und Universitäten auch entsprechend durch designen: L328.SH oder CAU.SH

Ein Schönheitsfehler an dieser Idee ist, dass die echte Top Level Domain die Länderdomain von St. Helena ist. Hamburg zum Beispiel, hat gerade erst den Zuschlag für .hamburg von der ICANN bekommen. Warum man sich aber die passende Domain nicht registriert hat, verstehe ich nicht – der-echte-norden.sh gehört seit dem 28. August 2013 einem Herrn Ostermann in Handewitt. Andererseits: Welcher Art Service sollte man hinter so einer Domain anbieten, außer dem Download des Corporate Designs?

Up ewig ungedeelt: Die Löwen und das Nesselblatt

Nur so halb durchdacht finde ich die Idee, das Landeswappen zu zerlegen und mit den Löwen und dem Nesselblatt getrennt zu arbeiten. In der Pressemitteilung heißt es, sie könnten so auch auf großen Fläche auftreten. Die Kieler SPD hat das im Oberbürgermeister- und im Kommunalwahlkampf zuletzt gemacht, und das Kieler Wappen angeschnitten im Hintergrund genutzt. Ich fand das ganz chic. Aber ob das jemand wiedererkannt hat, weiß ich nicht. Wer kennt schon diese Wappen? Und dann wird es auch noch zerlegt. Schleswig-Holstein besteht nun einmal aus Schleswig und Holstein und eigentlich wäre es besser, das nicht zu teilen.

Blau, Weiß, Rot

Die Landesfarben drängen sich natürlich auf und sind sicher der am wenigsten kreative Teil des Designs: Blau wie der Himmel / Weiß wie der Strand / Rot wie die Felsen von Helgoland… Das sind freundliche Farben und mit Rot hat man auch immer eine Signalfarbe dabei. Vielleicht sollte man noch einmal testen, ob der gewählte Rot-Ton, Betrachter nicht zu sehr an die Telekom erinnert.

Der Wahlspruch

Mit Wahlsprüchen ist es ja so eine Sache: Sie sollen extrem komprimiert sehr viel aussagen. Sie sollen Assoziationen wecken. Und gerade weil man so viel hinein interpretieren soll, scheinen sie sehr beliebig zu sein.

Eine Ausnahme ist zum Beispiel „Kiel, sailing city“ – Da hatte man sich man wirklich auf eine Sache festgelegt, für die die Stadt steht: Segeln. (Siehe auch) Allerdings hat man sich mit damit auch um die Segelwettkämpfe der Olympischen Spiele beworben. Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke (SPD) hat, jetzt – über ein Jahrzehnt später – mal vorgeschlagen, den Fokus mal wieder zu weiten und auch für Kiel als Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort zu werben. Das ist der Nachteil, wenn man sehr konkret ist: Man schließt vieles aus.

„Der echte Norden“ schließt wenig aus. Und es ist schon auf den ersten Blick nicht strittig: Schleswig-Holstein ist in Deutschland tatsächlich im Norden. Und es durchgängig durch das Meer geprägt – anders als zum Beispiel Niedersachsen. Und das Meer ist in Deutschland der Inbegriff von „Norden“ – so wie Berge der Inbegriff für den „Süden“ sind.

Und machen wir uns nichts vor: Auch „Der echte Norden“ wird auf Schildern an der Autobahn stehen. Und er wird hier und da auf Broschüren des Landes stehen. Niemand muss sich das tätowieren lassen (Obwohl das ein starkes Signal des Vertrauens des Wirtschaftsministers in sein Konzept wäre) und auch wird es keine neue Landeshymne mit diesem Titel geben. Dieser Spruch wir das sein, was er ist: Ein kleiner Teil eines Corporate Designs. Und er ist so gut viele viele andere auch. Aber nicht so schlecht, wie er sein könnte. Letztlich ist es nur die Marke der Landesregierung und der Landeseinrichtungen.

Ich bin gespannt, wie die neue Dachmarke sich auf die Veröffentlichungen und vor allem die Homepage des Landes auswirkt, wie die verschiedenen Landesorganisationen sich darauf einstellen und ob es das Land wirklich schafft, eine Marke daraus zu prägen.

16 Gedanken zu “Wir sind „Der echte Norden“!”:

  1. Mett

    Mir wurde berichtet, dass in den Regionalprogrammen der Süddeutschländer eine Wetterkarte verwendet wird, die bloß bis Hamburg hoch reicht. Gebe das hier mal so unreflektiert weiter. Demnach wird es Zeit, dass die aufgeklärt werden, wo der“echte“ Norden der Republik liegt.

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  3. Frank Ulrich

    Die Diskussionen im Land zu dem Thema sind heftig – zu heftig und spaltet mehr, als dass es zusammenführt. Vor diesem Hintergrund wird es sehr schwieirg, diese Version zur „Dachmarke“ in SH zu etablieren.

    Deine Meinung zu „[der echte Norden] schliesst wenig aus“ kann ich nicht mit dir teilen, im Gegenteil. Er grenzt aus, er profiliert sich durch Abgrenzung, denn offensichtlich gibt es wohl einen falschen oder unechten Norden.

    Ebenfalls kritisch sehe ich die Einführung der Dachmarke .SH! Interessanterweise entstammen viele deiner Beispiele der gleichen Agentur und damit eher deren Designhandschrift als einem Trend im Land inhaltlich die Domain .sh zu etablieren, was meines Erachtens einem Kampf gegen Windmühlen gleichkäme.

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    1. Steffen

      Wenn ich könnte, würde ich mal im Zeitungsarchiv nachschauen, wie die Reaktionen damals auf das „Land der Horizonte“ oder die Engholm-Fähnchen damals waren. Wetten, dass die ähnlich waren?

      Als Wirtschaftsminister wäre ich da sehr entspannt. Die Menschen mögen generell keine Veränderungen. Und in Geschmacksfragen hat jeder eine Meinung. Die Aufregung geht vorbei. Es melden sich ohnehin nur die zu Wort, die es doof finden. In einer Woche ist das Thema vergessen. Und in 10 Jahren, wenn es ein neues, frisches Corporate Design gibt, will keiner den echten Norden loslassen.

      Dass das Motto spalten würde, halte ich für überinterpretiert. Natürlich grenzen solche Wahlsprüche sich immer gegenüber allen anderen ab. Aber das ist doch gerade der Sinn der Sache. Gab es denn in anderen Ländern keine Horizonte? Soll das heißen, der Niedersachse schaue nicht über seinen Tellerrand?

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      1. migger

        Gefehlt: Fast ein Jahr später ist es immer noch Thema! Wäre auch ein Wunder bei so ein schlecht durchdachtes Konzept.. Auch falsch! Das Design unter Engholm wurde nie zur Diskussion gestellt, denn es war besser und liefert Identifikation… Die Flagge kommt aus dem Volk und hat bereits Identifikation… Die Flagge wurde an der Kunstschule entwickelt.

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    1. Steffen

      „Wir können alles, außer Hochdeutsch“ ist auch son Ding. Der war ja wohl auch erst für Sachsen vorgesehen – die haben sich aber nicht getraut. :-D

      Identität besteht nicht aus einem Wahlspruch. Er kann aber ein Teil davon sein.

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  4. Steffen

    Der echte, echte Norden fängt gleich hinter Hamburg an
    Mit Stau auf der A7
    Und Sonne dann und wann
    Da hört man Möwen, Wellen, Wind im Feld
    Hier ist man gut gelaunt
    Die Leute von der Waterkant
    Mit ihrem Meeressound…

    wer dichtet weiter? :-)

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  6. Carolina

    Ich kann die mäkelnden Kommentare absolut nicht verstehen – schließlich ist es gelungen, mit dem Claim und dem Text sehr genau auf spezifische Standorte einzugehen. Und wie vielseitig! Bild tauschen, und es passt. Ich finde das vorbildlich in Sachen Nachhaltigkeit.

    Beispielsweise mit drei Klicks das passende Schild an der Landesgrenze zu Hamburg:
    als Vorgeschmack auf die Infrastruktur,
    oder halt im Land an markanten Stellen dann auch gerne mal
    ein Blick auf unsere einzigartigen Schlaglöcher (und das ist auch gleich ein Beitrag zur Verkehrssicherheit – wir wollten doch schöne Schilder).

    Schließlich ist SH auch vielfältig – warum zeigen wir es nicht mit einem Einblick in die politische Landschaft?.

    Okay, ob das Magenta so gelungen ist – aber ich finde, das ist Jammern auf hohem Niveau.

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  7. Arne

    „Land der Horizonte“ ist geistreich, vieldeutig und inspirierend. „Der echte Norden“ ist höchstens so platt wie das Land. In diesem Sinne kann ich nur zur missglückten Analogie gratulieren.

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  8. Mirko

    Haha, soll das ein schlechter Scherz sein. Nach meiner Meinung nach ist dieses Marketingprojekt ein Fettnäpchen für das Land Schleswig-Holstein.

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  10. Nick

    Aus dem Urlaub kommend sah ich gerade das erste Mal „Der echte Norden“. Fühlte sich an wie Nicht nach Haus kommen. Sp was von platt und nichts sagend. Und platt ist unser Land ja nun mal schon gar nicht. Wer es nur platt kennt, bitte mal Richtung Osten fahren.
    Land der Horizonte…in dem Schild war alles drinnen: unsere Landesfarben, Berge :), Wind, Wellen.
    Das Schild und der Spruch gefallen mir Null.
    Und ich hoffe es verschwindet wieder. Ich fahre gerne in den echten Norden nach DK, zumindest von mir aus gesehen ist das nördlicher als SH.
    Lasst Euch was einfallen und dann lasst die entscheiden, die im Norden leben. Wäre doch mal was.

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