Ist Durchlässigkeit im Schulsystem ein Garant für gelingendes Lernen?

Von | 1. November 2012
knipseline  / pixelio.de

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Die Veröffentlichung der aktu­el­len Studie der Bertelsmann-​​Stiftung über die Durchlässigkeit der Schulsysteme in Deutschland hat zwi­schen den Parteien für Diskussionen gesorgt. Die Studie hat unter­sucht, wie viele Schülerinnen und Schüler in den ein­zel­nen Bundesländern zwi­schen der fünf­ten und zehn­ten Klasse die Schulform wech­seln und wie viele davon auf– und absteigen.

Grundsätzlich steht Schleswig-​​Holstein da mit 2,1 Prozent Schulformwechslern auf dem vier­ten Platz und gehört damit zu dem Bundesländern, in denen rela­tiv gese­hen eher wenige Schüler die Schulform wech­seln. Die Bundesländer in denen sehr häu­fig gewech­selt wird, sind Bayern (4,3 Prozent), Berlin (4,9 Prozent) und Bremen (6,1 Prozent). 

Nun ist die Anzahl der wech­seln­den Schüler nur ein Wert, der für sich gese­hen eine rela­tiv geringe Aussagekraft hat, denn es stellt sich ja die Frage, ob ein Schulsystem neben der Möglichkeit in der Schulhierarchie abzu­stei­gen, weil die Leistungen nicht den Anforderungen der jeweils höhe­ren Schulform ent­spre­chen, auch die Chance bie­tet, in eine höhere Schulform aufzusteigen.

Während man den Abstieg häu­fig als Selektion emp­fin­det, die dazu die­nen soll, die Homogenität der Lerngruppen und damit das Niveau in Schulformen wie dem Gymnasium oder der Realschule hal­ten zu kön­nen, wäre ein Aufstieg ein posi­ti­ves Indiz dafür, dass das Bildungssystem so durch­läs­sig ist, dass Schüler, die sich beson­ders anstren­gen, dann auch mit einem Aufstieg in eine Schulform mit ver­meint­lich bes­se­rem Ruf und grö­ße­ren Chancen für die Zukunft belohnt werden.

Reaktionen auf die Bertelsmann-​​Studie

In Schleswig-​​Holstein kom­men auf einen Aufsteiger vier Absteiger. Das sind der schul­po­li­ti­schen Sprecherin der Landtagsfraktion Bündnis 90/​Die Grünen, Anke Erdmann zu viele und sie argu­men­tiert dahin­ge­hend, dass bereits in den Grundschulen die Beratung hin­sicht­lich der wei­ter­füh­ren­den Schule ver­bes­sert wer­den muss und stellt den Wert der bis­he­ri­gen Schulartempfehlungen in Frage. Weiterhin spricht sie sich für mehr indi­vi­du­elle Förderung aus und sieht wei­te­ren Handlungsbedarf in der Professionalisierung der Lehrerausbildung.

Die bil­dungs­po­li­ti­sche Sprecherin der FDP-​​Landtagsfraktion, Anita Klahn sieht hin­ge­gen in der Dreigliedrigkeit der Schulsysteme in Bayern und Baden-​​Württemberg einen deut­li­chen Vorteil, da in die­sen Bundesländern gute Verhältnisse zwi­schen Auf– und Absteigern haben und letz­te­res mit 1,3 Prozent all­ge­mein eine sehr geringe Quote an Schulformwechslern hat. Doch auch sie sieht Handlungsbedarf dahin­ge­hend, dass sich der Anteil der Aufsteiger erhö­hen muss und sieht eben­falls die Verbesserung der Lehreraus– und fort­bil­dung als unab­ding­bar an. 

Auswirkungen eines Schulformwechsels

Über das Für und Wider über das Absteigen in einer nied­ri­gere Schulform gehen die Meinungen der Experten aus­ein­an­der. Einige heben die posi­ti­ven Leistungserfahrungen, die abge­stie­gene Schüler nach einem Abstieg erfah­ren, da die Leistungsanforderungen nun weni­ger hoch sind und sie bes­ser mit­hal­ten kön­nen, her­vor, was als posi­ti­ves Argument sicher­lich nicht von der Hand zu wei­sen ist. Dagegen spricht der Fakt, dass jeder Klassen– bzw. Schulwechsel für ein Kind oder einen Jugendlichen über­aus for­dernd ist, da er durch den Wechsel sowohl aus sei­nem sozia­len Umfeld geris­sen wird und sich in einer neuen Gruppe mit gewach­se­nen Strukturen neu ori­en­tie­ren und ein­le­ben muss.

Ebenso sind die Arbeitsformen in den ein­zel­nen Schulformen durch­aus unter­schied­lich. Besonders deut­lich wird das, wenn Schüler aus schleswig-​​holsteinischen Gymnasien in Regional– oder Gemeinschaftsschulen wech­seln, in denen vor allem in den Klassen, die sich ein län­ge­res gemein­sa­mes Lernen auf die Fahnen geschrie­ben haben und nicht abschluss­dif­fe­rent unter­rich­ten, viel selbst­ge­steu­er­ter und bin­nen­dif­fe­ren­zier­ter unter­rich­tet wird, als das die Schüler aus ihrer alten Schulform gewohnt sind.

So kom­men in Sachen Selbst– und Methodenkompetenz ganz andere Herausforderungen hinzu. Diese bei­den Aspekte gel­ten natür­lich auch glei­cher­ma­ßen für die Aufsteiger in eine höhere Schulform. An die­ser Stelle möchte ich kurz noch auf die im Moment sicher­lich unter Lehrern und Unterrichtsforschern am häu­figs­ten dis­ku­tierte Studie von John Hattie hin­wei­sen. Dieser hat eine Metastudie vor­ge­legt, die auf 800 Meta-​​Analysen basiert, die ins­ge­samt über 51.000 Studien umfas­sen und die frage beant­wor­ten soll, wel­che Merkmale den erfolg­rei­chen Unterricht in wel­cher Stärke beein­flus­sen. Sowohl Sitzenbeleiben als auch häu­fige Schulwechsel haben laut die­ser Studie einen gra­vie­ren­den nega­ti­ven Effekt. Die Ergebnisse der Studie sind sehr umfang­reich und sind unter dem Stichwort „visi­ble learning” im Internet zu finden.

Rolle der Schulartempfehlung in der Grundschule

Eine wich­tige Rolle spielt in die­sem Kontext die Qualität der Schulartempfehlung am Ende der Grundschulzeit. Hier sind die dia­gnos­ti­schen Fähigkeiten der Lehrkräfte gefragt, denn sie sol­len zu die­sem frü­hen Zeitpunkt ein­schät­zen, was dem jewei­li­gen Kind grund­sätz­lich zuzu­trauen ist.

Darüber hin­aus spielt der Elternwille eine Rolle, der in Schleswig-​​Holstein bei der Wahl der wei­ter­füh­ren­den Schule eine große Rolle spielt. Es ist näm­lich rela­tiv leicht mög­lich, die Schulartempfehlung zu igno­rie­ren und das eigene Kind in einer Schule höhe­rer Schulform anzu­mel­den. Dies wird bei­spiels­weise in Bayern eher restrik­tiv gehand­habt. Deshalb kommt Bayern auch in Sachen Aufsteigern zu einer guten Quote, denn bei einer gan­zen Reihe von Schülern wird erst spä­ter deut­lich, dass sie zu weit­aus höhe­ren Leistungen in der Lage sind, als ihnen das per Schulartempfehlung zuge­traut wurde.

„Mischwald ist bes­ser als Monokultur”

Ein wei­te­rer Aspekt ist die Einstellung, die man gegen­über hete­ro­ge­nen Lerngruppen hat, näm­lich ob man sie als Bereicherung oder als Hemmnis für gelin­gen­des Lernen emp­fin­det. Der wei­ter oben bereits erwähnte John Hattie beschei­nigt „leis­tungs­ho­mo­ge­ner Differenzierung”, die durch selek­tive Homogenisierung von Lerngruppen for­ciert wird, einen klei­nen Effekt. Vielmehr kommt es bei gelin­gen­dem Lernen auf Aspekte, wie die Glaubwürdigkeit des Lehrers, ein lern­för­der­li­ches Klima sowie regel­mä­ßige Rückmeldung an die Schüler im Unterrichtsprozess an.

Auch rezi­pro­kes Lernen, bei dem Schüler sich gegen­sei­tig beim Lernen hel­fen, hat posi­tive Auswirkungen auf den unter­richt­li­chen Lernerfolg. Da kaum ein Schüler in allen Fächern gleich stark oder schwach ist, sollte in jeder Schulform das Augenmerk dar­auf lie­gen, die Stärken der Schüler zu stär­ken und ihre Schwächen zu schwä­chen, was jedoch nur dann mög­lich ist, wenn der Schüler mehr als die Summe sei­ner Durchschnittsnoten ist.

 

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