I want my money back – Was schuldet uns die Wissenschaft?

Von | 4. November 2012

Acc. 90-105 - Science Service, Records, 1920s-1970s, Smithsonian Institution Archives

Acc. 90 – 105 — Science Service, Records, 1920s-​​1970s, Smithsonian Institution Archives

Zwischen all den Nachrichten über volle Hörsäle, Wohnungsnot der Studenten, Bachelor-​​Master-​​Kritik, Finanzierungsproblemen und ande­rer Unbill ver­gisst man häu­fig, dass die Unis in Schleswig-​​Holstein auch manch­mal einen wirk­lich guten Job machen. Wenn sie inter­es­sante wis­sen­schaft­li­che Erkenntnisse lie­fern, bei­spiels­weise. Oder wenn sie zumin­dest die rich­ti­gen Fragen stellen.

Eine gute Gelegenheit, die Arbeit der Universitäten am eige­nen Leib zu erle­ben, fand am ver­gan­ge­nen Wochenende (26. und 27.10.12) in der Kieler Kunsthalle statt: Der Kongress „the end of sci­ence and beyond“, ver­an­stal­tet von der CAU Kiel. Eingeladen waren Wissenschaftler aus aller Welt, unter ande­rem aus England, Kanada und Italien.

Schon seine Eröffnungsrede begann der Kieler Uni-​​Präsident Gerhard Fouquet mit einem inter­es­san­ten Gedanken: „I want my money back.“ Mit der abge­wan­del­ten Redewendung der eiser­nen Lady Margaret Thatcher bezog er sich hier­bei auf die wich­tige Frage, was die Wissenschaft der Gesellschaft schul­dig ist. Zu gro­ßen Teilen wird „sci­ence“ in west­li­chen Demokratien aus der öffent­li­chen Hand bezahlt. Der soge­nannte „FuE-​​Komplex“ (FuE = Forschung und Entwicklung) erhielt in Deutschland 2010 2,8% des BIP. Doch was kann eine Gesellschaft dafür erwarten?

Aufgaben und Ansprüche

Natürlich, die wich­tigste Aufgabe der Universitäten und ihrer zahl­rei­chen Forscher und Wissenschaftler liegt in der Generierung von neuem Wissen. Doch ist Wissen nicht immer gleich­zu­set­zen mit Erkenntnis. Was hofft man also, mit dem gewon­ne­nen Wissen zu erreichen?

Der Sponsor des Kongresses, Prof. Frederik Paulsen (CEO der Ferring Holding), fragte nach den Ansprüchen an die „Wissen Schaffenden“: Erwarte man Profite oder Marktpotenzial? Problemlösungen, Hilfe im Alltag? Oder ein­fach Wunder?
Auch Prof. Fouquet hatte, in Anlehnung an einen Artikel von Frank Schirrmacher, auf die gro­ßen Träume unse­rer Zivilisation geschaut. Was war aus Ihnen gewor­den? Wo ist die all­um­fas­sende Heilung für Krebs, wo sind die flie­gen­den Autos und die Marskolonien? Und was ist eigent­lich aus Fusionsreaktoren geworden?

Das Nichteinlösen die­ser Versprechen der Wissenschaft liegt selbst­ver­ständ­lich nicht an Untätigkeit oder Unfähigkeit der Forschenden. Vielmehr am Vorgehen und dem gene­rel­len Verständnis von Forschung und der Erzeugung von Wissen. Die klein­tei­lige Spezialisierung der Wissenschaftler auf ihre Fachbereiche führt zwar zu detail­lier­tem Spezialwissen, doch hapert es an der Verknüpfbarkeit der zahl­lo­sen Daten mit ande­ren Bereichen.
Ich habe mir das Problem selbst mit einer Analogie erklärt: Wenn 100 Leute nur allein die Bestandteile von Schokolade ana­ly­sie­ren und unter­su­chen, hat man zwar Experten für bio­lo­gi­sche Kakaobohnen, effek­tive Milchproduktion, Palmölhandel und die Zusammenhänge von Zucker und Diabetes – aber nie­man­den der den Geschmack von Schokolade ken­nen würde.

Auch Dr. James Le Fanu warf die­sen Punkt in sei­nem Vortrag auf. Die unge­heu­ren Datenmengen, die durch moderne expe­ri­men­telle Methoden erzeugt wer­den, kön­nen von nie­man­dem gele­sen oder aus­ge­wer­tet wer­den. In sei­nen Worten beschrieb er die Gegenwart als die gleich­zei­tig „beste und schlechte Zeit für die Wissenschaft“. Die Budgets der Forschungseinrichtungen seien heute so hoch wie nie, es wür­den zudem mehr Forscher als je zuvor an wis­sen­schaft­li­chen Fragestellungen arbei­ten. Und doch sei der Erkenntnisgewinn mar­gi­nal. Le Fanu zufolge leben wir in der Zeit der „indus­tria­li­sier­ten Wissensgewinnung“.

Kritik am System

Die Kritik, die im wei­te­ren Verlauf des Kongresses am gegen­wär­ti­gen Forschungsbetrieb geäu­ßert wurde, war man­nig­fal­tig. Durch die starke fach­li­che Durchmischung der Teilnehmer und Referenten ent­stan­den zahl­rei­che inter­es­sante Thesen, die wich­tigs­ten möchte ich hier nur kurz anreißen:

  1. Wissenschaftler wür­den nur in pro­mi­nen­ten Forschungsbereichen Gelder erhalten.
  2. Der kon­stante Zwang, Publikationen zu ver­öf­fent­li­chen würde die Kreativität hem­men. („Publish or perish“)
  3. Es gäbe keine Universalgelehrten mehr, nur Fachidioten.
  4. Das Philosophische Grundgerüst würde fehlen.
  5. Umso bun­ter die Bilder in Magazinen, desto grö­ßer sei das Interesse an der Forschung. (z.B. in der Neurowissenschaft)
  6. Wissenschaftler wür­den einer destruk­ti­ven Naturvergessenheit anhängen.
  7. Bürokratie und Privatwirtschaft wür­den Einfluss auf die Forschung nehmen

Natürlich kön­nen gegen­wär­tige wis­sen­schaft­li­che Ergebnisse (nicht: Erkenntnisse) im Vergleich zu Entdeckungen wie (bei­spiels­weise) der gene­rel­len Relativitätstheorie nur ent­täu­schen. Besonders, wenn man sich ihre Kosten vor Augen führt. Der kürz­lich erfolgte Existenzbeweis des Higgs-​​Bosons war ein tol­les Ereignis, doch die Forscher im CERN sind auch mit einem nie dage­we­se­nen Budget aus­ge­stat­tet. Albert Einstein hat da kos­ten­ef­fi­zi­en­ter gearbeitet.

Vielleicht hilft es, sich die Theorie von Thomas Kuhn anzu­se­hen, um die Kritik abzu­mil­dern. Kuhn ver­öf­fent­lichte schon im Jahr 1962 sein Werk „The Structure of sci­en­ti­fic Revolutions”, in wel­chem er den Verlauf und die gro­ßen Entdeckungen der Wissenschaft ana­ly­siert. Ihm zufolge ver­läuft Wissenschaft nicht linear, son­dern perio­disch. Momentan befän­den wir uns dem­nach in einer Periode der „nor­mal sci­ence”. Bei die­ser „nor­ma­len Wissenschaft” läuft alles sehr pro­duk­tiv ab und die Forscher lösen viele kleine Puzzle wie am Fließband. Das Ganze geht so lange gut, bis auch nur ein Forscher an ein Problem gerät, wel­ches mit der momen­tan gemein­gül­ti­gen Theorie nicht erklär­bar ist. Nach die­ser „Krise” gelan­gen wir in die Periode der „revo­lu­tio­nary sci­ence” und dort wer­den dann auch end­lich wie­der große Fragen beant­wor­tet. Wer also ein Problem hat, das die Grundfesten der momen­ta­nen Weltanschauung erschüt­tert, kann es gerne in den Kommentaren posten.

Und jetzt?

Was das nun aber alles für den nor­ma­len Bürger bedeu­tet, ist damit nicht geklärt. Natürlich pro­fi­tiert fast jeder von neuen Medikamenten, Diagnosemethoden und Energieeffizienz. Die Ergebnisse aus der Theoretischen Physik sind dafür weni­ger hilf­reich bei der Bestreitung des Alltags. Natürlich plä­diere ich nicht dafür, sie abzu­schaf­fen oder ihre Finanzierungen zu kür­zen. Das wäre gran­dio­ser Unfug, denn gerade die theo­re­ti­schen Wissenschaften sind es, die irgend­wann die oben beschrie­bene „Kuhnsche Krise” aus­lö­sen werden.

Trotzdem sollte eine Diskussion geführt wer­den, in wel­cher geklärt wird, was Gesellschaften von der von ihr finan­zier­ten Wissenschaft erwarten.

In wel­che Richtung soll es wei­ter­ge­hen? Wie sollte die Lehre an Universitäten aus­ge­rich­tet wer­den? Wie steht man zu dem 10%-Ziel der Bundesregierung ?
Welche Kritik wür­det ihr an der gegen­wär­ti­gen Wissenschaftsauffassung, dem Universitätsbetrieb und der Finanzierung üben? Ich würde mich über Kommentare freuen!

Sebastian Maas
Von:

28, darf sich jetzt Politikwissenschaftler nennen. Wohnt in Kiel, lebt im Internet, kommt aus Flensburg. Volontär. Gehört keiner Partei an, kocht und isst gerne (vegetarisch!!).

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *