Ein sympathischer Volkstribun?

Von | 12. November 2012

Der Vorsitzende der Schleswig-​​Holsteinischen FDP-​​Landtagsfraktion, Wolfgang Kubicki, ist der große Gewinner des neuen Polittalks von Stefan Raab, „Absolute Mehrheit”. Mit 42,6% der Stimmen konnte der libe­rale Politiker zwar das namens­ge­bende Ziel der Sendung nicht errei­chen, stellte seine Mitbewerber damit aber den­noch in den Schatten. Den zwei­ten Platz errang inter­es­san­ter­weise der linke Hamburger Bundestagsabgeordnete und gebür­tige Schleswig-​​Holsteiner Jan van Aken.

Wolfgang Kubicki bei Absolute Mehrheit (Quelle: selbst erstellter Screenshot der Sendung)

Wolfgang Kubicki bei Absolute Mehrheit (Quelle: selbst erstell­ter Screenshot der Sendung)

Wie konn­ten zwei Politiker, deren Parteien bun­des­weit mit der Fünf-​​Prozent-​​Hürde zu kämp­fen haben, bei einem sol­chen Event so viel Zustimmung erhalten?

„Absolute Mehrheit” ist ein Medienexperiment, das Elemente aus klas­si­schen Polit-​​Talkshows mit Strukturen aus Unterhaltungssendungen und Castingshows ver­bin­det. Den fünf Kandidaten wer­den im Laufe der Sendung drei Themen zur Diskussion vor­ge­ge­ben, diese wer­den jeweils durch kurze Filmschnipsel mit „Populärmeinung” ein­ge­lei­tet. Die ganze Zeit haben die Zuschauer die Möglichkeit über Telefon oder SMS für ihren Lieblingskandidaten zu stim­men. Nach jedem Thema fliegt aller­dings der „schlech­teste” Teilnehmer aus der Wertung, nicht aber aus der Diskussion. Sollte am Ende der Sendung ein Teilnehmer sogar über die abso­lute Mehrheit (also mehr als 50% der Stimmen) ver­fü­gen, würde er 100.000 Euro gewinnen.

Die Sendung war als Pilotfolge natür­lich an eini­gen Stellen etwas zäh, das dau­er­hafte Einblenden der Telefonnummern und Zwischenergebnisse störte extrem den Fluss der Diskussionen und schnitt dadurch nicht nur ein­mal Teilnehmern das Wort ab. Auch war sich Stefan Raab sei­ner Rolle als Moderator im eigent­li­chen Sinn nicht ganz bewusst. In der bekann­ten Showmaster-​​Tradition sti­chelte er oft­mals oder bezog klar Position. Anders als man erwar­ten würde begeis­terte er sich bei­spiels­weise für Jan van Akens Idee eines „Maximallohns”, ein ande­res Mal wit­zelte er in Richtung Thomas Oppermanns, wie­der ein­mal mache der Sozi einer jun­gen Untermehmerin einen Strich durch die Rechnung (als die­ser eine Runde knapp vor Teilnehmerin Delius gewann).

FDP-​​Landeschef Wolfgang Kubicki stand am Ende der ers­ten Ausgabe des Formats also als Sieger da. Zwar konnte er sich nicht über das Preisgeld freuen, aber dafür über eine extreme Bestätigung sei­ner Popularität. In den drei Diskussionsrunden zu den Themen „Reichensteuer”, „Energiewende” und „Soziale Netzwerke” hatte er auch dau­er­haft einen Vorsprung vor sei­nen Mitbewerbern (Dr. Michael Fuchs, Thomas Oppermann, Jan van Aken und Verena Delius). Zum Schluss ließ sich der als Politikexperte bestellte Peter Limbourg sogar dazu hin­rei­ßen, Kubicki als „sym­pa­thi­schen Volkstribun” zu bezeich­nen. Ein erstaun­li­ches Ergebnis selbst für den schleswig-​​holsteinischen „Mister 8,2 Prozent”.

Ein FDP-​​Mann und ein Linker auf den ers­ten Plätzen einer Talkshow, der CDU-​​Teilnehmer flog zuerst raus. Im Vergleich zum momen­ta­nen Bundestrend ein denk­wür­di­ges Abstimmungsergebnis. Woran könnte das lie­gen? Zynische Beobachter mach­ten auf Facebook gleich Gedanken laut, dass nur FDP-​​Anhänger sich die Gebühren für die SMS und Anrufe zur Abstimmung hät­ten leis­ten kön­nen, oder das die Linken-​​Wähler ja mor­gen nicht zur Arbeit gehen müss­ten und des­halb Sonntags um Mitternacht noch Fernsehen gucken könn­ten. Das finde ich natür­lich wit­zig, aber als Erklärung ist das nicht zu gebrauchen.

Anonymisierter Facebook Post zur Sendung (Quelle: Selbst erstellter Screenshot)

Anonymisierter Facebook Post zur Sendung (Quelle: Selbst erstell­ter Screenshot)

Für mich als Poltikwissenschaftler wären natür­lich die Grunddaten der Abstimmenden inter­es­sant. Haben haupt­säch­lich Alte oder Junge abge­stimmt? Welches Einkommen haben sie? Wie viele Stimmen wur­den über­haupt abge­ge­ben? Da wir auf diese Daten kei­nen Zugriff haben, müs­sen wir ver­su­chen die extre­men Unterschiede zu klas­si­schen „Sonntagsfragen” anders zu erklären.

Im Gegensatz zu klass­si­chen Meinungsumfragen, die sich auf das gene­relle Gefühl von Wählern zur poli­ti­schen Lage bezie­hen, ging es hier um die Einstellung zu ein­zel­nen Personen. Charismatiker (oder Populisten) haben hier natür­lich einen Vorteil. Ist Kubicki also ent­we­der ein cha­ris­ma­ti­scher Sympathieträger oder Volksaufhetzer? Wer sich Kubicki-​​Kritiker anhört hört oft, die­ser sei „arro­gant”. Die Teilnehmer der Diskussion als auch der Moderator ver­such­ten zudem immer wie­der, ihn in die Ecke der Superreichen zu ste­cken. Er wisse ja, wie das mit den Kosten von Riesenjachten sei. Aber trotz die­ses Brandings als arro­gan­tes Mitglied der obe­ren 1% wurde Kubicki spä­ter zum Volkstribun erklärt.

Ganz sub­jek­tiv muss ich hier­bei sagen, dass sein Diskussionsverhalten sehr dezent war. Er fiel den Konkurrenten nicht trot­zig ins Wort und er warf auch nicht mit Ideologien um sich. Stattdessen erklärte er ruhig, ganz der Anwalt, warum die Forderungen der ande­ren Teilnehmer gegen das Grundgesetz ver­sto­ßen wür­den. So nahm er ihnen schnell den Wind aus den Segeln. Aber lag es nur daran?

Ein ande­rer nicht unwich­ti­ger Punkt bei jeder Abstimmung ist der Modus der Wahl:
Die der Abstimmung vor­an­ge­gan­gene Diskussion erlaubt den Teilnehmern, ihre Argumente kurz und prä­gnant vor­zu­stel­len, wäh­rend der Bürger auf dem Sofa sitzt und von zu Hause stimmt. Klassisch faule Nichtwähler wer­den also ani­miert, ihre Stimme abzu­ge­ben ohne sich eine Hose anzie­hen zu müs­sen. Außerdem wird das Gedächtnis nicht über­stra­pa­ziert, weil man sonst ja auf dem Weg zur Wahlurne oft schnell ver­gisst, wofür die Politiker ste­hen.
Ebenfalls wich­tig: Die Zahl der Stimmen pro Person ist bei „Absolute Mehrheit” nicht begrenzt. Wieder so ein Punkt bei dem die Daten der „Wähler” inter­es­sant wären: Von wie vie­len unter­schied­li­chen Wählern kom­men die Gesamtstimmen?
Ohne diese Informationen ist der Erkenntnisgewinn der Sendung lei­der bis zur Unbrauchbarkeit gering.
Vielleicht ist Pro7 ja so nett und rückt die Daten irgend­wann zur Analyse raus…

Was sagt uns die­ses merk­wür­dige Ergebnis nun aber? Sollte Kubicki ent­ge­gen sei­ner Dementis doch gegen Philipp Rösler put­schen und die FDP zur stärks­ten Kraft in der nächs­ten Bundestagswahl machen, mit dem Linken Jan van Aken als Oppositionsführer? Wahrscheinlich nicht. Denn dort müs­sen die Wähler ja noch auf­ste­hen und zur Wahl hin­ge­hen, haben nur zwei Stimmen und sehen das fiese Buchstabentrio F, D und P neben sei­nem Namen auf dem Wahlschein. Trotzdem gra­tu­liere ich der FDP und ihrem „größ­ten Kritiker” Wolfgang Kubicki zum Ausgang der Sendung.

Disclaimer: Ich bin kein FDP-​​Mitglied, aber nach dem Verfassen die­ses Artikels extrem müde! Wenn ihr also etwas aus­zu­set­zen habt, schreibt es gerne in die Kommentare.

Sebastian Maas
Von:

Ende 20, Politikwissenschaftler, Volontär. Wohnt in Kiel, lebt im Internet, kommt aus Flensburg. Gehört keiner Partei an. Mag neben Politik und Medien alles was nerdig ist.

2 Gedanken zu “Ein sympathischer Volkstribun?”:

  1. Elena

    Interessant, dass die­ser Beitrag mit kei­nem Wort dar­auf ein­geht, dass Stefan Raab in sei­ner Show vor einem Millionen-​​Publikum Phillip Rösler ras­sis­tisch belei­di­gen kann, ohne dass irgend­ei­ner der Diskussionteilnehmer_​innen dar­auf rea­giert hätte. Das ist offen­bar der Preis dafür, dass viele Menschen mit einer Polit-​​Talkshow erreicht wer­den. „Macht euch mal locker”? Nein danke!

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    1. Sebastian Maas

      Hi Elena, ich stimme dir zu, dass der „Stäbchen”-Kommentar von Raab ziem­lich def­tig war. Während der Sendung habe ich das nur als dum­men Spruch abge­tan, doch jetzt habe ich län­ger über dei­nen Kommentar nach­ge­dacht. Viele von Raabs Sprüchen in der Sendung waren hart, aber du hast schon Recht, dass dort ein Witz auf Kosten der Ethnie einer Person gemacht wurde, und dass das eigent­lich ‚poli­tisch inkor­rekt’ ist.

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